HerbstZeit ist LeseZeit

 

Wenn die Tage (leider) wieder kürzer und kühler werden,

ist man erfahrungsgemäß gerne zu Hause um zu kuscheln und zu lesen.

Und der heurige BücherHerbst hat genügend hochkarätige Werke im Rennen,

die die Zeit vertreiben und so manche schlaflose Nacht verursachen werden,

weil  man gar nicht mehr aufhören kann mit dem Lesen!

 

Wir haben natürlich schon ein wenig vorgeschmökert für Sie

und stellen Ihnen sukzessive die Neuheiten am Markt vor.

 

Ein schönes LeseFest

wünscht Ihnen herzlichst,

Ihre Lilly Tampier

Illustration: Pinterest

Und einmal mehr Grundendorf …

 

Das Böse ist immer und überall. Und die Zentrale ist wahrlich im fiktiven Ort Grundendorf im Marchfeld! Sicher erinnern Sie sich noch an „Immerstill“ von Roman Klementovic, diesen unglaublichen Thriller, der für Just Tampier die Entdeckung des Jahres 2016 war. Nun schrieb Klementovic mit „Immerschuld“ (Sep. 2017, Gmeiner) eine Art Fortsetzung, die durchaus eigenständig ist, aber für den Superthrill empfehlen wir die Lektüre des Vorgängerromanes, den man sowieso nicht auslassen sollte.

 

Nach den katastrophalen Mord- und Vermisstenfällen im Ort, hat der junge Polizist Patrick den Dienst quittiert und sich völlig zurückgezogen. Fast ohne Kontakte zur Umwelt fristet er ein von Trauer umnebeltes Leben in seinem Haus. Bis zu jenem Morgen, als in der brütenden Hochsommerhitze zwei arg nach Fäulnis stinkende Tierleichen gefunden werden und er in die Ermittlungen hineingezogen wird. Die Hunde wurden furchtbar massakriert. Einer gehörte Patrick’s Cousine Julia. Vorbei ist es mit seiner Lethargie, denn Julia ist aus dem Haus der gemeinsamen Großeltern verschwunden. Patrick erfährt, dass Julia in den letzten Monaten, wo er sich in seinem Schmerz einsam gesuhlt hat, schwer erkrankt ist. Dann kommt raus, dass auch ihr behandelnder Arzt, der undurchsichtige Doktor Wallner, unauffindbar ist. Und Patrick’s Wagen ist weg. Als der in einem Teich gefunden wird, befindet sich eine Leiche in der Fahrerkabine. Nicht nur Patrick hat da mehr als ernste Probleme.

 

Mehr vom rasanten Plot wird nicht verraten, außer dass es wieder unfassbare Irrungen und Wirrungen gibt. Als Leser muss man sich unbedingt ein paar Stunden Zeit für den Krimi – für Just Tampier wieder ein Kandidat zum Buch des Jahres -  reservieren, denn der Autor entwickelt einen solchen Sog, dass man sein Werk unmöglich aus der Hand legen kann …

(JT Sep. 2017)

Rezeptfreier FieberStiller

 

Sind Sie im Frühjahr am „FerranteFever“ erkrankt? Dann haben wir jetzt das einzige Heilmittel für Sie, das hilft. Elena Ferrante’s dritter Band der Neapolitanischen Saga ist da: „Die Geschichte der getrennten Wege“ (Aug. 2017, Suhrkamp). Auf den vierten Teil „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ – werden Sie allerdings bis zum Frühjahr 2018 hinfiebern müssen! Welch Sucht!

 

Wir sind mit der Geschichte rund um Lila und Elena in den turbulenten ErwachsenenJahren angekommen. Lila, die trotz ihres Sohnes ihren Mann Stefano verlassen hat, arbeitet unter entwürdigenden Bedingungen in einer Fabrik und fristet mit Enzo ein kärgliches Leben. Elena hat ihr altes neapolitanisches Viertel hinter sich gelassen, das Studium beendet und ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie hat durch Pietro in eine angesehene norditalienische Familie eingeheiratet und Kinder bekommen. Ein unglaublicher gesellschaftlicher Aufstieg, erinnert man sich an die Anfänge der Geschichte. Doch das Leben zeigt Elena seine Grenzen und drängt sie in die nicht gewollte Rolle der Hausfrau und Mutter. Ganze Welten trennen die Freundinnen. Das Verhältnis der beiden bleibt seltsam entfremdet-nah, auch und gerade dann, als Lila zusammen mit Enzo in der neuen Technik der Computer reüssiert und eine Menge Geld verdient. Und da wäre auch noch Nino Serratore, das Glück und Unglück beider Frauen!

 

Ferrante’s großmeisterliches Buch ist natürlich auch politisch – Stichworte: Feminismus, Arbeiterkampf, Studentenrevolte – und besonders Elena ist stark von dem enormen Umbruch der revolutionären Zeit betroffen. Immer wieder lässt die Autorin drastische neue Verwicklungen und brutale Situationen auftauchen, die ihre Protagonistinnen zu bestehen haben. Sie schafft  nicht nur einen intimen Blick auf die besondere Freundschaft zweier Frauen und deren unterschiedliche Entwicklung, sondern ein spannendes Gesellschaftsbild Italiens und Neapels.

Just Tampier – ganz auf der Ferrante-Droge - sagt nur: lesen, lesen, lesen!

(JT Sep. 2017)

Lass uns wetten …

 

Sind Sie dem WettFieber verfallen und können Sie es nicht lassen, mit Ihrer Umgebung die absurdesten Wetten abzuschließen? Dann sind Sie ganz super aufgehoben bei „101 Wetten, die man garantiert gewinnt“ von Richard Wiseman (Sep. 2017, Fischer Verlag). Das Buch, aus dem Englischen von Gabriele Gockel übersetzt, ist durchgehend illustriert, wirklich sehr witzig und unterhaltsam – in schöner Geschenkausstattung (so mit einem ersten Blinzeln hin Richtung Weihnachten!).

 

Also wenn Sie gewinnen wollen, dann lesen Sie das Buch mit den Absurditäten und fordern  Sie Ihre Wettpartner zu scheinbar aussichtslosen Wetten heraus. Dabei können Sie sich sicher sein, dass Sie gewinnen werden! 
Der Psychologe Richard Wiseman zeigt Ihnen mit unnachahmlichem britischem Humor, wie man mit Hilfe von Wissenschaft, Logik und ein wenig Trickserei  immer auf der Gewinnerseite steht.
Sie benötigen dafür nichts als Ihren eigenen Körper oder gewöhnliche Haushaltsgegenstände. Und dahinter steckt keine Zauberei, sondern faszinierende Wissenschaft, die Wiseman gekonnt einfach zu erklären vermag.

 

Verblüffend!

(JT Sep. 2017)

Gar nicht gut für’s Geschäft

 

Der Wannsee ist ja quasi die Badewanne der Berliner. Da passt der Fund eines Leichenteiles sowas von nicht hin … Felix Haß, der Münchner, der mit seinem Ehemann in Berlin lebt, schreibt mit „Sein letzter Schritt“ (Sep. 2017, Querverlag)  einen superfeinen SzenenKrimi.

 

Am Schwulenstrand des Berliner Wannsees wird ein menschliches Bein angeschwemmt, das schon längere Zeit im Wasser getrieben haben muss. Durch die Obduktion des schon etwas verwesten und von Tieren angeknabberten Teiles erfährt man, dass das Bein zu einem ungefähr 35jährigen Mann gehörte. Der Fund stellt Kommissar Steffen Lenz und sein Team vor ein Rätsel. Weitere Leichenteile finden sich weder im Wannsee noch in der Umgebung. Abgleiche der DNA mit der Kartei sind ergebnislos, vermisst wird auch niemand. Die Polizei hat nichts.

Lenz freut sich wenigstens darüber, dass er bei der Hitze am Schwulenstrand ermitteln kann. Schließlich hat er eine Schwäche für körperliche Genüsse und einen Hang zu dem, was manche „Laster“ nennen würden. Und dann taucht plötzlich doch noch eine Leiche auf und es beginnt ein kriminalistisches Puzzlespiel, das den Kommissar und die Leser in dunkle Abgründe führt.

(JT Sep. 2017)

Frisch, saftig, skandinavisch

 

Der schwedische Autor Joakim Zander ist kein Unbekannter mehr in der Krimiszene – mit seinem Buch „Der Schwimmer“ gelang ihm ein Bestseller, dessen US-Verfilmung in den Startlöchern steht. KrimiLiebhaber mit Vorlieben für Politik, Gesellschaftsthemen und dramatische Überraschungen in der Handlung liegen bei Zander’s Büchern ganz richtig. „Der Freund“ (Sep. 2017, Rowohlt Polaris) erzählt von Klara und Jacob, deren Wege sich kreuzen.

 

Als Klara Walldéen ihren Großvater in St. Anna im schwedischen Schärengarten beerdigen muss, ist ihre beste Freundin Gabriella an ihrer Seite. Gabriella ist irgendwie eigenartig, ja merkwürdig. Kurz darauf wird sie vor Klaras Augen in Stockholm verhaftet: wegen terroristischer Aktivitäten. Wo Gabriella festgehalten wird, erfährt Klara nicht, das unterliegt der Geheimhaltung. Doch die bekannte Menschenrechtsanwältin hat ihr eine Nachricht hinterlassen: Klara soll für sie zu einem geheimen Treffen nach Brüssel reisen.
Szenenwechsel: Jacob ist Student an der Universität Uppsala und will Diplomat werden. Er absolviert ein sechsmonatiges Praktikum in der schwedischen Botschaft in Beirut. Auf einer Party lernt er den arabischen Kriegsfotografen Yassim kennen – beide sind fasziniert voneinander. Aber immer wieder verschwindet Yassim und verstrickt sich in Widersprüche. Obwohl Jacob nicht weiß, wie sehr er ihm vertrauen kann, übernimmt er für Yassim einen brisanten Auftrag.

In Brüssel treffen Klara und Jacob aufeinander. Gemeinsam versuchen sie, die Menschen zu retten, die ihnen am nächsten stehen. Doch eigentlich wissen sie nichts über Gabriella und Yassim und das Spiel, das die beiden mit ihnen treiben – oder auch nicht!

(JT Sep. 2017)

Die Störung des Regenbogens

 

Udo Rauchfleisch schickt mit „Mord unter lauter netten Leuten“ (Juli 2017, Himmelstürmer Verlag) den schwulen Basler Kommissar Jürgen Schneider in die Aufklärung seines zweiten Falles.

Beruflich ist Schneiders Situation immer ein wenig verzwickt, muss er sich doch mit Mord und Totschlag herumplagen. Jetzt steht er vor der Frage, ob ein älterer Mann Opfer eines banalen Verkehrsunfalls oder eines Mords ist. Unterstützt wird Kommissar Schneider von einem jungen Psychologen, der gerade im Gaychat einen neuen Lover kennengelernt hat und dem ersten Treffen entgegenfiebert.

 

Privat ist Schneider ein glücklicher „RegenbogenMann“. Er hat mit seinem Lebenspartner und einem Lesbenpaar erfolgreich eine RegenbogenFamilie gegründet. Alle Nachbarn des Wohnhauses, straight und gay, die hier zusammenleben, sind nette, harmlose Leute. Als eines Morgens aber eine der Mieterinnen erstochen in ihrer Wohnung liegt, ist schnell klar, dass hier ein Mörder sein Unwesen treibt. Angst und Schrecken nehmen überhand, als mehrere Mieter von Mordversuchen berichten, denen sie nur mit Glück entgangen seien. Und doch hat jeder auch ein Motiv für die Morde und Mordversuche. Niemand ist harmlos! In einer dramatischen Aktion kann der Kommissar das Rätsel lösen.

(JT Sep. 2017)

Was für ein Wirbel

 

Mijana Lenik lässt im Krimi „Der Ringer“ (Mai 2017, HOMOLittera) Hauptkommissar Tobias Hennings in einem spannenden Fall mit guten Akteuren ermitteln.

Wem der Autorenname „verdächtig“ vorkommt, liegt richtig! Hinter dem Pseudonym Mijana Lenik verbirgt sich ein Autorenduo aus Ostwestfalen-Lippe, das seit über 30 Jahren miteinander befreundet ist. Nach Ausflügen in die Welt der Fanfiction sowie in den Fantasy-Bereich entschieden sie sich, einen gemeinsamen Krimi zu schreiben. Der schwule Hauptkommissar "Tobias Hennings" entstand.

 

Hennings lebt mit Julian zusammen. Mit ihm genießt er einen fröhlichen Abend auf einer Party. Am nächsten Tag holt ihn Julians Vater mit einem unangenehmen Anruf aus dem Bett. Hubertus Meyer zu Löwenau hat den Gastgeber der vergangenen Nacht, John Derringer, gefunden – tot, mit Pfeilen im Rücken.
Tobias versucht gemeinsam mit seiner Kollegin Diane den Mordfall zu lösen. Doch die Klärung wird schwieriger als gedacht: Julian stöbert unbefugt am Tatort herum, die Meyer zu Löwenaus halten sich über die Vergangenheit von John Derringer bedeckt und der einzige Sohn des Mordopfers kommt Tobias näher, als dem lieb ist. Julians Schwester Katharina verursacht noch mehr Wirbel im eh nicht faden Leben von Tobias.
Er muss in dem Durcheinander einen kühlen, professionellen Kopf bewahren um rauszufinden, warum John Derringer sterben musste und wer ihn gekillt hat – auf eine nicht so gewöhnliche Art und Weise!

(JT Sep. 2017)

Eine dunkle Liebe in Wien

Ein Schriftsteller will er sein, der Rudolf Gordweil, der ins turbulente Wien der 1920iger Jahre der Abgeschiedenheit eines jüdischen Schtetls entflieht. In seinem durchaus als kleines Meisterwerk zu bezeichnenden Roman „Eine Ehe in Wien“ (Juni 2017, Aufbau Verlag) beschreibt David Vogel ziemlich schonungslos, aber doch mit einer gewissen Sensibilität die Geschichte des erfolglosen Gordweils, der sich in einer unfassbaren Beziehung verstrickt.

Der Autor kannte Wien zu jener brodelnden Zeit gut. Viel zu früh musste dieser nun wiederentdeckte Schriftsteller sterben, 1944 wurde er von den Nazis im KZ Auschwitz ermordet. "Eine Ehe in Wien" erschien auf Deutsch zum ersten Male 1992 (die Originalausgabe auf Hebräisch bereits 1929/30 in Tel Aviv und Jerusalem).

 

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg sind in Wien viele Menschen arbeitslos, sie haben kein Geld und fristen ein armseliges Dasein. Auch Rudolf Gordweil muss sich permanent Geld ausleihen. Da lernt er die Baronin Thea von Tako, eine herrische Femme fatale, kennen und heiratet sie. Damit weiht er sich dem Untergang.

Die Sadistin tyrannisiert und betrügt ihn permanent. Die Liebesqualen erträgt Rudolf Gordweil ohne Widerspruch, lässt sich demütigen und erniedrigen, weil er glaubt, Thea zu lieben und nie von ihr loszukommen. Er hat eine gewisse Lust am Leiden.

Der Leser wird allmählich wütend auf Thea und empfindet  Mitleid mit dem seiner Würde beraubten Mann.

Als Thea einen Sohn zur Welt bringt, scheint alles besser zu werden. Welch Trugschluss, denn sie lebt weiterhin ihre dunklen Triebe und sadistischen Gefühle an ihrem Mann aus. Eine Katastrophe steht im Raum. Gordweil gewinnt aus seiner Verzweiflung die Kraft zu einem vermeintlichen Befreiungsschlag. Kann er einen Schlussstrich ziehen?

 

Schmerzhaft und verstörend. Eine Empfehlung.

(JT Aug. 2017)

Dick & tot

 

Sharon Bolton thematisiert in ihrem eiskalten Thriller „Er liebt sie nicht“ (Oktober 2016, Manhattan) das Phänomen von TodeszellenRomanzen und aufregenden GefängnisBeziehungen von Frauen mit Häftlingen, die grauenvolle Taten begangen haben.

 

Hamish Wolfe gilt als Serienkiller. Er hat vier junge, als dick geltende Frauen brutal ermordet. Oder doch nicht? Auch nach seiner Verurteilung beteuert er noch immer seine Unschuld. Nun sucht er jemanden, der seinen Fall neu aufrollt. Maggie Rose, erfolgreiche Rechtsanwältin und True-Crime-Autorin, aber zögert, den durchaus charismatischen Mann mit eigenwilliger Groupie- und FanSchar zu vertreten. Insgeheim hat sie aber längst damit begonnen, sich mit dem Fall des ehemaligen KrebsMediziners auseinander zu setzen, dem schon zu Studienzeiten eine Vorliebe für fette Frauen nachgesagt wurde. Sie findet bald Diskrepanzen in den Ermittlungen von Detektive Constable Peter Weston, der Hamish einst eingebuchtet hat. Weston arbeitet mit Maggie zusammen. Obwohl, wenn sie den wahren Täter überführt, dann hat er einen Fehler begangen.

 

Bolton erzählt die Geschichte in verschiedenen Zeitebenen, aus Sicht von Maggie, Peter und von Hamish. Dazwischen finden sich emails, Briefe und Zeitungsberichte. Das alles verwirrt den Leser ein bisschen, aber jedes Detail ist wichtig bei diesem manipulativen Schreibstil, der bis zum überraschenden Ende voll überzeugt. Die handelnden Personen sind kaltblütig und auf eine gewisse Art irrsinnig. Das zeugt von einer ziemlichen Kaltschnäuzigkeit der brillanten Krimiautorin!

(JT Juli 2017)

Alles in einem – anders als die anderen

 

Hannes von Stetten ist eine androgyne Schönheit. Er ist Mann und Frau, ein Hermaphrodit – eine Zwittergestalt. Ein göttliches Geschöpf. Er selbst ist nicht unzufrieden damit und medizinisch krank ist er ja nicht.

Einst nach seiner Sturzgeburt hatte sich seine Mutter Lieselotte in Anwesenheit des Hausarztes Dr. Gruber – mit dem sie das nicht definierte Kind in die Welt gesetzt hatte und nicht mit ihrem Mann Egon - dafür entschieden, ihn Hannes zu nennen und damit eine männliche Identität zu geben, wobei der Name das geringste Problem des Kindes war.

 

Karl Malik beschreibt in „Randlagen. Im Niemandsland zwischen den Geschlechtern“  (September 2015, Verlag Berger) ein Leben und ein Milieu, das die meisten von uns sich nicht vorstellen können. Als Wiener sind einem wenigstens die Schauplätze – z.B. das Kaiserbründl oder der Kohlmarkt – vertraut. Und man wird immer neugieriger auf das Schicksal dieses so außergewöhnlichen Menschens. Malik – er deutet nicht an, sondern gibt den Dingen ihren Namen! - versteht es gut, die perfiden Machenschaften rund um von Stetten erst nach und nach preiszugeben. Die Zusammenhänge, die nicht gleich durchschaubar sind, machen das Buch spannend und man liest es in einem Rutsch.

 

Eine brisante Mischung aus Lokalkolorit und Intersexualität.

(JT Juli 2017)

Winter ermittelt

 

Peter Beck hat sich bei seinem Thriller „Korrosion“ (Februar 2017, Emons Verlag) für eine außergewöhnliche Ermittlerfigur entschieden: Tom Winter, Sicherheitschef einer Bank. Der kämpft zwar mit den Folgen einer Verletzung, die er durch einen Lawinenabgang erlitten hat, aber das hindert ihn nicht daran, kamikazeartig und alles andere als diskret die Erben einer Ermordeten aufzuspüren, was ihm bankintern ganz schön in die Bredouille bringt. Ein Fiasko droht.

Die schwerreiche alte Frau Berger wurde nämlich zu Weihnachten erschlagen und hinterließ Millionen. Und die Anschuldigung, dass eines ihrer damals minderjährigen Kinder - Helen, Rolf und Brigitte - für den Tod ihres Mannes vor 40 Jahren verantwortlich ist. Wenn der Schuldige ermittelt ist, darf erst ihr Testament geöffnet werden. Winter reist um die halbe Welt um die Nachkommen aufzustöbern  und sieht sich konfrontiert mit einer Story rund um Missbrauch und Rache. Verstörend und beklemmend.

 

Beck verknüpft das knifflige Familiendrama mit dem aktuellen komplexen Drama der Flüchtlingskrise, aber es ist nichts so, wie es scheint. Überraschende Wendungen und weltweite Schauplätze in der actionreichen Geschichte lassen den Leser dranbleiben.

  

Scharfsinnig!

(JT Juli 2017)

Abenteuer oder Albtraum?

 

Der Thriller „Survive – Du bist allein“ der Amerikanerin Alexandra Oliva (Juli 2016, Scherz) passt genau in unsere Reality-TV-Show-Welt. Es geht um 12 Kandidaten, die bei einer Survival-Show in der Wildnis mitmachen, aber nur einer kann gewinnen, dann wenn alle anderen aufgeben. Dem Sieger winkt 1 Million Dollar! Eigentlich sollte es nur ein Abenteuer werden. Doch keiner ahnt, wie tödlich das Spiel ist. Etwas geht gehörig schief!

 

Schon bei den ersten Gruppenaufgaben der Fernseh-Show wie Lagerbau, Suche nach Nahrung etc. geraten einige Teilnehmer an ihre Grenzen, sind sie doch nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Allianzen werden geschmiedet, Konflikte brechen auf, die Prüfungen werden härter und perfider. Und bald muss sich jeder Kandidat ganz allein zu seiner großen Solo-Challenge aufmachen. Abgeschieden von der Außenwelt, bekommen sie nicht mit, was in der wirklichen Welt los ist. Eine Pandemie bedroht die Menschheit. Die mutige Sam alias Zoo, die Ich-Erzählerin, meint, dass alle Dinge nur gestellt sind, Leichen wären nur Attrappen, Städte nur Kulissen, sie glaubt an ein Drehbuch, während der Leser aber weiß, was tatsächlich passiert ist. Aufgeben ist trotz Erschöpfung keine Option. Spannend! Auch wenn man aufpassen muss, dass man bei all den Nicknames und Realnamen der Teilnehmer und dem sprunghaften Wechsel der Zeitebenen nicht den Überblick verliert.

 

Oliva gelang mit ihrem Debut ein ziemlicher ApokalypseSchocker - heftiger Pageturner! Danach wird man es sich überlegen, ob man bei Castings für Shows auch nur andenkt, mitzumachen! Denn nichts in diesem Buch ist Teil der Show!

(JT Juli 2017)

Ana und Lucia sind weg

 

Die Mädchen Ana und Lucia verschwinden auf dem Heimweg aus der Schule. Das Dorf Monteperdido ist erschüttert und die Eltern der beiden sind fassungslos. Die Stimmung gleicht den düsteren Gipfeln der Provinz Huesca, hoch oben in den Pyrenäen. Nach fünf Jahren taucht völlig unerwartet die inzwischen sechzehnjährige Ana wieder auf, bewusstlos in einer Schlucht. Doch wo ist Lucía? Ist sie noch am Leben? Kommissarin Sara Campos trifft in Monteperdido auf das Schweigen einer nach außen verschworenen Gemeinschaft. Die Verdächtigungen greifen um sich: War es ein Fremder oder einer von den Bewohnern?

 

Agustín Martínez schildert in „Monteperdido. Das Dorf der verschwunden Mädchen“ (Februar 2017, FISCHER Taschenbuch) eine verstörende, ziemlich raue Atmosphäre mit viel Gespür. Die spröden Menschen sind geprägt von der schroffen Umgebung der Bergwelt.

Obwohl der Krimi sehr spannend ist, hat man das Gefühl, „nicht dabei“ zu sein beim Lesen, es ist wie im Kino, man bleibt ein wenig reserviert distanziert – das liegt vermutlich daran, dass Martínez Drehbuchautor ist. Ein Gefühl der Beklemmung ist aber so stark zu spüren wie das Misstrauen, das sich immer mehr bei der Bevölkerung einschleicht, die vorgibt zusammen zu halten. Man braucht ein wenig Zeit wie Sara Campos um die eigenen Regeln von Monteperdido zu verstehen.

 

Bildgewaltig!

(JT Juli 2017)

Nichts für Wasserphobiker

 

… ist der neue Roman „Into the Water“ von Paula Hawkins (Mai 2017, blanvalet), der Autorin des gefeierten Bestsellers „Girl on the Train“ - dreht sich doch alles um Frauen, die ins Wasser gehen oder  vielleicht doch gegangen werden. Nel Abbott ist vom Drowning Pool in ihrer heimatlichen Kleinstadt Beckford besessen und arbeitet an einem Buch über die Toten in den Untiefen dieser dunklen Flussschleife.

 

Eines Tages erhält Jules, eigentlich Julia, die Nachricht, dass sich ihre Schwester Nel im Fluss ertränkt hat. Sie glaubt das keinesfalls, obwohl ihr Verhältnis zu Nel nach einem schwerwiegenden Vorfall seit vielen Jahren zerrüttet ist bzw. sie überhaupt keinen Kontakt mehr hatten, obwohl Nel ihn in ihren letzten Lebenswochen gesucht hatte. Auch die 15-jährige Katie, eine Freundin von Nel’s Tochter Lena, hatte kurz davor im Fluss ihr Leben gelassen.

Jules, die von der Dorfgemeinschaft eigentlich nichts mehr wissen will, muss weit in die Vergangenheit zurück schauen um die Gegenwart auf die Reihe zu bekommen.

 

Wer sich jetzt ein „Girl on the Train“ erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein, aber Hawkins Roman ist gut - eine dunkle Geschichte über Hass, Psychospielchen, Verfolgte und Menschen ohne Glück im Leben. Vielleicht ist der Stil ein wenig zu vielschichtig, hüpft doch die Autorin in jedem Kapitel zu einem anderen Erzähler - das sollte aber kein Problem für aufmerksame Leser sein!

(JT Juni 2017) 

Sommerschmöker

 

Auf Donna Leon kann man sich verlassen: Jedes Jahr beschert sie ihren Lesern einen neuen Brunetti-Krimi. Der Commissario ermittelt im schönen, ach so verbrecherischen Venedig und kämpft hart gegen den Filz in den Behörden, korrupte Beamte und Verbrecher. Die Autorin lässt ihn bei seiner Familie und gutem Essen immer wieder Kraft tanken, aber ein Schwächeanfall bringt Brunetti in „Stille Wasser“ (Mai 2017, Diogenes) ins Spital.

 

Während eines Verhörs in der Questura bekommt Guido Brunetti es plötzlich mit dem Herz zu tun. Eilig wird der Commissario ins Ospedale Santi Giovanni e Paolo gebracht. Auch wenn die Schwäche nur fingiert war um eine schwierige Situation zu retten, merkt der Commissario auf dem Rollbett plötzlich, wie erschöpft er tatsächlich ist. Er ist halt auch nur ein Mensch! Eine resolute Ärztin verordnet ihm Ruhe.

Krankgeschrieben erholt er sich in der  Villa von Zia Constanza, einer Verwandten seiner Frau Paola, auf Sant‘ Erasmo. In der Lagune von Venedig verbringt Brunetti herrliche Tage unter den Einheimischen. Doch die Idylle zwischen Bienen und Blumen ist trügerisch und Brunetti ohne Fall wäre nicht Leon!

 

„Stille Wasser“ ist einer der besten Brunetti-Krimis in der bereits 26teiligen Serie!

Ein Vergnügen – nicht nur für Leon-Fans!

(JT Juni 2017)

Nichts ist, wie man glaubt

 

Sofie Sarenbrant hat mit „Der Mörder und das Mädchen“ (Februar 2017, rütten&loening, Aufbau Verlag) zwar einen Krimi geschrieben, aber der geht auch durch als Roman über die ewigen Beziehungskisten zwischen Mann und Frau.

 

Zum Inhalt: Nach Jahren der Demütigung entschließt sich Cornelia Göransson, ihren gewalttätigen Mann Hans, einen Säufer, zu verlassen und mit der gemeinsamen sechsjährigen Tochter Astrid ein neues Leben zu beginnen. Sie hat Hans nie angezeigt, aber ihrer einzigen Freundin Josefin von den Misshandlungen erzählt. Am Morgen vor ihrem Auszug findet Astrid ihren Vater tot im Gästezimmer. Kriminalkommissarin Emma Sköld, die Schwester von Josefin, hochschwanger und sehr ehrgeizig, übernimmt den Fall. Für sie ist Cornelia die Hauptverdächtige, wird sie doch durch den Todesfall eine reiche Witwe werden, jedoch es gibt auch eine andere Spur: Die kleine Astrid will in der Nacht einen Mann neben ihrem Bett gesehen haben, der sie gestreichelt hat.

 

Die kurzen Kapitel der komplexen Story sind aus verschiedenen Sichtweisen erzählt, der Mörder selbst spricht aus der Ich-Perspektive. Der Schreibstil ist flüssig, wenn auch einfach und kühl gehalten. Die Handlung dreht unvorhersehbar, Emma tappt im Dunklen bei ihren Ermittlungen in dem Mordfall. Die Protagonisten haben alle Beziehungsprobleme, ob das Josefin mit ihrem Andreas ist oder Emma und Kristoffer, der Vater ihres Kindes, das sie erwartet oder Emma mit ihrem Ex Hugo, der sie und Kristoffer stalkt.

 

Sarenbrant ist eine neue Krimiautorin aus Schweden – man kann gespannt sein, was da noch kommt!

(JT Mai 2017)

Auf die Wahrheit kommt es an

 

Krimi-Liebhaber sind bei den Romanen von Tana French immer gut aufgehoben! Auch ihr neuer schauriger Fall „Gefrorener Schrei“ (Dezember 2016, Scherz) ist da keine Ausnahme, wenn auch die mühsame Ermittlungsarbeit der Polizei und die Vernehmungsszenen manchmal ein wenig langatmig erscheinen. Wie immer steht Psychologie statt Blut im Fokus, sind die Figuren gut gezeichnet, die Atmosphäre dicht, die Sprache messerscharf, die Vorkommnisse nervenaufreibend.

 

Aislinn Murray ist jung, hübsch und liegt tot in ihrem Haus, der Tisch ist für ein romantisches Abendessen gedeckt. Die Polizei vermutet zunächst eine Beziehungstat.. Doch bald stoßen die Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran auf Ungereimtheiten. Außerdem behindert jemand in der Mordkommission ihre Arbeit. Weil sich Antoinette, die Ich-Erzählerin, mit ihrer toughen Art Feinde gemacht hat – privat und im Dezernat?

 

Intelligentes Kammerspiel!

(JT Mai 2017)

Würdiger Abschluss einer genialen Serie

 

Armistead Maupin schreibt mit „Die Tage der Anna Madrigal“ (Februar 2017, rororo) leider die letzten Stadtgeschichten seiner legendären Reihe.

Mittelpunkt dieses berührenden neunten Bandes ist Anna Madrigal, die Transgender-Dame und Hausherrin der Barbery Lane 28 in San Francisco. Madrigal ist jetzt schon 92 Jahre alt und wünscht sich nichts mehr als einen ladyliken Abgang, denn das Alter ist wie ein Konflikt und die eigene Vergänglichkeit steht im Raum. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich und lebt nun mit dem fast 60 Jahre jüngeren Jack zusammen. Mit ihrem früheren Mieter Brian und dessen Frau Wren fährt sie nach Winnemucca, wo sie damals noch als 16jähriger Junge Andy Ramsey aus dem Puff ihrer Mutter, der ihr Zuhause war, weggelaufen ist. Auf dieser Reise bringt sie Geheimnisse ans Licht und stellt sich lange verdrängten Konflikten. Ganz am Ende wird auch das Geheimnis um ihren Namen gelüftet – eine dramatische Geschichte.

 

Wie alle acht Bände davor kann man das Buch nicht aus der Hand legen, wenn auch die Leichtigkeit und Unbeschwertheit der ersten Teile mit der Zeit abhanden gekommen ist. Diese Reihe ist wie ein guter Freund – wer sie nicht kennt, sollte sich alle Ausgaben besorgen und hat damit für einige Zeit „ausgesorgt“ und weiß, was er lesen wird!

(JT Mai 2017)

Ein Familiendrama

 

Auf die Bücher der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen muss man sich als Leser einlassen. Oksanen ist schrill und ihre Romane sind nicht die leichte Kost, aber sie schreibt mit einer Magie, der man sich nur schwer entziehen kann. Man muss es nur versuchen, sich mit ihren starken Figuren auseinanderzusetzen!

 

Der neue, durchaus eigensinnige Roman „Die Sache mit Norma“ (März 2017, Kiepenheuer&Witsch) beginnt mit einer Beerdigung: Die 30-jährige Norma Ross hat soeben ihre Mutter Anita verloren. Die beiden waren ein eingeschworenes Team und sich darin einig, Normas Geheimnis – ihre Haare wachsen unnatürlich schnell – für sich zu behalten. Während Norma auf ihr Taxi wartet, kondoliert ihr Max Lambert, der Inhaber des Friseursalons, in dem Anita arbeitete. Der Salon hat sich ganz den Echthaar-Extentions verschrieben hat, wobei Norma definitiv keine nötig hat, sie hat ja mehr Haare, als sie gebrauchen kann.

Angeblich hat Anita Selbstmord, in dem sie sich auf Bahngleise stürzte, begangen, doch Norma glaubt nicht daran und sie sucht nach Hinweisen auf das, was wirklich geschehen ist. Dabei stößt sie auf verstörende Dokumente und kommt einem global agierenden Clan rund um Haarverlängerung und Leihmutterschaft auf die Spur.

Die Geschichte ist ein wenig ein Krimi, aber so einfach macht uns Sofi Oksanen die Machenschaften rund um die Ausbeutung von Frauen denn doch wieder nicht!

 

(JT Mai 2017)

Ein Liebesdrama

 

Der abstoßend hässliche, dicke, kühl-abweisende Dichter Gottfried Benn – trotzdem wirkt er auf die Frauenwelt elektrisierend - ist die Obsession im Leben der Mopsa Sternheim und ihrer Mutter Thea. Davon handelt „Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer (März 2017, Hoffmann und Campe).

 

Für Thea, Gattin des Dramatikers Carl Sternheim, und ihre Tochter wird das Jahr 1917 zum Schicksalsjahr. Sie lernen Benn kennen und sind beide fasziniert von ihm. Er wird der Mann ihres Lebens. Mopsa, von ihrem Vater sexuell missbraucht, was die Mutter nicht sehen will, sieht auch am Sterbebett noch in Benn den einzigen Menschen, der für sie je Bedeutung besaß, auch wenn ihm dies völlig egal war und nur sie diese fatale Begierde spürte. Thea und Mopsa sind in der Liebe zu einem Mann und im Kampf um ihn vereint, sie sind Konkurrentinnen, Liebende und Betrogene. Mit allem können die beiden sich abfinden, mit finanziellen Verlusten, Gefährdung, Heimatlosigkeit, Folter und grausigen Familiengeheimnissen, nur mit einem nicht: diesen einen Mann zu verlieren, dem sie wie Süchtige verfallen sind.

 

Singers Buch ist ein beeindruckendes Liebesdrama über eine lebenslange, hoffnungslos verzweifelte Leidenschaft und Hörigkeit, in dem sich ein halbes Jahrhundert mit all seinen bitteren und dunklen Stunden abbildet. Als Leser muss man sich darauf einlassen und am Ende erkennen, dass Liebesglück nicht immer Geliebtwerden bedeutet.

(JT Mai 2017)

Einfach nur magisch

Carlos Ruiz Zafón, Autor des Weltbestsellers ‚Der Schatten des Windes‘, eines der besten Bücher ever, ist zurück! „Das Labyrinth der Lichter“ (März 2017, S.Fischer), der vierte Teil der Barcelona-Reihe, ist zwar heiß ersehnt worden, aber damit heißt es auch Abschied nehmen vom Friedhof der Vergessenen Bücher. Meisterlich verknüpft Zafón die Erzählfäden seiner Bücher zu einem spannenden Finale. Zwar könnte man den Roman auch ohne Vorkenntnisse lesen, doch bringt man sich damit um ein großes Vergnügen. Die Protagonisten der Vorgängerromane - insbesondere Fermín und die Familie Sempere - tauchen alle wieder auf.

 

Das Buch begleitet die Hauptperson Alicia Gris, der Mitarbeiterin einer Sondereinheit der Politischen Polizei, bei ihrem Auftrag, in Barcelona das Verschwinden eines Ministers aufzuklären, der ein Emporkömmling des Franco-Regimes ist. Er war einst Gefängnisdirektor und hat einige Gräueltaten auf dem Kerbholz. In seinem Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“, das Alicia in die liebevoll verstaubte Buchhandlung Sempere & Söhne führt. Der Zauber dieses Ortes schlägt sie in seinen Bann, und wie durch einen Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia dort findet, bringen sie in allerhöchste Gefahr.

Die Brutalität des Franco-Regimes, die Zafón bildgewaltig schildert, ist nichts für schwache Nerven. Menschliche Abgründe tun sich auf.

Düster, emotional, verschlungen, großartig!

(JT Mai 2017)

Ich bin Du, aber noch lebe ich

 

Manchmal hat man ja das Gefühl, dass man nicht allein ist. Man fühlt sich beobachtet. Aber Jane, die Protagonistin von JP Delaney’s schockierendem Buch „The Girl Before“ (April 2017, Penguin Verlag) glaubt, dass das Haus, in dem sie wohnt, sie beobachtet.

Nach einem Schicksalsschlag braucht Jane dringend einen Neuanfang. Daher überlegt sie nicht lange, als sie die Möglichkeit bekommt, in ein hochmodernes Haus in dem schicken Londoner Viertel Kensington einzuziehen. Vermietet wird es von es von einem charismatischen Architekten, der es ursprünglich für seine eigene Familie geplant hat. Er vermietet das Haus mit raffinierten technischen Einrichtungen preisgünstig, aber unter speziellen Auflagen. So müssen potentielle Mieter einen Fragenkatalog von über 300 Fragen beantworten.
Er scheint sich zu Jane hingezogen zu fühlen. Doch bald erfährt sie, dass ihre Vormieterin Emma im Haus verstarb – und ihr erschreckend ähnlich sah. Jane will natürlich wissen, was es mit dem Todesfall auf sich hatte und schwebt in großer Gefahr.

 

Den undurchsichtigen Thriller – der in kurzen Kapiteln einmal von Emma und einmal von Jane handelt - kann man nicht mehr aus den Händen legen! Was ist Täuschung, was ist Realität? Der Hype um das mit unerwarteten Wendungen versehene Buch war in den USA und England besonders groß und wird es hier genauso sein! Wenn Sie sicher sein wollen, ein superspannendes Buch in Ihren Urlaub mitzunehmen, dann bitte dieses!
(JT Mai 2017)

Wahr oder Fiktion?

 

Paul Russell erzählt in seinem Roman „Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow“ (Jänner 2017, Edition Salzgeber im Männerschwarm Verlag) die Geschichte des 1900 geborenen Sergej Nabokow, er ist der kleine schwule Bruder des berühmten Schriftstellers Vladimir Nabokov. Russell gelingt ein lebendiges Bild dieser unheilvollen Epoche. Souverän verbindet er seine Recherche über Nabokows Leben mit dem Wissen über die zeithistorischen Umstände, das kulturelle Leben und den Alltag der Menschen damals: So könnte das irrwitzige Leben des Homosexuellen tatsächlich ausgesehen haben.

 

In nur 45 Jahren durchlebt Sergej Nabokow bewegte Zeiten. In seiner aristokratischen Familie ist der stotternde Junge ein Außenseiter, dem seine schwulen Neigungen wegtherapiert werden sollen. Er studiert in Cambridge, geht nach Berlin und Paris, wo er schnell Zugang zum aufregenden Leben der Boheme um Cocteau, Diaghilew und Gertrude Stein erlangt. Als er schließlich an Opium zu sterben droht, bringt ihn sein Freund  Hermann Thieme auf sein Schloss Weißenstein in Tirol, wo die Nationalsozialisten das Freundespaar 1941 verhaften. Nach kurzer Haft wegen „widernatürlicher Unzucht „ geht Nabokow nach Berlin, wo er als Übersetzer im Propagandaministerium arbeitet. Wegen politischer Äußerungen wird er 1943 ins KZ Neuengamme verbracht, wo er unmittelbar vor Kriegsende entkräftet stirbt.

In einem Nachwort nennt Paul Russell die Quellen, auf die sich seine wuchtige Fiktion stützt und legt damit zugleich offen, dass vieles auch ganz anders gewesen sein könnte.

(JT Mai 2017)

Macht und Ohnmacht

 

Susanne Kliem schreibt mit „Das Scherbenhaus“ (März 2017, carl’s books) einen raffinierten Psychothriller, der in die Abgründe der menschlichen Psyche vordringt. Das fiese Ränkespiel um die Macht des Täters und die Ohnmacht des Opfers ist dramatisch und unheimlich.

 

Carla Brendel wird von einem Stalker verfolgt, der ihr Fotos mit bedrohlichen Motiven schickt: Haut, die sichtlich mit Messern geritzt und verwundet wurde. Aus Angst vor diesem sichtlich wahnsinnigen Fremden flüchtet sie aus dem sonst eher langweiligen Stade in Norddeutschland zu ihrer Halbschwester, einer Architektin, nach Berlin. In Ellens luxuriöser Wohnanlage "Safe Haven", die mit neuesten Sicherheitssystemen ausgestattet ist, fühlt sie sich beschützt. Doch kurz nach ihrer Ankunft verschwindet Ellen spurlos, ihre Leiche wird wenige Tage später aus der Spree geborgen. Ein tragischer Unfall?

Carla, die von Ellen alles erben soll, sucht nach der Wahrheit, die die Hausbewohner scheinbar verschleiern und verbergen. Schnell merkt sie, dass im "Safe Haven" ganz eigene Regeln und Gesetze und viele Ungereimtheiten herrschen. Und zu viele Fragen nicht so gesund sind! Wer sind die Feinde, wer die Freunde bei all den alarmierenden Vorfällen?

Man lernt: Blindes Vertrauen geht gar nicht und Menschen sind ganz leicht zu manipulieren.

(JT Mai 2017)

Fälschungen können teuer sein – sie können das Leben kosten!

 

Claus-Ulrich Bielefeld und Petra Hartlieb haben als Bielefeld&Hartlieb ihren vierten Fall mit Kommissar Bernhardt aus Berlin und Inspektor Habel aus Wien geschrieben: „Im großen Stil - Ein Fall für Berlin und Wien“ (April 2015, Diogenes).

Echt oder falsch? Die temperamentvolle Frau Inspektor Anna Habel aus Wien und der grüblerische Kommissar Thomas Bernhardt aus Berlin ermitteln gemeinsam im Dunstkreis des Kunsthandels mit seinen durchaus interessanten Figuren: besessene Sammler und geldgierige Agenten, großspurige Mäzene und eitle Kuratoren, dreiste Fälscher und einfache Diebe. Fast zeitgleich sind nämlich ein Wiener Kunstgutachter und ein Berliner Sammler ermordet worden. In diesem schillernden Ambiente weiß keiner mehr, was echt und was falsch ist.

 

Wer jetzt nicht gerade Wert legt auf große literarische Kunst, wird sich prächtig amüsieren bei der flotten, durchaus wortwitzigen Lektüre, die manchmal slapstickartig daher kommt. Die beiden Protagonisten sind uns (und einander) sympathisch.

(JT Mai 2017)

Die gefährlichen Fehler eines Richters

 

John Grisham schreibt in seinem neuen Roman „Bestechung“ (April 2017, Heyne) über den Berufsstand der Richter in den USA, von denen ja im Normalfall erwartet wird, dass sie ehrlich und weise handeln. Ihre Integrität und Neutralität sind das Fundament, auf dem jedes Rechtssystem ruht. Wir vertrauen darauf, dass sie für faire Prozesse sorgen, Verbrecher bestrafen und eine geordnete Gerichtsbarkeit garantieren. Doch Richter sind auch nur Menschen! Und als solche durchaus korrupt, erpressbar und bestechlich.

 

Lacy Stoltz, Anwältin beim BJC, der Rechtsaufsichtsbehörde in Florida, wird mit einem Fall richterlichen Fehlverhaltens konfrontiert, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Ein Richter soll über viele Jahre hinweg sehr hohe Bestechungsgelder angenommen haben. Der Whistleblower tritt nicht offiziell in Erscheinung, sondern gibt seine Informationen nur über Mittelsmänner weiter. Es fehlen aber handfeste Beweise für eine Anklage. Stoltz nimmt die verdeckten, sehr schwierigen Ermittlungen auf und merkt schnell, dass dies ein brandgefährlicher Fall ist. Die gegnerische Seite kämpft mit allen Mitteln dagegen an, entlarvt zu werden.

 

Hat man sich als Leser einmal an die vielen handelnden Personen gewöhnt, dann ist dieser mafiöse Fall rund um Korruption und Gefälligkeitsurteile spannend, denn relativ selten wird über Indianer-Gebiete geschrieben, die ihre eigenen Gesetze haben und nicht gerne jemanden dahinter blicken lassen.
Grisham schreibt trocken wie immer, aber an sich öde Gerichtsthemen arten bei ihm ja immer in einen Thriller aus.

(JT Mai 2017)


Alter schützt vor Torheit nicht

 

Nicholas Searle gelang mit seinem Debütroman "Das alte Böse" (März 2017, Kindler) in Großbritannien gleich ein Bestseller. Der Krimi ist wirklich brillant, eine Lese-Muss für Thriller-Liebhaber, mit abgefahrenen Wendungen, abgründig böse, hinterhältig, bedrohlich,  schwarzhumorig und mit einem Ende, das eine ziemliche Überraschung birgt, die man sich vielleicht aber anders erwartet hätte.

 

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Protagonisten Roy und Betty ist ein Roman über Verbrechen und deren Bestrafung.
Roy und Betty, beide jenseits der 80, haben sich über ein Datingportal im Internet kennengelernt. Bald zieht der eigentlich unsympathische, meist mürrische Roy in Bettys schönem Haus auf dem Lande ein – zum Missfallen ihres Enkels Stephen. Dass er etwas im Schilde führt, ahnt der Leser natürlich. Denn einmal Krimineller, immer Verbrecher! Selbst als Greis will er noch anderen Menschen Böses antun. Die naive Betty ahnt nicht (oder vielleicht doch, ist sie doch eigentlich eine gebildete, resolute Person), dass Roy sie um ihr Vermögen bringen will. Searle macht viele Rückblenden in Roys Vergangenheit, die ziemlich brisant und schockierend ist. Aber auch bei Betty erlebt man so manche Erstaunlichkeit!

(JT April 2017)

Führungskraft werden ist nicht schwer – Führungskraft sein dagegen sehr

 

Wenn die Karriere einem die Chance gibt, Führungskraft zu werden, dann ist das gut, aber gleichzeitig hat man schnell Probleme, die man allein auf sich gestellt nicht immer gut lösen kann. Anschaulich, praxisnah und systematisch hilft das Buch „Coaching zu Führungsthemen - Modelle und Anregungen für die Praxis“ von Maren Fischer-Epe und Martin Reissmann (April 2017, Rowohlt Taschenbuch Verlag) Führungskräften, Trainern, Beratern und Personalentwicklerm bei ihrer täglichen Arbeit.

 

Fischer-Epe ist Expertin für Lern- und Veränderungsprozesse. Sie arbeitet mit einem interdisziplinären Team in der Personal- und Organisationsentwicklung und leitet Ausbildungsprogramme zu Führungs- und Dialogkompetenz, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung. Martin Reissmann ist Experte für Personal- und Organisationsentwicklung. Er war viele Jahre selbst Führungskraft und kennt die beschriebenen Prozesse also auch aus der Innenperspektive.

 

Die Autoren widmen sich zentralen Fragen zum Thema Führung, stellen Vorgehensmodelle und Werkzeuge für das Coaching zur Verfügung und illustrieren sie mit Fallskizzen aus ihrer langjährigen Coachingpraxis. Das Buch gibt praxisgerechte Hilfestellung bei verschiedenen Führungssituationen, die brenzlig sind. Es ist übersichtlich gegliedert, hat eine klare Sprache und verzichtet auf Blabla - es eignet sich mit Beispielen für alle, die Anregungen zur Lösung von Führungsaufgaben benötigen.

 

Hohes Niveau und trotzdem ein praktikables Buch!

(JT April 2017)

Einblicke in die Gehirnwindungen von Genies

 

Die Protagonisten der Kultserie „The Big Bang Theory“ leben zweifelsfrei in einem eigenen Universum. Die normal Sterblichen unter den Zusehern mit durchschnittlichem IQ verstehen zuweilen nichts, unterhalten sich aber trotzdem blendend, wie der Riesenerfolg der Serie zeigt!

 

„The Big Bang Theory und die Philosophie“, herausgegeben von William Irwin und Dean A. Kowalski (Februar 2017, rororo) liefert Antworten auf Fragen, die man sich nicht zu stellten traut und verbindet die Theorien der größten Denker der Welt mit Einblicken in die genialen Köpfe der Serienhelden.

Manchen Lesern mag das zwar als Geschwätz erscheinen, aber die Hard Core Fans werden es lieben. Man wird zwar nicht erfahren, wie man Leonard Nimoy klonen kann – aber was soll’s! Dafür erfährt man mehr über Philosophie, theoretische Physik und die Wissenschaft allgemein.

 

Wer nicht genug bekommt von „seinen“ Nerds, wird sich amüsieren über Sheldon, dem ein Computerspiel allemal wichtiger ist als gesellschaftliche Kontakte und seine Regeln für die ganz banalen Dinge des Lebens, wie die Raumtemperatur zum Beispiel.

 

(JT April 2017)

Und die Moral von der Geschichte …

 

Margaret Atwood ist eine der bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Wer jemald „Report der Magd“ gelesen hat, wird das wissen und ihr Gespür für gefährliche Entwicklungen unserer Welt nicht missen wollen. Ihr neues Werk „Das Herz kommt zuletzt“ (April 2017, Berlin Verlag) stellt Fragen nach Lebensregeln, Schuld und moralischer Verantwortung, nach der Bereitschaft zu Mitläufer- bzw. Mittätertum. Das Buch ist durchaus düster, aber auch voll Humor, wenn auch von der abgründigen Sorte! Es geht um die ungute Zukunftsvision eines totalen Überwachungsstaats.

 

Das Leben des durchaus ein wenig naiven Paares Charmaine und Stan war einst normal. Durch eine Wirtschaftskrise verlieren sie alles und leben in ihrem Auto, verarmt und verzweifelt angesichts marodierender Banden um sie herum. Da kommt  ein verlockendes Angebot der streng abgeschiedenen Stadt Consilience gerade zur rechten Zeit: ein Monat im Gefängnis, und einen Monat draußen, wo es Vollbeschäftigung gibt und sie ohne Kosten leben können. Das Positron Project ist ein soziales Experiment, das ihnen Sicherheit verspricht und doch ihr Leben und ihre Ehe gefährdet.

Atwoods Sprache ist wie immer virtuos und packend. Ihr Roman ist ziemlich abgedreht: es geht um Sex und Dominanz, der Liebe und den freien Willen. Die Schriftstellerin zeigt Charmaine und Stan mit all ihren Schwächen, Wünschen und Sehnsüchten. Ihr Schicksal macht nachdenklich und zeitweise sprachlos. Man kann nur hoffen, dass das reine Illusion bleibt und nicht der Zukunft der Menschen entspricht.

(JT April 2017)

Klein, aber oho!

 

Das kleinste Buch über die größte Stadt Deutschlands  ist „Berlin für die Hosentasche – Was Reiseführer verschweigen“ von Bernd Ingmar Gutberlet (April 2017, Fischer TaschenBibliothek).

 

Gutberlet sammelt alles über die wahren Oasen und Idyllen von Berlin, Historisches, Skurriles, Wissenswertes, Interessantes, Vergessenes, Aktuelles, Abwegiges, Triviales, Aufregendes, Ärgerliches, Vergnügliches – kurz: Berlinerisches – für Berlin-Touristen und alle, die mehr wissen wollen über diese einzigartige Stadt. Er ist seit den 1980iger Jahren Wahl-Berliner und hat zahlreiche historische und kulturhistorische Sachbücher sowie Berlin-Stadtführer veröffentlicht. Neben seiner publizistischen Tätigkeit arbeitet der Autor seit 2007 auch als Stadtführer in seiner Stadt.

Der Berlin-Flaneur wagt es, auch nicht so schöne Dinge zu präsentieren, sagt, wie der Berliner so tickt, berichtet über die marode Infrastruktur (arm, aber sexy!), und nimmt typisch berlinerisch kein Blatt vor die Schnauze.

Das kleine Büchlein ist ein wahrer Fundus an Informationen. Und über Berlin kann man ja nie genug wissen! Nicht unbedingt ein Reiseführer, aber vor oder nach einem Besuch der Stadt sehr empfehlenswert!

 

(JT April 2017)

Venedig-Bücher hat man nie genug!

Sie lieben wie wir Venedig und haben natürlich viele Bücher über die Stadt und kennen Sie schon wie Ihre Westentasche? Trotzdem sollten Sie Birgit Haustedt’s „Venedig“ Buch in der Serie Lieblingsorte des Insel-Verlages (April 2017) lesen. Es wird Sie – wie uns – überraschen, was es in der Lagunenstadt noch alles zu entdecken gibt. Natürlich teilt man die Geheimtipps zu Kunst und Kultur, Land und Leuten, kulinarischen Leckerbissen und sonstigen Genüssen von Haustedt wieder mit den anderen Leser-Entdeckern, aber allein ist man ja in Venedig sowieso nie!

Zum Beispiel wird ein Frühstück im versteckt gelegenen Caffè del Doge empfohlen, wo man den angeblich besten Kaffee der Stadt serviert bekommt, bevor man sich ins Getümmel am Rialto-Fischmarkt stürzt. In der Gondelwerft am Rio San Trovaso beobachtet man die Bootsbauer bei ihrer Arbeit, wenn man von den Gondeln – und wer ist das nicht – fasziniert ist. Am Abend genießt man dann die blaue Stunde in den Bars an der Fondamenta degli Ormesini.

Jedem Lieblingsort der Autorin sind zwei Seiten gewidmet, mit Farbfoto, Extratipps, Wegbeschreibung und Öffnungszeiten. Durch die praktische Anordnung nach Stadtteilen können Sie die Umgebung Ihres Lieblingsortes gleich mit erkunden.

A presto!

(JT April 2017)

My favourite Books III

 

Den Welttag des Buches am 23. April nehme ich zum Anlass,

Ihnen wie versprochen wieder Einsicht in mein Kopfkino zu gewähren,

das sofort zum Laufen anfängt,

wenn ich an die Geschichten zwischen meinen LieblingsBuchdeckeln denke.

Es ist sooo wichtig, Bücher zu lesen, mit ihnen zu leben.

Ich hoffe, ich kann Ihre Lesefreude wecken

und Sie tauchen in fremde Welten ein, verlieren sich in den Fantasien der Autoren

und schenken sich selbst Zeit mit Geschichten!

 

Herzlichst, Ihre Lilly Tampier

Illustration: Pinterest

Ich,  der Wächter ist ein Horror-, Psycho- und FantasyThriller, in dem nichts vorhersehbar ist. Vergleichbares habe ich davor und danach nicht gelesen. Wobei es ein Wagnis ist, das KultBuch und Meisterwerk von Charles McLean zu beginnen, zweifelt man doch nicht nur am Verstand des Protagonisten Martin Gregory. Völlig umwerfend ist der Schluss der ohnehin schon abgefahrenen und ziemlich verstörenden Story, deren Spannung genial aufgebaut wird. Martin lebt mit seiner Frau Anna und zwei Hunden außerhalb New Yorks ein sorgenfreies Leben. Die Geschichte beginnt an Annas Geburtstag. Martin will ihr einen schönen Tag machen, aber etwas läuft völlig aus dem Ruder. Es kommt zu einer ziemlich grässlichen Tat. Martins Geisteszustand verfällt immer mehr. Er muss in ärztliche Behandlung und wird bei den Therapiesitzungen auch hypnotisiert. Dabei stellt sich raus, dass er nicht zum ersten Mal lebt. Was wahr ist bzw. nur Martins Wahnkrankheit und seiner Fantasie entspringt, lässt der Autor offen um den Leser zu verunsichern.

 

Patrick Süskinds Klassiker Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders spielt im achtzehnten Jahrhundert in Frankreich und dreht sich um eine der genialsten und abscheulichsten Gestalten, über die je geschrieben wurde. Der Pariser Massenmörder Jean- Baptiste Grenouille lässt Bilder im Kopf entstehen, von denen man nie geglaubt hat, sie sehen zu müssen. Grenouille selbst ist geruchlos, ihm fehlt jeder Eigenduft, aber er ist mit einem genialen Geruchssinn ausgestattet. Er wird im bestialischen Gestank der Pariser Armenviertel groß, wo er sich, scheinbar vom Teufel besessen, zu einem Ungeheuer entwickelt. Eine Meisterleistung Süskinds, dem es gelingt, ein fürchterlich angsteinflößendes Märchen zu schreiben. Nach dem gruseligen Ende hat man noch lange das Gefühl, Gerüche besonders gut wahrnehmen zu können!

 

Die Haut, in der ich wohne von Thierry Jonquet ist wie ein bedrohliches Spinnennetz, in dem sich die handelnden Personen immer mehr verfangen.
Der berühmte plastische Chirurg Richard Lafargue hält seine Partnerin Ève in seiner Villa gefangen. Sie darf sie nur einmal im Monat verlassen, wenn das Paar eine junge Frau in der Nervenheilanstalt besucht. Nach diesen Ausflügen zwingt Richard seine Partnerin dazu, Sex mit Fremden zu haben, während er sie dabei beobachtet. In einem Verlies leidet der Abiturient Vincent qualvoll Hunger und Durst, nachdem er bei einer Hetzjagd im Wald von einem Unbekannten entführt worden ist. Anfangs glaubt er noch an eine Verwechslung, dabei ist das nur der Anfang einer subtil arrangierten Hölle, in die sich sein Leben verwandelt.
Die brillant komponierte Handlung rund um Rachsucht, Ausschweifung und bedingungslose Liebe zeigt eine derart zerstörerische Kraft, das man sich ihr nicht entziehen kann. Unheilvoll!

 

Der menschliche Körper beginnt kaum fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen – und wird dann zu einem gigantischen Festschmaus für Bakterien und für Insekten. Die unheimlichen Vorgänge in toten Körpern und der damit verbundene Modergeruch waren einst das tägliche Brot von Dr. David Hunter, Englands berühmtesten Rechtsmediziner. Simon Beckett schreibt mit Die Chemie des Todes sicher den besten PathologieThriller ever, ein Schocker sondergleichen!

David Hunter lebt nach dem Unfalltod seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Manham, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Devon, als einfacher Allgemeinmediziner. Als der Leichnam der sichtlich vor ihrem Tode gefolterten Schriftstellerin Sally Palmer gefunden wird, ist er, der schweigsame Fremde im Dorf, schnell Verdächtiger Nummer ein. Doch es stellt sich heraus, dass er früher eben Rechtsmediziner war, und die Polizei bittet ihn um Unterstützung. Eine fieberhafte Suche nach dem Mörder beginnt. Im Dorf bricht eine Hexenjagd los. Beckett legt so einige falsche Fährten, dass man am Ende des Krimis aus allen Wolken fällt!

Grausames Spektakel

Mark Roderick legt mit „Post Mortem – Tage des Zorns“ (März 2017, Fischer Taschenbuch) den dritten Band mit Interpol-Agentin Emilia Ness und Profikiller Avram Kuyper vor. Dieses Pärchen garantiert für Hochspannung, sind die beiden doch schon in den ersten Post Mortem Büchern in unglaublich grausame Greueltaten verwickelt gewesen.

Über lange Strecken glaubt man als Leser, zwei unterschiedliche Krimis in Händen zu halten. Kuyper und Ness ermitteln in parallelen Erzählsträngen jeweils in ihren aktuellen Fällen – die Agentin sucht den Serienmörder Dante und der Killer verfolgt die Spur eines alten Feindes, der ihn einst in Bolivien fast getötet hätte. Die Ermittlungen verlangen ihnen alles an Können und Nerven ab, sind doch Emilias Tochter Becky und Avrams Nichte Akina entführt worden und befinden sich in der Gewalt von mehr als verhaltensauffälligen Psychos. Klar ist, der Täter will die beiden Kinder und Emilia und Avram leiden sehen, er ist voll Zorn und will sie um ihren Tod flehen lassen.

Natürlich treffen Emilia und Avram auch in diesem Thriller aufeinander. Das ungleiche Paar muss sich auf eine gefährliche Reise begeben, wenn es die Mädchen retten will vor Bestien in Anzügen, die sich perfideste Spielchen für ihre Opfer ausgedacht haben, dass man die Ohren anlegt – auch vor der Fantasie Rodericks! Wie immer bei solch harten FolterThrillern stellt sich ja die Frage, wie können die Schöpfer dieser Mörderbuben nachts ruhig schlafen!

Rasant, dynamisch, gut, aber definitiv nichts für schwache Nerven!

(JT April 2017)

Entzückend

 

Ich bin mir ganz sicher, dass viele Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln genau so ein Buch schon gesucht haben! Kate Greenaway’s kleines Büchlein „Kinderspiele“ (März 2017, Insel Verlag) vereint achtzig Spielbeschreibungen mit zauberhaften Illustrationen mit dem Charme des 19. Jahrhunderts. Ein wunderbares Werk, das zum Erinnern einlädt und dazu anregt, die Spiele mit den eigenen Kindern und Enkelkindern wiederaufleben zu lassen. 1899 ist die Sammlung erstmals in Großbritannien erschienen und wurde nun wiederentdeckt.

 

Schon klar, dass die Kids von heute am liebsten am Computer und auf der Playstation spielen, aber der kleine Band stellt kompakt historische Kinderspiele vor wie „Himmel und Hölle“ oder „Woran denke ich?“, die die Minis gut dazu bringen, auch mal ins Freie zu gehen oder die man auch auf längeren Autofahrten spielen kann.

 

Gehört eigentlich in jede Bibliothek!

(JT April 2017)

Ist sie es? Oder doch nicht?

 

Amy Gentry schreibt mit „Good as Gone“ (Februar 2017, C. Bertelsmann Verlag) einen Roman, der keineswegs mit Thrillern à la „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“ verwechselt werden darf. Das Buch ist durchaus spannend wie ein Krimi, aber bleibt eine Mutter-Tochter-Kiste.

 

Die kleine Jane beobachtet nächtens, dass ihre 13-jährige Schwester Julie entführt wird. Im Schock und weil ihr Julie deutet, still zu sein, schlägt sie nicht Alarm. Julie bleibt verschwunden. Alle Suchaktionen sind vergebens. Die Eltern Tom und Anna erstarren in Trauer, leben nebeneinander her. Die Polizei legt den Fall zu den Akten. Acht Jahre später steht plötzlich eine junge Frau vor der Tür und behauptet, die vermisste Tochter zu sein. Alle sind glücklich. Doch schon bald spürt die Familie, dass die Geschichte der Verschwundenen nicht stimmt. Anna sucht nach der Wahrheit über die junge Frau.

 

Die Autorin spielt mit verschiedenen Erzählperspektiven und legt falsche Fährten, da heißt es aufpassen, damit man nicht die Übersicht verliert, weil manche Geschichten sehr konstruiert dahindümpeln und irgendwie nicht zusammenpassen.

Die neue Julie ist viele. Aber ist sie auch die richtige Julie? Das Ende überrascht.

(JT April 2017)

Wau-Wau Sweety kennt die Wahrheit …

 

… wenn doch die kleine Hündin nur reden könnte!

 

Ein schwuler und kranker junger Mann, Bernhard,, ein marokkanischer Playboy, Abdu, und sein Hund Sweety sowie eine Ex-Prostituierte, Julia, die in Wien in einer Wohngemeinschaft  leben, werden in einen Mord verwickelt. Pikante Details aus ihrem Liebesleben würzen den unterhaltsamen Roman „Wenn Sweety nur reden könnte …“ von Othmar Traninger (Dez. 2016, united.p.c.).

Durch den Raubmord und das gestohlene Geld wird das Leben der drei Hauptprotagonisten auf den Kopf gestellt. Nur Sweety weiß alles, aber sie kann halt nur bellen. Und das alles ist sehr amüsant.

 

 

(JT März 2017)

Ciao belli

 

Italienisch ist eine wundervolle Sprache und äußerst reich an Redewendungen und Sprachbildern - man muss sie nur kennen! „Bessersprecher Italienisch“ von Sandro Mattioli und Franceso Bianco (Nov. 2016, Conbook) macht Italienisch einfach noch italienischer und erklärt ein wenig die italienische Kultur, kurzum: das Land und die Leute.

Durch das Buch bekommt man einen Wortschatz, der im Alltag mehr Sprachsicherheit gibt, einem vor Missverständnissen bewahrt und Lust macht, Italienisch wie ein Italiener zu sprechen. Man lernt 150 Redewendungen in 10 Themenbereichen, mit vielen Beispielsätzen, Vokabelhilfen und Lernübungen, komplett in Farbe, kennen, es gibt praxistaugliche Beispielsätze, spannende Hintergrundinformationen zur italienischen Gesellschaft und wichtige Vokabellisten um die eigenen Sprachkenntnisse zu erweitern und die gelernten Redewendungen stilsicher einzusetzen.


Wie unterschiedlich Redewendungen in Italien gebraucht werden, das erfährt man hier und man sieht rasch, wie schnell man „einfahren“ kann im Umgang mit der Sprache. Das Buch lädt ein zum Schmökern, Kichern, weil Italienisch sehr witzig sein kann, und einfach zum Lernen.

Also: niemals „gettare la spugna“ = aufgeben, das Handtuch werfen, wörtlich: den Schwamm werfen!

 

(JT März 2017)

Finale

 

… und das ist auch gut so! Bernhard Aichner’s Trilogie rund um eine mörderische Bestatterin hat ausgeblumt. Nach gefühlten 100x „Blum“ pro gelesener Seite geht einem die gute Brunhilde nämlich ein wenig auf die Nerven ...

 

Der 3. und letzte Teil „Totenrausch“ (Jänner 2017, btb) – um sich auszukennen muss man unbedingt Teil 1 "Totenfrau" und Teil 2 "Totenhaus" vorher lesen – führt die Blum nach Hamburg, wo sie sich und ihren beiden Mädchen wieder Geborgenheit geben will. In ihrer unschuldigen, sagen wir mal dümmlichen Naivität, gibt sie sich dieser Illusion hin, nach all den Morden, in die sie verwickelt ist, ein normales Leben führen zu können.

Sie lässt sich mit dem stadtbekannten Zuhälter Egon Schiele (!), eigentlich Hermann, ein. Der, ein wenig vernarrt in sie, hilft ihr, eine neue Identität aufzubauen, knüpft ihr aber ein Versprechen ab, nämlich einen Mord für ihn zu begehen, wenn er das wünscht, was die doofe Nuss natürlich dann nicht macht, als er das will. Alles eskaliert! Das Ende wollen wir nicht erzählen, denn sonst ist auch das letzte Restchen Spannung weg.

Alles in allem ein typischer Aichner. Die kurzen Sätze und Kapiteln und stereotypen Formulierungen lesen sich wie in einem Schulaufsatz. Dadurch entsteht Tempo beim Lesen, man ist schnell mit dem Buch fertig.

 

(JT März 2017)

 

 

Ein echter Strobel

Wer Arno Strobel kennt, weiß, dass seine Krimis extrem packend, extrem verstörend, extrem intensiv sind. Seine Mörder-Figuren sind alle nicht „dicht“ in der Birne und man muss sich wirklich fragen, wie Strobel mit diesen von ihm erschaffenen Monstern ruhig schlafen kann! 
Mit „Tiefe Narbe – Im Kopf des Mörders“ (Jan. 2017, Fischer Taschenbuch) schickt der Bestseller-Autor Oberkommissar Max Bischoff quasi in Serie, das Buch ist der Auftakt einer Thriller-Trilogie.

Bischoff, Anfang dreißig, ist der Neue bei der Düsseldorfer Mordkommission. Er ist hoch motiviert und schwört auf moderne Ermittlungsmethoden, was nicht immer auf Gegenliebe bei seinem Kollegen Horst Böhmer stößt. Ihr erster gemeinsamer Fall beim KK11 hat es in sich. Auf dem Polizeipräsidium taucht eines Morgens der Journalist Harry Passeck auf, der völlig verstört und von oben bis unten mit Blut besudelt ist. Er weiß weder, was in der Nacht zuvor geschehen ist, noch hat er eine Erklärung für das Blut auf seiner Kleidung. Wie sich herausstellt, stammt es nicht von ihm selbst, sondern von einer Frau, die vor über zwei Jahren spurlos verschwand und für tot gehalten wird. Ist er Täter oder Opfer? Als kurz darauf eine weibliche Leiche am Rheinufer gefunden wird – es ist aber nicht die vermisste Miriam - verstricken Bischoff und sein Partner Böhmer sich immer tiefer im Dickicht der Ermittlungen. Bischoff wird auch immer wieder durch seine im Rollstuhl sitzende Schwester und durch eine neue Liebelei von seinem Fall abgelenkt, was sich als tödlicher Fehler erweist.

In einer zweiten Erzählebene offenbart sich der völlig krankeTäter, der seine Liebe zu Frauen und seine sexuellen Obsessionen nur mit äußerst abartigen Praktiken zum Ausdruck bringen kann.

 

Man kann als Leser der Strobel’schen Fantasie nicht entrinnen!

 

 

(JT Feb. 2017)

 

Fersengeld, Fisimatenten und Fräulein

 

Was haben diese drei Begriffe wohl gemeinsam? Sie gehören einer aussterbenden Spezies an! Auch auf die Gefahr hin, jetzt als „altertümlich“ zu gelten: mir tut es leid, wenn Wortneuschöpfungen so schöne alte Wörter aus dem Sprachgebrauch verdrängen.

Wie gut, dass es nicht nur mir so geht, sondern auch anderen! Petra Cnyrim hat das amüsante Werk „Das Buch der fast vergessenen Wörter“ (November 2016, riva) verfasst und darin kann man ganz wunderbar in Begriffen wie Donnerbalken (scherzhaft für Toilette), Hahnrei (gehörnter Ehemann), Grüne Minna (Polizeiwagen), Blaustrumpf (unweibliche Frauen) oder Brimborium (überflüssiges Getue) schwelgen und bekommt die Herkunft der Ausdrücke gleich gut erklärt. Eine Zeitleiste unten auf der Seite eines jeden Wortes zeigt, in welchem Zeitraum dieses Wort gebräuchlich war.

 

Unsere Sprache ist einem steten Wandel unterworfen. Während jedes Jahr das Jugendwort des Jahres gekürt wird, verschwinden andere Wörter und Phrasen aus unserem Sprachgebrauch. Nicht selten deswegen, weil auch das dazugehörige „Ding“ aus unserem Alltag verschwindet. Und plötzlich findet sich kein Bandsalat mehr im Kassettenrecorder, dasTestbild im TV ist Geschichte, der Lebertran schmeckt abominabel und für die Parkuhr fehlt der passende Groschen. Dieses Buch stellt solche Wörter zusammen – und lädt ein zum Erinnern, Wiederentdecken und Schmunzeln.

 

Übrigens: Fersengeld geben steht dafür, sich aus dem Staub zu machen, Fisimatenten bedeutet, Umstände zu machen und Fräulein war früher die förmliche Anrede für unverheiratete Frauen bzw. für eine Kellnerin.

 

(JT Feb. 2017)

 

Eine Frauenfreundschaft

Elena Ferrante’s Porträt der Freundschaft von Lila und Lenù ist hinreißend. Derweilen ist das Thema ja eigentlich banal: zwei italienische Mädchen wachsen in einem neapolitanischen Armenviertel gemeinsam auf und wollen reich werden, kämpfen um ihren sozialen Aufstieg und den Ausbruch aus einer bildungsfernen Umgebung. Trotzdem schafft die Autorin es mit einer unglaublich soghaften sprachlichen Kraft, eine Geschichte zu formulieren, bei der man nicht aufhören kann und will, sie zu lesen!

Im Band 1 „Meine geniale Freundin“ (September 2016, Suhrkamp) blickt Elena Greco nach dem Verschwinden ihrer besten Freundin auf das gemeinsame Leben zurück. Elena, auch Lenuccia oder Lenù genannt, ist die angepasste Tochter eines Pförtners, und Raffaella Cerullo, Lina oder nur von Lenù Lila gerufen, ist eine draufgängerische Schustertochter. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich,  beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere.

Lila ist kein sympathisches Mädchen und auch keine klassische Schönheit, aber alle Buben und Männer erkennen in ihr etwas, das sie für immer fasziniert, ob Enzo Scanno, der Schulkamerad und spätere Gemüsehändler, die Solara-Brüder, die mit  der Camorra krumme Geschäfte machen, oder Stefano Carracci, dessen Vater Don Achille ermordet wurde. Von ihr ging eine Ausstrahlung aus, die sowohl verführerisch als auch gefährlich war.

Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie alle auf, in einem armen Rione, einem volkstümlichen Viertel, wo die Gewalt regiert, in den Familien und auf der Straße. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste Lila und die fleißige, durchaus hübsche Lenù, bis Lilas Vater Fernando seine Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Lenù, gefördert durch ihre Lehrkräfte, immer weiter in die Schule geht und schließlich studieren wird, obwohl ihr klar ist, dass dies der Weg von Lila sein hätte müssen.

Die Mädchen begleiten einander durch das Leben und müssen sich gegen die Zumutungen einer brutalen, von Männern beherrschten Welt behaupten. Lila gelingt es als erster, den Kindheitswunsch nach Reichtum zu verwirklichen, indem sie sich den Sohn der wohlhabenden Carraccis schnappt, die eine Salumeria betreiben, und ihn heiraten wird. Sie mutiert zur Jackie Kennedy des Riones, doch Lenù, die eine Liebschaft mit Antonio Cappuccio, einen Automechaniker, unterhält, bezweifelt ihr Glück. Und wirklich endet der Band 1 mit einem Knalleffekt.

 

Wie gut, dass Band 2 „Die Geschichte eines neuen Namens“ (Januar 2017, Suhrkamp) bereits veröffentlicht ist. Leidvolle Zeiten für Lila brechen an, während Lenù erkennt, dass ihre mühsam erarbeitete Bildung in ihrer neapolitanischen Welt nichts gilt. Das brennende Verlangen von beiden Frauen nach Nino Sarratore, den Lenù schon als kleines Mädchen liebte und der immer nur Lila wollte, führt sie fast ins Verderben und es kommt zu ihrer, wenn auch nur vorübergehenden Trennung. Auch der zweite Teil der Saga, die sich zeitweise ein klein wenig zu wissenschaftlich und zu politisch liest aufgrund des Studiums von Lenù in Pisa, endet mit einem Cliffhanger, aber Band 3 ist bereits für Juni angekündigt.

 

Die Bücher von Elena Ferrante (ein literarisches Pseudonym, das noch nicht enträtselt wurde) erzeugen eine (Lese)Sucht wie eine Droge! Sie sind ein schonungsloses, bestechendes Sittengemälde über die rettende und oft auch zerstörerische Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt – unabhängig von liebevoller Zuneigung, Missgunst, Rivalität und Geheimnissen. Oft verstörend, aber immer unglaublich spannend!

 

(JT Jan. 2017)

Die Geschichte der Lügnerin Mallory Knight

 

Jilliane Hoffman schreibt verstörende Krimis, allesamt Bestseller. Sie hat mit „Cupido“ einen der besten Thriller ever verfasst – und obwohl ihre nachfolgenden Bücher ein hohes Spannungsniveau haben, der Thrill von „Cupido“ scheint unerreichbar!

 

Der neue Krimi ist nach „Mädchenfänger“ der zweite Fall für FBI-Agent Bobby Dees, Spezialist für verschwundene Kinder und Jugendliche. „Insomnia“ (Dezember 2017, Wunderlich) ist die Geschichte der jungen Mallory Knight aus Florida, die nichts anderes will, als begehrt zu werden und beliebt zu sein. Nach einer Party ist sie plötzlich spurlos verschwunden. Verletzt taumelt sie zwei Tage danach in eine Biker-Bar und gibt vor, einem berüchtigten Serienmörder gerade noch so entkommen zu sein.

Der „Hammermann“ genannte Typ ist sichtlich wahnsinnig, so wie er seine Opfer zu Tode quält. In einer Parallelhandlung lernt man ihn kennen. Sein Kopf fühlt sich an, als sei er in einen Schraubstock gezwängt. Er kann nicht essen, er kann nicht schlafen. Und er hat böse Gedanken. Es gibt nur eines, was er tun kann, um seine Kopfschmerzen loszuwerden: Mord.
Als Special Agent Bobby Dees, der schon einmal einen Serienmörder gestellt hat, Mallory befragt, verstrickt sie sich in Widersprüche und Mallory muss bald erkennen, dass ihre Aussage fatale Folgen nicht nur für sie hat. Sie ist eines jener Mädchen, das im Leben immer die falschen Abzweigungen nimmt.

 

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!

(JT Jan. 2017)

Eine phantastische Erzählung

 

Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. Mit „Die Vermessung der Welt“ erzielte er einen Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Seine neue phantastische Erzählung „Du hättest gehen sollen“ (Oktober 2016, Rowohlt) ist ein kleines Büchlein mit 92 Seiten und ziemlich unheimlich, wenn auch nicht ganz einfach zu lesen.

 

Ein junges Ehepaar mit Kind hat sich in der Vorweihnachtszeit für ein paar Tage ein einsam gelegenes Ferienhaus gemietet. Das Kind erzählt wirre Geschichten aus dem Kindergarten, die Frau tippt Nachrichten auf dem Telefon, und der Mann - ein Drehbuchautor, von dem ein Produzent den zweiten Teil seiner erfolgreichsten Komödie erwartet - schreibt Ideen und Szenen in sein Notizbuch. Aber mehr und mehr notiert er auch anderes - eheliche Spannungen, Zwistigkeiten, vor allem die seltsamen Dinge, die rings um ihn geschehen. Denn mit dem Haus stimmt etwas nicht. Allmählich verschwimmen alle Konturen in der schauerlichen Geschichte, und der Boden unter den drei Menschen beginnt zu wanken, die Stimmung wird gereizter.

 

Raffiniert strickt Kehlmann in seiner geschliffenen Sprache ein rätselhaftes Labyrinth, abgründig, zwischen Spuk und Wirklichkeit, mit einem nicht erwarteten Ende, das man sich vielleicht doch anders gewünscht hätte. Ein wenig klingt „Shining“ durch!

 

(LT Dezember 2016)

Lust auf New York

 

Juliane Pieper hat sich drei Jahre lang in New York durchgeschlagen. Sie hat die kuriosesten Fakten rund um die faszinierendste Metropole der Welt aufgespürt! Ihr Büchlein „New York für die Hosentasche. Was Reiseführer verschweigen“ (November 2016; Fischer TaschenBibliothek) zeigt, dass alles im Big Apple zum Extrem neigt.

 

Gibt es in New York mehr Hundefriseure als Therapeuten? Seit wann sinkt in New York eigentlich die Mordrate - sinkt sie wirklich? Kann irgendjemand alle 2500 Songs über New York auswendig? Fragen über Fragen! Die Antworten und noch viel mehr über die aufregendste Stadt der Welt, über das Empire State Building, das One World Trade Center, das Chrysler Building, Times Square und Broadway, das Rockefeller Center und den Central Park, über Donuts und Cronuts und über die New Yorker an sich kann der Leser humorvollst aufbereitet nachlesen.

 

 Ein Muss für alle demnächst über den Großen Teich-Reisenden und alle New York-Fans und solche, die es noch werden wollen!

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Karin Peschka – eine Entdeckung

 

Wer eine Ahnung davon haben will, was unsere Väter, Mütter und die Großeltern ein Leben lang verschweigen, der sollte den großartigen Nachkriegs-Roman „Watschenmann“ (August 2014, Otto Müller Verlag) der Oberösterreicherin Karin Peschka lesen. Die wortgewaltige Autorin schafft es mit einem wirklich sehr eindrucksvollen, durchaus auch derben Schreibstil, dass der Leser spürt, wie das Leben nach dem 2. Weltkrieg wirklich war und wie es den Menschen in der schwierigen Zeit gegangen ist.

Wiederaufbau und wirtschaftlicher Aufschwung prägen das Jahr 1954 im noch besetzten Wien. Doch nicht jedem geht es gut in den neuen Zeiten, viele sind traumatisiert von den Geschehnissen. Die Gelegenheitsprostituierte Lydia,  die noch auf die Heimkehr ihres Verlobten aus der Kriegsgefangenschaft wartet, ihr Geliebter und Zuhälter, der Serbe Dragan, ein ehemaliger Boxer, und der junge Heinrich, der „Watschenmann“, den sie bei sich aufgenommen haben, gehören zu den Entwurzelten, die in einem Schuppen hausen und versuchen sich in ihrer ambivalenten Beziehung gegenseitig ein wenig Liebe, Stabilität und Halt zu geben. Heinrich provoziert andere, vom Krieg verrohte Menschen, dazu, ihn zu schlagen. Aber was stimmt eigentlich nicht mit ihnen?

 

Karin Peschka hat zahlreiche Auszeichnungen für ihren Debütroman bekommen – kein Wunder! Für ihren zweiten Roman „FanniPold“ (September 2016, Otto Müller Verlag) erhielt sie das Elias-Canetti-Stipendium 2015 und 2016.

Die Fanni sagt zum Poldi: "Brangelina, verstehst?". "Was?" fragt Poldi. "Angelina Jolie und Brad Pitt. Wären wir berühmt, weißt, wie wir heißen würden?". „Wie?" - Poldi spürt Fannis Herz pochen unter seiner Hand. "FanniPold", sagt sie.

 

Brangelina sind Geschichte, aber FanniPold bleibt! Darüber muss der Leser wirklich froh sein, denn dieses Buch ist so schräg und komisch, dass es Gusto macht auf die weiteren Schreibereien der Autorin. Die Geschichte spielt im fiktiven Kaff Laurinz in der Provinz und offenbart das Schlamassel von Fanni, aus dem sie nicht wirklich mehr rauskommt.

Vor lauter Fadesse zwischen betulichem Frauenstammtisch und Ehefrau- und Mutter-Dasein hat sie sich nämlich eine Krebserkrankung angedichtet. Die Lüge führt zu weiteren Lügen und schließlich zum tatsächlichen absurden Absturz: Ein Tandemflug der Eheleute endet in einem Tannenwipfel, Poldi und Fanni müssen auf Hilfe warten.

 

Beide Peschka-Bücher sind ein Muss!

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Dem Geheimnis auf der Spur

 

 

Andreas Eschbach schrieb als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung "für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs" seinen ersten Roman "Die Haarteppichknüpfer", der 1995 erschien und für den er 1996 den "Literaturpreis des Science Fiction-Clubs Deutschland" erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller "Das Jesus-Video" (1998), das zum Taschenbuchbestseller wurde. Mit "Eine Billion Dollar", "Der Nobelpreis" und zuletzt "Ausgebrannt" stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Thriller-Autoren auf.

"Teufelsgold" - der neue Thriller vom Bestsellerautor (September 2016, Lübbe) ist ein Zuckerl für seine Fans und Fantasy-Liebhaber. Durchaus spannend, mit einer interessanten Grundidee und aufregend, wenn man speziell beim Ende auch das Gefühl nicht ganz los wird, dass Eschbach beim Schreiben ein Getriebener unter Zeitnot oder durch Termindruck war! Der Autor bedient sich zwar gekonnt bei den Schlüsselteilen eines Schreibwerkes, das seinen Lesern ganz sich gefallen wird und mischt Mord mit Geheimorganisation, Mythos und Mystik, Physik und Chemie, Liebe und das Streben nach Reichtum zusammen, trotzdem erscheint manchen ein wenig lieblos.

 

 

Zum Inhalt: Nach dem Ende der Kreuzzüge taucht das erste Mal der Stein der Weisen, mit dem man Gold machen kann, auf - gefährliches Gold, radioaktives Gold nämlich. Der Stein erscheint, als ein Alchemist Gott verflucht, und er zieht eine Spur der Verwüstung durch Europa. Die Deutschordensritter erklären es zu ihrer geheimen neuen Aufgabe, ihn zu finden und sicher zu verwahren. Für alle Ewigkeit. Doch in der Jetztzeit kommen zwei Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten, dem wahren Geheimnis des Steins auf die Spur: Er ist ein Schlüssel, der unser aller Leben zum Guten hin verändern könnte. Vielleicht öffnet er aber auch nur die Pforten der Hölle?!

(LT Dezember 2016)

Ein langer, steiniger Weg

 

Rose Tremain erzählt in ihrem ganz besonderen Roman „Und damit fing es an“ (August 2016, Insel Verlag), übersetzt von Christel Dormagen, den Verlauf einer innigen Beziehung zwischen zwei Männern - sehr feinsinnig und in durchaus begeisterndem Stil.

 

Gustav Perle ist ein zurückhaltender Mann. Er wuchs in den 1940iger Jahren allein bei seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen im schweizerischen Matzlingen auf. Als Anton in seine Klasse kommt, ein Junge aus einer kultivierten jüdischen Familie, hält mit ihm Liebe und Geborgenheit in sein Leben Einzug. Anton spielt Klavier, und seine Familie nimmt Gustav sonntags mit zum Eislaufen. Emilie sieht das nicht gerne, lebt sie doch in der Überzeugung, dass die Bereitschaft ihres verstorbenen Mannes, jüdischen Flüchtlingen zu helfen, letztlich ihr gemeinsames Leben ruiniert hat. Doch Anton ist alles, was Gustav braucht, um glücklich zu sein. Umso härter trifft es ihn, als dieser – beide sind längst erwachsen – Matzlingen verlässt, weil er seine große Chance als Pianist wittert. Gustav widmet sich seinem Hotel Perle, das er inzwischen mit Erfolg führt – doch er ist einsam und verspürt eine große Leere in seinem Leben. Bis Anton zurückkehrt – und beide erkennen, dass das Glück vielleicht schon immer direkt vor ihnen lag.

Die beiden Hauptprotagonisten bleiben sich treu, durch alle Ereignisse und Schicksalsschläge – auch wenn sie sich immer weiter entfremden bleibt ihr einzigartiges Gefühl füreinander bestehen. Im Prinzip brauchen sie nur den anderen zum Glück. Tremain lässt den Leser in das Leben der Protagonisten, das einem nicht immer nur sympathisch ist, tief eintauchen. Im ersten Teil des Buches begleitet man den melancholischen Gustav durch seine Kindheit, der zweite ist seinen tragischen Eltern gewidmet, der letzte Teil schildert Anton und Gustav als Erwachsene, die beide an den seelischen Verletzungen ihrer Kindheit gewachsen sind.


(LT Dezember 2016)

Schwule Nächte in London

 

Der Autor Dirk Schiller arbeitet unter seinem echten Namen für die Bundesregierung in Berlin. Abends widmet er sich dem Schreiben von erotischen Romanen und Krimis, für die er sich in den Bars und Clubs der Hauptstadt Inspiration sucht. Er entlässt dann den seriösen, ernsten und braven Teil von ihm quasi in den Feierabend!

Schiller lässt in seinem erotischen Roman „Nachts in Soho“ (November 2016, Bruno Gmünder) seinen Protagonisten, Kriminologiestudent Niklas ein Auslandssemester in London studieren. Niklas ist froh, dass er in seinem Zimmernachbarn Greg schnell einen neuen Freund findet. Während Greg ihm die Stadt und vor allem das schwule Nachtleben von Soho zeigt, kommen sich die beiden Jungs näher und schlafen miteinander. Alles könnte so schön sein, doch Greg ist bereits mit einem reichen Geschäftsmann liiert.
 

Als dieser tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht sofort auf Greg. Nur Niklas ist von seiner Unschuld überzeugt und bereit, den wahren Täter mit seinem kriminologischen Scharfsinn – wozu studiert er schließlich dieses Fach? - zu stellen.

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Tote Mädchen machen keinen Sex

 

Die Oberösterreicherin Isabella Maria Kern hat sich mit dem Thema Zwangsprostitution lange auseinandergesetzt, erschüttert hat sie nicht nur die hohe Dunkelziffer, sondern das meist minderjährige Alter der Opfer, die zwischen 14 und 17 Jahren sind, und wenn es ganz böse ist, dann sind sie noch keine 14. Mit ihrem sehr gelungenen, extrem spannenden Roman „Li“ (Juli 2016, Iatros) will sie natürlich ihre Leser unterhalten, aber auch nachdenklich stimmen bzw. überhaupt auf das Thema, das gerne unter den Tisch gekehrt wird, aufmerksam machen. Das gelingt ihr sehr gut.

 

Der Journalist Peter, an sich ein arroganter Typ, hatte das Gefühl, dass alles schief lief in seinem Leben, was ihn ziemlich wütend machte. Bei den Frauen hatte er auch kein Glück, so beschloss er, sich einen bezahlten Fick mit einer Nutte zu gönnen. Wobei, schon am Hinweg zum Bordell vergeht ihm jede Lust. Nach seinem Besuch dort ist für ihn aber nichts mehr, wie es war.
Die Lust auf Sex ist ihm nämlich noch mehr vergangen, als er im Etablissement auf die minderjährige Li trifft. Blauäugig will er ihr helfen. Aber Li nimmt sich noch in derselben Nacht das Leben.

Peters Leben gerät vollkommen aus den Fugen, er wird von Zuhältern bedroht, als er ein anderes Mädchen schützen will, verliert seinen Job und hört dann auch noch Lis Stimme. Verliert er den Verstand?


Der Roman wird zum paranormalen Thriller mit so mancher Drehung und Wendung und zum Kampf um eine bessere Welt, der nicht zu gewinnen ist. Berührend. Das Buch regt auf jeden Fall auf und man wird ganz schön wütend ob der miesen Situation im Geschäftszweig der Prostitution.

 

 

(LT Dezember 2016)

David Hunter is back!

Simon Beckett’s Buch „Die Chemie des Todes“ zählen wir zu den spannendsten Krimis überhaupt! Es war 2007 der erste Fall des Forensikers Dr. David Hunter. Sein fünfter Fall „Totenfang“ (Oktober 2016, Wunderlich) führt Hunter in die Backwaters, ein ziemlich unwirtliches Mündungsgebiet in Essex. Aber Unwirtlichkeiten ist er ja gewöhnt – Beckett erspart sie ihm nie. Die wahren Gefahren lauern natürlich dort, wo Hunter sie am wenigsten erwartet, denn nicht Ebbe und Flut oder Strömungsverhältnisse sind die Schwierigkeiten des Falls, sondern biologischer Zerfall und wie immer die komplizierten Beziehungen rund um die Toten.

Kurz zum Inhalt, ohne viel preiszugeben: Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers, Spross der einflussreichsten Familie der Gegend, spurlos verschwunden. Als eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Er soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt. Man vermutet Mord und Selbstmord. David Hunter hat natürlich Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche. 
Im Ort  der erbarmungslosen Wasserlandschaft mit Sumpf und Kälte haben viele etwas zu verbergen. Kann der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen?


Bestseller-Autor Simon Beckett legt erneut einen Thriller der Meisterklasse in vielen Shades of Grey, wir meinen damit Schlammgrau, vor.

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Ein perfekter Tag in London

Eigentlich sollte man ja gerade jetzt nach London – Sie wissen schon: Brexit, Kurs des Pfunds, Prinz Harry’s neue Freundin … Wie könnte ein perfekter Tag in London aber aussehen? Ulrike Draeser bringt es in der Lieblingsorte-Serie des Insel-Verlages mit „London“ (November 2016, Insel) auf den Punkt.

Man beginnt den Tag mit einem Morgenspaziergang an der Themse. Anschließend geht man vielleicht in Soane’s Museum, wo Sir John, Architekt und Exzentriker, seine in aller Welt gesammelten Kunstschätze präsentiert. Von dort schlendert man durch das eher stille London der Juristen und taucht in Charles Dickens’ Wohnhaus in 48, Doughty Street in das viktorianische Leben ein. Von hier kann man ein typisches Londoner Village entdecken, East Bloomsbury. Der Hunger wird zum Beispiel im Pub The Lamb gestillt. In der National Portrait Gallery studiert man Gesichter und fährt in den obersten Stock um in der Bar Londons Skyline zu bewundern. Wird es dunkel, springen zahllose Lichter an, Covent Garden, ein überbauter Markt mit Geschäften und Restaurants, spielt Oper mitten in der Stadt.

Man entdeckt im Büchlein versteckte Plätze und Parks, die schönsten Märkte zum Einkaufen und genießt die besten Cafés, Restaurants und Bars der Stadt!
Jedem Lieblingsort der Autorin sind zwei Seiten gewidmet, mit Farbfoto, Extratipps, Wegbeschreibung und Öffnungszeiten. Durch die praktische Anordnung nach Stadtteilen kann man die jeweilige Umgebung gleich mit erkunden. „Treiben lassen“ ist das Motto
Ulrike Draesner’s für London.  

Ein LeseReiseGeschenkBuch zum Neuentdecken der Stadt der Queen!

(LT Dezember 2016)

Die Gefahr der Genmanipulation

 

Der Autor Marc Elsberg schafft es, seine Finger in klaffende Wunden zu legen, damit sie wirklich schön weh tun! Das war in seinem Bestseller „Blackout – Morgen ist es zu spät“ (wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte es ganz schnell tun!) so und das ist auch in „Helix – Sie werden uns ersetzen“ (Oktober 2016, blanvalet) nicht anders. Natürlich könnte man sich damit trösten, dass ja beide Bücher nur Romane sind … Aber, was ist Fiktion und was passiert schon??? Alles erscheint nur weit hergeholt!

 

In „Helix“ geht es um unser Erbgut und um die Manipulation desselben sowie deren Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft. Das „Gott spielen“ und die Herumbastelei an unserem Leben kann schon Angst machen, aber halt nicht jedem. Sonst würde es ja keiner tun. Natürlich kann Gentechnologie auch gut sein, aber was, wenn alle Spielereien in einer Katastrophe enden? Was ist Fluch, was Segen?

 

Elsberg erzählt auf spannende und emotionale Weise einen Gesellschaftsthriller, der sicher kontrovers diskutiert wird. Zum Inhalt: bei einer Münchner Sicherheitskonferenz stirbt der US-Außenminister durch einen personifizierten Virus. In der Dürre Tansanias gedeihen plötzlich Maispflanzen, die es dort gar nicht geben kann. In Kalifornien bietet ein Arzt einem Paar an, sich ein Kind mit genetischen Super-Anlagen kreieren zu lassen, quasi ein Wunschkind wie aus einem Katalog zu wählen.

 

Der fesselnde Showdown ist ein ziemlicher Nagelbeißer!

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Crime Scene

Wenn Ihre Bücherliste von Monat zu Monat immer länger wird, aber die Freizeit kürzer und die Lebenszeit weniger, dann heißt es, sich von der Angewohnheit zu verabschieden, jedes angefangene Buch fertig zu lesen, auch wenn es langweilig ist.

Man muss lernen, als Lesesüchtiger nicht alles „aufzulesen“!

Das wird Ihnen bei den folgenden Büchern leider nicht gelingen, denn die Krimis haben eines gemeinsam: sie sind spannend und einmal mehr stellt sich einem die – natürlich fiktive - Frage, ob die Autoren ob ihrer ziemlich grausamen Fantasien vielleicht etwaige verbotene Substanzen beim Schreiben eingeworfen haben!

Viel Lesevergnügen wünscht Ihnen

Ihre Lilly Tampier

 

PS: Winterzeit ist Lesezeit, denn die kalten Tage verführen zu kuscheligen SofaLeseStunden. Nützen Sie sie!

„The Dry“ von Jane Harper (Oktober 2016, Rowohlt Polaris) ist ein beklemmendes Thriller-Debut. Wirklich beeindruckend, atmosphärisch dicht, gute Protagonisten und ein toller Plot, der rasiermesserscharf erzählt wird. Unwiderstehlich. Ein Buch, das auf jede Weihnachtswunschliste muss bzw. ein Geschenk an sich oder seine Lieben sein kann.
Man spürt die glühende Hitze Australiens förmlich und fühlt die Dürre, die auf dem ländlichen Städtchen Kiewarra in the middle of the pampa lastet. Die Menschen haben Angst um ihre Existenz. Kein Regen bedeutet kein Futter für die Tiere. Das Vieh stirbt. Als die Familie Harding – Vater Luke, Mutter Karen, Sohn Billy – tot aufgefunden werden, glaubt man, Luke hätte aufgrund der schlimmen Lage durchgedreht und erweiterten Suizid begangen. Sergeant Raco, neu in der Stadt, hat aber Zweifel.
Aaron Falk, ein Freund von Luke, kehrt nach zwanzig Jahren in Melbourne zur Beerdigung nach Kiewarra zurück. Auf die Bewohner wirkt der blasse Typ wie ein Eindringling, obwohl er aus Kiewarra stammt. Lukes Vater bittet Aaron, gemeinsam mit Raco die Hintergründe der Todesfälle aufzuklären, die in Zusammenhang mit einem Ereignis vor zwanzig Jahren stehen.

Andreas Gruber lässt in „Todesmärchen“ (August 2016, Goldmann) einen besonders perfiden Serienkiller auftreten. In Bern wird eine kunstvoll drapierte Frauenleiche mit geheimnisvollen Zeichen gefunden. Der Killer ist ein brutaler Märchenerzähler auf Abwegen, der sich an den Hans Christian Andersen-Märchen orientiert, sichtlich aber von Rache getrieben wird. Maarten S.Sneijder, hochintelligenter Profiler und Kripopsychologe der BKA Wiesbaden, aber durchaus ein kiffender, exzentrischer Rüpel, macht bei den Ermittlungen, zu denen er von Profiler Rudolf Horowitz angefordert wird, einen Blick in die Vergangenheit, denn es scheint eine Verbindung zu diesem Fall zu geben. Mit ihm ermittelt die BKA-Kommissarin Sabine Nemez, die Sneijder, dessen Schülerin sie war, ja eher für einen Kotzbrocken und Klugscheißer hält, aber sie bilden ein unschlagbares Team. Gruber schreibt seinen rasanten, fesselnden Krimi mit überraschenden Wendungen aus mehreren Perspektiven. Einerseits berichtet Sabine Nemez – ihr Spitzname ist Eichkätzchen - von den Ermittlungen, andrerseits kommt die junge Psychologin Hannah zu Wort, die in einem Gefängnis für geistig abnorme Rechtsbrecher ein Praktikum absolviert und auf den brutalen Serienkiller Piet van Loon, der einst von Sneijder hinter Gitter gebracht wurde, trifft, was sie aber genau geplant hatte. Und dann kommt noch Maarten S. Sneijder selbst zu Wort. Eine Inszenierung eines Puzzles vom feinsten!

„Anders“ von Anita Terpstra (August 2016, blanvalet) ist ein Thriller der leisen Töne mit einer unterschwellig bedrohlichen, düsteren, sehr rätselhaften Atmosphäre ohne großes Blutvergießen. Der Plot gibt einen Einblick in das Leben der Familie Meester. Alma, sie ist keine Sympathieträgerin, ihr Mann Linc und die beiden Kids Iris und Sander – von der Mutter extrem geliebt und bevorzugt - scheinen eine glückliche Gemeinschaft zu sein – bis der ein wenig suspekte Sander spurlos verschwindet. Die Suche nach ihrem Sohn ist danach für Alma der einzige Lebensinhalt. Linc und Iris, die eigentlich immer Angst vor dem brutalen Bruder hatte, geraten mehr und mehr in den Hintergrund. Nach Sanders Rückkehr nach sechs Jahren - er sei, so sagt er, von einem Mann namens Eelco entführt und missbraucht worden - kommt so manches dunkle Geheimnis ans Licht und zeigt, dass alles anders war und vor allem ist, als gedacht. Aber ist Sander wirklich Sander? Linc glaubt es nicht, schweigt aber. Iris will es herausfinden. Kann Alma die von ihr so herbeigewünschte Bilderbuchfassade ihrer Familie wieder herstellen? Die mysteriöse, wirklich andere Story erzeugt Gänsehaut!

 

Melanie Raabe lässt in ihrem Thriller „Die Wahrheit“ (August 2016, btb) die Leser völlig im Unklaren, was sich hier eigentlich abspielt. Die Autorin schreibt in spannenden Rätseln und mit gewissen Irreführungen, man kann nur einfach weiterlesen um Klarheit zu bekommen. Kurze Kapitel und zwei Handlungsstränge machen das Buch rund um ein schlimmes Geheimnis zu einem Wahrheitsfinder, denn darum geht es ja.

Sarahs Mann Philipp Petersen verschwand vor sieben Jahren auf einer Reise nach Südamerika. Lange hatte sie gebraucht um über das Verschwinden und das Vermissen hinweg zu kommen und hat sich nur auf den gemeinsamen Sohn Leo konzentriert. Jetzt blickt sie wieder mit ein wenig Mut und Zuversicht in die Zukunft. Da kommt Philipp unter großem Mediengetöse plötzlich zurück. Angeblich, denn Sarah ist der Heimkehrer fremd, sie hat diesen Mann noch nie gesehen. Was führt der Fremde im Schilde, was will er von ihr, was weiß er über sie, warum erpresst er sie, den Mund zu halten? Es ist etwas, das sie davon abhält, sich direkt an die Polizei zu wenden. Hat sie Schuld auf sich geladen? Als Leser fiebert man der Auflösung des psychischen Spielchens der Autorin entgegen, kann sich nicht entscheiden, ob man auf der Seite von Sarah ist oder auf jener des Fremden. Das Ende liegt auf der Hand, man will es nur nicht glauben.

 

(LT November 2016)

 

 

Foto Pin-up-Girl by Art Frahm

 

 

Venedig für Schöngeister

 

Es gibt wirklich zahlreiche Bücher über die Lagunenstadt, aber Venedig-Aficionados können davon nie genug bekommen! Hanns-Josef Ortheil verführt mit „Venedig. Eine Verführung“ mit Fotografien von Lotta Ortheil (August 2012, Insel Taschenbuch) sowohl Kenner der Serenissima als auch Neulinge.

 

„Venedig will ja, daß man in ihm verschwindet, nicht mehr auftaucht, alles andere vergisst und jedes Zeitempfinden verliert.“ Seit vierzig Jahren lässt sich Ortheil immer wieder von dieser Stadt verführen. Er erzählt von lärmenden Fischmärkten oder friedlichen Frühmessen, von der ombra, einem Hauch kühlen Weins, genossen zu den Venusmuscheln am Mittag, und von schwerer, dunkler cioccolata, die den Nachmittag versüßt, von abendlichen Fahrradfahrten zwischen Meer und Kanal und von der Schönheit der venezianischen Nacht, die sogar dunkel noch leuchtet.

 

Der Autor erzählt von der sinnlichen, poetischen Seite dieses beliebten, unwirklichen, verwunschenen Reiseziels. Sofort möchte man hin und durch die Calle, über die Campi und entlang der Canali gehen. Oder die delikaten venezianischen Rezepte nachkochen bzw. in den Bars und Trattorien essen.

Es entstehen venezianische Bilder und Gerüche, wenn man mit Ortheil durch diese herrliche Stadt flaniert.

 

Eine Verführung, eine Verlockung!

 

(LT November 2016) 

 

 

Wie sag‘ ich es meinen Kindern?

 

Wenn schon wir Erwachsene nicht wirklich wissen, wie wir mit dem radikalen Islamismus und dem Terror umgehen sollen, wie sollen erst Kinder das aktuelle Geschehen verstehen? Aber was können wir ihnen eigentlich sagen? Antworten finden sich vielleicht in den Büchern von Tahar Ben Jelloun.

 

„Papa, was ist der Islam? Gespräch mit meinen Kindern“ (Februar 2013, Berlin Verlag Taschenbuch) ist so klar formuliert, dass es auch schon Kinder verstehen können – besonders wenn man gemeinsam mit ihnen das Buch liest. Ein muslimischer Vater erklärt darin seinen Kindern nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York seine Religion. Das ist ein Buch für alle, die mehr über den Islam, seine Lehren und die radikalen Auslegungen wissen wollen.

 

„Papa, was ist ein Terrorist?“ (Oktober 2016, Berlin Verlag) beschäftigt sich mit einer der größten Bedrohungen unserer Zeit, dem Terror. Der Islam und seine Anhänger geraten dabei immer mehr zur Zielscheibe von Anfeindungen in christlich geprägten Ländern. Der Autor erklärt in einem fiktiven Gespräch zwischen Vater und Tochter mit verständlichen Worten die Rolle der Religion, analysiert die Bedeutung der Internet-Propaganda im Internet und beschreibt die Motive der Täter. Anschläge kosten nicht nur Menschenleben, sondern hüllen die Menschen immer mehr in Angst. Angst vor dem Terror muss man haben, aber man darf sich nicht die freie, offene Lebensweise und Kultur in einer Demokratie nehmen lassen. 

 

Sinnvoller Denkanstoß in brisanten Zeiten des Hasses und der Gewalt.

(LT Oktober 2016)

 

Verwirrspiel

 

Als der Unternehmensberater Christian König, ein Workaholic, der Pillen einwirft um sich ganz seinem Job widmen zu können, mit einem Email den Link zu einem Video bekommt und ihn anklickt, ist er entsetzt über das, was er sieht: einen bis zur Unkenntlichkeit entstellte Wasserleiche. Doch als er die Polizei einschaltet, hat er das Gefühl, dass man ihm nicht glaubt. Er erhält weitere grauenhafte Videos. Seltsame Ereignisse beginnen sich in seinem Leben zu häufen. Dann steht die Polizei plötzlich vor seiner Tür. Man hat herausgefunden, dass die Emails von seinem Account verschickt wurden. Und: Die Toten sind keine Fremden - Christian kannte sie alle. Wie kann er den Beamten klar machen, dass er mit den Morden nichts zu tun hat?

 

Veit Etzold, der Autor von „Skin“ (Juli 2016, Bastei-Lübbe) beginnt sein Buch leider nicht ganz so spannend, wie der Plot eigentlich klingt. Fast über 100 Seiten liest man von Banken, Fonds, Finanzen, Unternehmensberatern usw. Die Person seines Protagonisten Christian zeichnet er auch leicht nervig. Die Lektüre zieht sich ein wenig, wenn man nicht gerade aus der Banken- und Versicherungsbranche kommt, und es dauert, bis der Funke überspringt. Sobald der Leser in die Story abgetaucht ist, kommt aber diese gewisse Etzoldsche Spannung auf …

 

 

(LT Oktober 2016)

 

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Sebastian Rudd ist kein typischer Anwalt, sondern ein ziemlich schillernder Vertreter seiner Zunft, ein Street Lawyer. Eigenwillig ist sein zweiter Vorname! Seine Kanzlei ist ein Lieferwagen, eingerichtet mit Bar, Kühlschrank und Waffenschrank. Er arbeitet allein, sein einziger Vertrauter ist sein Fahrer namens Partner, der zudem als Leibwächter fungiert. Rudd verteidigt jene Menschen, die andere als den Bodensatz der Gesellschaft bezeichnen und die seine Anwaltskollegen nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen würden. Warum? Weil er Ungerechtigkeit verabscheut und überzeugt ist, dass jeder Mensch einen fairen Prozess verdient. John Grisham, der Meister des Justizthrillers, zeigt sich bei „Der Gerechte“ (März 2016, Heyne) in Höchstform.


Ein junger, debiler Mann ist des Doppelmordes an zwei Kindern angeklagt, wird noch vor Prozessende bereits als Todeskandidat gehandelt wird und alle Beweise für seine Unschuld werden von der Anklage ignoriert und unter den Tisch gekehrt werden. Die Öffentlichkeit wünscht ein Todesurteil, Richter und Staatsanwalt sind nur an ihrer Wiederwahl interessiert, an eine objektive Gerichtsverhandlung ist nicht zu denken, denn Beweismaterial wird nicht beachtet oder verschwindet einfach. Dass der  Angeklagte die Tat gar nicht begangen haben kann, ist egal, die Stadt will ihren Mörder und die Justiz ihren Erfolg.
Grisham zeigt auf, wie das Recht gebeugt wird und objektive Prozesse verhindert werden. Hier bedarf es eines Anwalts, der mit allen Wassern gewaschen ist und die Winkelzüge seiner Gegner bereits im Vorfeld erahnt – wie Sebastian Rudd!

Ein echter Grisham: spannend, zynisch, flüssig!

 

(LT Oktober 2016)

 

Saukomisch

 

Alle Leser, die sie noch nicht kennen, sollten sich bitte ganz schnell auf die Bücher der Wiener Autorin Veronika Anna Grager, die nun in Niederösterreich lebt, stürzen! Sie schreibt wirklich superlustige, temporeiche Lokal-Krimis in Mundart. Für Nichtkenner der österreichischen Umgangssprache gibt es ein Glossar. Gragers schwarzer Humor ohne Effekthascherei und typisch österreichischer Sprachwitz sind sehr charmant und unkonventionell und ersparen so manchen Anfall von Herbstdepression bei Regenwetter. Sie zieht die Leser gnadenlos in die Handlung mit. Ihre Figuren sind liebevoll und lebensnah, tollpatschig, aber immer authentisch.

 

„Saupech“ (März 2013, emons: Verlag) spielt im fiktiven niederösterreichischen Ort Buchau im Triestingtal. Eines Tages findet die Gemeindesekretärin Dorli Wiltzing die Leiche vom Hias, den sie von Kindesbeinen an kennt. Zur gleichen Zeit wird die Rentnerin Leni Dürauer von ihrer Nichte Agnes Schneider als vermisst gemeldet. Ihre Nichte Agnes engagiert den Wiener Privatdetektiv Lupo Schatz, da die Polizei ihrer Meinung nach mit den Ermittlungen nicht so recht voran kommt, wobei Lupo sich auch nicht gerade durch Brillanz auszeichnet. Als  auch noch ein in Harz eingegossener Schädel in einem Fass gefunden wird, sind Buchau und seine Bewohner in heller Aufregung. Die Polizei, allen voran der charismatische Leo Bergler, glauben an einen Serienmörder in der ländlichen Idylle.
Es finden sich sofort jede Menge Verdächtige im Ort. Doch keinem würde Dorli einen Mord zutrauen. Und schon gar nicht mehrere Morde. Dann verschwindet plötzlich auch der Bruder von Agnes, Lupo und Dorli kommen sich näher und bald schwebt Dorli selbst in großer Gefahr.

„Sautanz“ (Februar 2014, emons: Verlag) ist dann der zweite Fall von Dorli und Lupo, diesem durchaus sehr originellem Team! Die Handlung spielt diesmal nicht nur in Niederösterreich, sondern auch im Burgenland. Ein Toter im Neusiedler See führt zu einer aberwitzigen Verbrecherjagd, bei der Dorli wieder einmal in höchste Gefahr gerät.
Dorli wird von ihrem Freund Peter, seiner Frau Hilde und ein paar Freunden auf einen Segelturn von Rust nach Podersdorf eingeladen. Nur widerwillig kommt der träge Lupo, dem furchtbar schlecht wird am Boot, mit. Alle anderen aber genießen die Ausfahrt bis sie gegen Mitternacht eine Leiche im Wasser finden. Lange tappen sowohl Polizei als auch die quirlige Dorli und Lupo im Dunkeln bei den Ermittlungen. Der Fall ist knifflig, fast noch amüsanter als „Saupech“, mit vielen falschen Fährten und Wendungen.

Saugut!

 

 

(LT Oktober 2016)

 

My favourite Books II

Wie versprochen habe ich wieder in meiner Lieblingsbücher-Mottenkiste gewühlt und stelle Ihnen weitere meiner All-Time-Favourites vor – in der Hoffnung, dass sie auch Ihnen unvergessliche und vergnügliche Lese-Abenteuer bescheren!

Herzlichst, Ihre Lilly Tampier

 

Carlos Ruiz Zafón‘s Welterfolg Der Schatten des Windes können auch Sie garantiert nicht aus der Hand legen, bevor Sie am Ende angekommen sind. Es ist eine Geschichte, der man nicht entrinnen kann, ein leidenschaftlicher, absolut fesselnder, origineller, morbider und berührender Roman für jeden Buch-Liebhaber.

An einem dunstigen Sommermorgen des Jahres 1945 wird der junge Daniel Sempere von seinem Vater an einen geheimnisvollen Ort in Barcelona geführt – den Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt Daniel den Roman eines verschollenen Autors für sich, er heißt „Der Schatten des Windes“ - er wird sein Leben für immer verändern. Von nun an lässt ihn die Geschichte und das Schicksal dieses Werks nicht mehr los, zumal noch andere, rätselhafte Gestalten sich für diese Ausgabe interessieren. Daniel taucht ein in eine düstere Atmosphäre, in die Geheimnisse und das Gemurmel des nächtlichen Barcelonas und erlebt jede Menge Abenteuer, bei denen man ihm atemlos folgt.

Marion Zimmer Bradley hat als Autorin von Die Nebel von Avalon Weltruhm erlangt - völlig zu Recht. Das berühmte Fantasy-Werk ist eine großartige Nachdichtung der Artussage und eignet sich zum Hineinkippen an langen, grauen Wintertagen.

Morgaine, die Hohepriesterin des Nebelreichs Avalon und die Schwester von Artus, erzählt die wahre Geschichte ihres königlichen Bruders und der Ritter der Tafelrunde zum ersten Mal aus der Sicht einer Frau. Sie zeigt die Heldengestalten Artus und Lancelot in einem neuen Licht und erinnert daran, dass einst Frauen die Macht, Magie und Spiritualität in Händen hielten. Sie lenkten im Verborgenen die Geschicke ihrer Zeit, setzten den König der Legenden auf den Thron und gaben ihm das Heilige Schwert Excalibur. Der Leser wird unweigerlich in den Bann der Legende um Artus und seine Ritter gezogen. Bradley schafft es, dass man glaubt, dass Avalon wirklich ist oder zumindest war. Sie erweckt den einmaligen Zauber dieser versunkenen Zeit zu neuem Leben. 

Ein Tropfen Zeit ist ein faszinierender Lesestoff von Daphne du Maurier, der Grande Dame der englischen Erzählkunst, der die Leser ganz schön in Atem hält. Als die Autorin diesen Roman Ende der 1960iger Jahre geschrieben hat, spielte sie gekonnt auf die damalige In-Droge LSD an.

Der Leser folgt in der meisterhaft konzipierten Story dem Ich-Erzähler Richard Young, einem Schriftsteller, auf seinen Reisen in eine längst vergangene Zeit und lernt mit ihm längst verstorbene Menschen kennen. Alles nur Halluzination oder tatsächlich Realität? Sein Freund und Vertrauter, Magnus Lane, Professor der Biophysik in London, hat nämlich ein ausgefallenes Hobby: er experimentiert heimlich mit einer Zeitdroge. Richard stellt sich für seine Versuche zur Verfügung, wird für Stunden in eine andere Welt versetzt und Augenzeuge von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurückliegen. Immer stärker verfallen die beiden Männer der gefährlichen Sehnsucht nach der anderen Welt. Als sie sich wieder einmal für einen weiteren gemeinsamen „Ausflug“ in die Vergangenheit verabreden, wartet Young vergeblich. Lane wird tot aufgefunden. Als Leser wird man süchtig nach diesem fast halluzinogenen Rausch, die packende Vergangenheit zu ergründen und fiebert mit dem Protagonisten mit.                                                               Daphne du Maurier nahm damals schon die Sogwirkung der heutigen virtuellen Welt des Internets vorweg. Ein geniales, superspannendes Buch, dass dazu verführt, viel zu schnell zu lesen um endlich des Rätsels Lösung zu erfahren!

Suzanne Rindell erster Roman Die Frau an der Schreibmaschine ist eine extrem spannende Geschichte über Singlefrauen in den Roaring Twenties in New York City – unterspickt von dem einen oder anderen Mord. Restlos überzeugend sind ihre überraschenden Wendungen und das nicht minder überraschende Ende des Buches.

 

Rose Baker arbeitet als Stenotypistin im New York City Police Department. Geständnisse zählen zu ihrem Alltag. Es ist das Jahr 1923. Und wenngleich Rose grausame Details über Messerstechereien und Morde protokolliert – sobald sie den Verhörraum verlässt, zählt sie wieder zum schwachen Geschlecht. Rose ist eine prüde Frau, deren Lebensinhalt die Arbeit ist und der charmante Seargent im Police Department, den sie heimlich anhimmelt. Eines Tages ändert sich aber schlagartig ihr Leben. Sie bekommt eine neue Kollegin, die glamouröse Odalie, die ihr zeigt, dass die modernen Frauen auf New Yorks Straßen ein ganz anderes Leben, als sie es kennt, führen, ausgehen, Alkohol trinken und sich modisch und verführerisch stylen. Die geheimnisvolle Odalie entführt Rose in die Nachtclubs der Stadt. Rose ist schockiert und ebenso fasziniert. Aus Faszination wird Obsession. Und dann gibt es einen mysteriösen Todesfall und für Rose die Erkenntnis, dass sie mit ein paar Anschlägen auf ihrer Schreibmaschine jemanden lebenslang ins Gefängnis befördern kann.

 

 

(LT Oktober 2016)

 

Bentow goes Mystery

 

Mit seinem rasanten Thriller „Der Federmann“ hat sich der deutsche Autor Max Bentow mitten in die Krimi-Herzen der Leser geschrieben! Mit Spannung haben alle die weiteren Romane rund um den Berliner Kommissar Nils Trojan erwartet und mal mehr, mal weniger gutiert. Jetzt kam der sechste Band aus Bentows Psychothriller-Reihe auf den Markt: „Der Traummacher“ (August 2016, Goldmann). Das ist aber mehr ein Höllentrip als ein Höhenflug des Autors und eigentlich nur etwas für seine Hardcore-Fans, gerät der Roman doch etwas langweilig und zäh, wirr und esoterisch, zu fantastisch und zombiemäßig. Selbst die Figur des Trojan ist diesmal auch nicht der große Sympathieträger.

 

Worum geht es? Die guten Freundinnen Simona und Alina betreiben eine Werbeagentur in Berlin – bis Simona eines Nachts auf tragische Weise ihrem Herzleiden erliegt. Ihre Mutter ist fortan eine gebrochene Frau, immer wieder glaubt sie, Simonas Stimme zu hören und wird von höllischen Fantasien verfolgt. Schließlich findet man sie im Keller ihres Hauses auf bestialische Weise ermordet, ihr Körper ist mit Biss-Spuren übersät. Menschlichen Biss-Spuren. Kurze Zeit danach wird auch Alina in einer verlassenen Turnhalle am Rande Berlins tot aufgefunden, ihr Hals ist von denselben grausamen Biss-Malen gezeichnet. Nils Trojan, selbst nicht in Hochform, da sich seine Freundin Jana scheinbar von ihm getrennt hat, ermittelt fieberhaft, tappt aber im Dunkeln, weil nicht sein kann, was sichtbar doch ist! Irgendwie dreht sich alles im Kreis. Wenn sich der Leser mitdreht, dann überrascht ihn doch das Ende der Geschichte!

 

 

(LT Oktober 2016)

 

Essen ist lebensgefährlich

 

Eva Rossmann schreibt mit „Gut, aber tot – Ein Mira-Valensky-Krimi“ (Aug. 2016, Folio Verlag) eine neue aufregende Geschichte aus der Valensky-Reihe, die ganz nah am Puls der Zeit ist – immerhin der 18. Band. Es geht dabei um radikale Fleischverweigerer, um die Geschäftemacherei mit dem veganen Lebensstil und die Verlogenheit rund um Essen an sich heutzutage.

 

Das Buch hält uns einen Spiegel vor, wie grausam der Umgang mit Tieren oft ist. Es tun sich viele menschliche Abgründe auf und die Nicht-Fleischesser gehen mitunter radikal zur Sache. Rossmann stellt die Frage, ob der gute Zweck auch die Mittel heiligt. 

Ihre Wiener Journalistin Mira Valenksy geht der Sache jedenfalls akribisch auf den Grund und zeigt, dass vegan zu leben auch gefährlich werden kann. Die Valensky ist keine klassische Heldin. Sie liebt das bequeme Leben, kocht und isst gern, mag ihre Schildpattkatze Gismo und natürlich auch Oskar. Aber die gelernte Juristin ist neugierig. Gerade dann, wenn alle wegschauen, schaut sie hin um der Wahrheit näher zu kommen. Unterstützt wird sie von Vesna Krajner, ihrer bosnischstämmigen Putzfrau und Freundin, die ein Reinigungsunternehmen gegründet hat.

 

Valensky und Krainer erfahren Mörderisches über den Umgang mit Menschen und Tieren auf unkontrollierten Tiertransporten. Im Zentrum steht die Organisation MitTier, die Gnadenhöfe betreibt und offiziell für vegane Ernährung eintritt. Natürlich gibt es Todesfälle, keine natürlichen! Hasspostings, eine polarisierte Gesellschaft, Lug und Betrug.

 

Rossmann geht es um den schönen Schein der ach so gutherzigen Fleischverweigerungslobby, um Veganer und ihre Widersacher – ihr durchaus kritischer Krimi ist aber keine Abstrafung der Fleischesser.

 

Brisant-amüsant!

 

 

(LT Sep. 2016)

Der Tote im Hinterhof

 

Ausgerechnet am Christopher Street Day-Wochenende wird ein Toter im Hinterhof des Kölner Szeneclubs Trans*Later aufgefunden. Als Todesursache wird ein tödlicher Schlag auf den Kehlkopf festgestellt. Aber wer ist der Tote eigentlich – oder besser die Tote?

Bennet Bialojahn lässt in seinem Krimi „Trans*Later“ (Sep. 2016, Querverlag) Kriminalhauptkommissarin Frieda Leippold mit ihrer Kollegin Lara Fricke ermitteln. Die beiden entdecken rasch, dass es sich bei der vermeintlich männlichen Leiche um eine biologische Frau handelt. 


Der TransMann, Sunny, mit einem modernen Kurzhaarschnitt und einem gepflegten Dreitagebart ist Susanne Lippens aus Köln, eine unauffällige Geschäftsfrau mit langen blonden Haaren.

In der Transgenderszene Kölns finden die Ermittlerinnen zahlreiche Verdächtige, war doch Sunny ein recht umtriebiger Liebhaber. Seine Liebschaften haben unterschiedliche Motive und so mancher wusste nichts von seiner wahren sexuellen Identität. Für die Lösung des Falles rund um den toten Transgender ist das alles nicht gerade unkompliziert!

 

Die Geschichte Sunnys/Susannes ist spannend und ziemlich temporeich von Bialojahn, der sich selbst auf den Transweg gemacht hat, erzählt.

 

 

(LT Sep. 2016)

 

New York City ist eine City on Fire

Garth Risk Hallberg macht in seinem Roman „City on Fire“ (März 2016, S.Fischer) einen Kniefall vor dem New York der 1970iger Jahre. Hallberg lebt mit seiner Familie in Brooklyn und zählt zu den „Best New American Voices“.

In seinem überbordenden, monumentalen Buch  - es hat 1080 Seiten – erweckt er das Manhattan dieser Zeit zum Leben. Der Autor verlangt seinen Lesern einiges an Durchhaltevermögen ab, nicht nur wegen des Umfangs des Romans.

In der Silvesternacht des Jahres 1976 wird im New Yorker Central Park eine junge Frau, Samantha, durch Schüsse schwer verletzt. Die Ereignisse der Nacht bringen eine Gruppe außergewöhnlicher Figuren zusammen: Die schwerreichen Erben William und Regan Hamilton-Sweeney, Mercer, der am großen amerikanischen Roman schreibt, die Punk-Kids Sam und Charlie aus der Vorstadt, den besessenen Magazin-Reporter Richard und den Cop Larry. Sie alle leben und lieben in NY, einer gefährlichen Metropole, die vor Energie platzt.

 

Hallberg zeigt den Verfall einer verrottenden und doch pulsierenden Stadt, die Kriminalität, die sozialen Gegensätze, das Drogenmilieu und die Wirtschaftsmanipulationen, aber geht auch in die Kunst- und Musikszene, in die Welt der Reichen und Schönen - in einem Roman mit einer dichten, anziehenden Atmosphäre, die aber zugleich auch abstoßend und negativ ist.

 

„City on Fire“ ist keine leichte „Lese-Kost“, durchaus ein wilder Ritt, aber es zahlt sich aus!

 

 

(LT Sep. 2016)

Die Frau und ihr Verbrecher-Mann

 

Fiona Barton widmet sich in ihrem Debüt-Roman „Die Witwe“ (Mai 2016, Wunderlich) jener Gruppe von Frauen, die hinter ihren angeklagten Verbrecher-Männern stehen, die ihnen Alibis geben und sie vor der Presse und den Nachbarn mit aller Macht und eisiger Miene verteidigen.

Jean „Jeanie“ Taylor ist so eine Frau, sie führt ein ganz normales Leben in einer englischen Kleinstadt, hat ein hübsches Haus und einen netten Ehemann, um den sie alle beneiden, ist sie doch so eine typische graue Maus. Glen und sie führen vorgeblich eine gute Ehe, auch wenn er ein Mister Controletti ist und sie keine Kinder bekommen können, was Jean extrem belastet und Glen am Computer so manchen Unsinn treibt, wovor sie die Augen schließt.

 

Dann kommt der Tag, der alles ändert: Glen soll etwas Unsagbares getan haben, er wird beschuldigt, die kleine Bella Elliott entführt zu haben und exzessiver Konsument von extremen Kinderpornos zu sein. Jeans heile Welt zerbricht. Glen streitet bei Gericht und ihr gegenüber alles ab und zwingt seine Frau, an ihn und seine Unschuld zu glauben und zu ihm zu stehen.
Nach einem Unfall stirbt Glen und Jean ist nun Witwe. Sie ist frei, das Spiel der Presse, der Journalistin Kate Waters speziell, die sie in ihrem Haus belagert, endlich nach eigenen Regeln zu spielen. Aber wird sie sagen, was sie weiß? Und was weiß sie eigentlich?

Die Handlung wird aus diversen Perspektiven und in unterschiedlichen Zeitebenen von 2006 bis 2010 geschildert und das nicht in chronologischer Reihenfolge. Die Ermittlungen zum Fall erfährt man aus der Sicht des Opfers in Form von Bellas Mutter, Dawn Elliott, die ihr kleines Mädchen kurz unbeaufsichtigt im Garten spielen ließ, aus der Sicht des Ermittlers, Kommissar Bob Sparkes, sowie der Presse und ebenfalls aus der Wahrnehmung des wahrscheinlichen Täters und dessen Ehefrau. Als Leser ist man gut informiert, erlebt die ziemlich erschreckende Ehe der Jean Taylor, die Vorgangsweise der Journalisten und der Ermittler mit und ist neugierig, was wirklich mit Bella passiert ist. Man rätselt und fiebert dem Ende entgegen.

Die Spannung ist großartig von der Autorin aufgebaut. Eine wirklich gute Story!

 

 

(LT Sep. 2016)

Meisterin der Erzählkunst

 

Im Erzählband „Im Narrenturm“ von Christl Greller (Februar 2016, Edition Rösner) kann man Schönes, Interessantes oder auch Skurriles lesen – auf jeden Fall Meisterliches, denn die Autorin versteht ihr Handwerk.

 

Jede Erzählung ist wie eine neue Welt, die zeigt, wie oft wir in unseren gesellschaftlichen Zwängen eingekerkert sind oder uns gängeln lassen. In diesen kurzen oder längeren, berührenden oder spannenden Geschichten geht es von harmlosen Narreteien bis zum nackten Wahnsinn menschlichen Verhaltens. Die Wirklichkeit bekommt da schon manchmal einen Sprung!

 

Die zum Teil preisgekrönten Texte sind sehr gesellschaftskritisch, aber gut verpackt in Grellers zauberhafte Sprache – ob man nun gemeinsam mit dem hormonschwangeren Teenager im Prater Abenteuer sucht ("Das Nacktbad Bathsebas") oder staunend den Mann beobachtet, der eine paranoide Angst vor Feuer hat, aber dabei andere Gefahren übersieht ("Ob es zündet, flammt"), man liest erfreut über die verknöcherte Gesellschaft, die selbst bei Tabubruch tut, als wär nix ("Der Bühnenakt") …

 

 

(LT Sep. 2016)

 

Wahr oder falsch?

 

Das grünschwarze Wasser des Maran-Sees leuchtet unheimlich in der untergehenden Sommersonne. Greta, Alex und Tochter Smilla machen mit dem Boot zur kleinen Insel in der Mitte des Sees einen Ausflug. Greta bleibt im Boot, während die anderen beiden neugierig auf Entdeckungstour gehen. Aber sie kommen nicht mehr zurück. Beunruhigt macht sich Greta auf die Suche, doch von Alex und Smilla fehlt jede Spur.

 

Caroline Eriksson schreibt mit ihrem Buch „Die Vermissten“ (August 2016, Penguin Verlag) über Gretas kompliziertes Leben, das mindestens so große Rätsel aufwirft wie das Verschwinden ihrer Lieben. Die Protagonistin erzählt die Geschichte von ihr und dem sexuell leicht abartigen Alex aus ihrer Sichtweise und immer wieder mit Rückblicken. Greta ist eigentlich völlig von der Rolle, geprägt durch ein schweres Kindheitstrauma rund um ihre Eltern, durch ihre Schwangerschaft und ihr mehr als abstruses Seelenleben.


Bald ist man von der wirren-irren Greta sehr genervt, aber kann das Buch nicht wieder aus der Hand legen, da die subtile Spannung, die Eriksson in ihrem Psychothriller gekonnt aufbaut, den Leser zwingt, die Story bis zum Ende zu erleben. Und das ist die einzige und richtige Wahl, denn das Buch nimmt eine ungeahnte Wendung, die einem bei der Auflösung fast den Atem nimmt.

 

(LT Aug. 2016)

 

Liebe Bücher-Freunde!

Feinen Dank für all Ihre Rückmeldungen zu meinen Bücher-Tipps. Ich freue mich, wenn Sie meinen Empfehlungen folgen, sind doch solche Tipps immer sehr persönlich, ein „objektiv“ gibt es hier nämlich keinesfalls – auch nicht für Journalisten.

Immer wieder fragen mich die Leser nach meinem ultimativen Lieblingsbuch! Ich habe lange nachgedacht und es war mir nicht möglich, mich auf ein einziges Werk zu reduzieren, zu lange dauert schon meine „Lesekarriere“ an. Aber ich habe mir überlegt, welche Bücher mich auf einer einsamen Insel trösten würden und stelle Ihnen gerne eine Auswahl von Büchern vor, die mich besonders beeindruckt haben. Das erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und lässt Platz für weitere Artikel dieser Art!

 

Ihre Lilly Tampier

 

My favourite Books I

16 Jahre jung war die Französin Anne-Sophie Brasme, als sie ihren Debütroman Dich schlafen sehen  schrieb und damit die Bestsellerlisten – und mich - eroberte. Brasme hat eine sprachliche Stärke, vor der man gerne den Hut zieht: Chapeau!                                                                                                                                             Ihre Protagonistin Charlène ist bis zur Pubertät ein scheinbar normales Mädchen. Charlènes Fahrt in den Irrsinn beginnt langsam, die Beklemmung des Lesers ob des einsamen Kindes wächst von Seite zu Seite. Dann wird Sarah ihre beste Freundin. Sie hat Selbstbewusstsein, Charme und Charisma. Neben ihr und durch sie fühlt sich Charlène nicht mehr wie ein Nichts. Bis Sarah ihre Macht über die Freundin auf sadistische Weise auszunützen beginnt. Charlène tut alles für Sarahs Gunst. Der letzte Ausweg ist Mord.

In Donna Tartt's Meisterwerk Die geheime Geschichte geraten die Protagonisten durch übersteigerte Dekadenz und Suche nach Selbsterfahrung ins Verderben. Schon auf der ersten Seite weiß man, dass man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen wird bis zum bitteren Ende! Brillant.

Richard Papen stammt aus einfachen Verhältnissen. Als er durch ein Stipendium das elitäre College in Vermont besuchen kann, ist er fasziniert von einer Gruppe junger Studenten, alles dekadente Sonderlinge, die neben dem Studium von Homer dem täglichen Alkohol huldigen. Doch bald spürt er unterdrückte, tödliche Spannungen und wird von einem dunklen Geheimnis in einen mörderischen Sog gezogen. Die Kontrolle der Situation gerät komplett aus den Fugen.

 

Der Thriller Ein ganz einfacher Plan von Scott Smith spielt im Winter in Ohio. Zu Silvester treffen sich Hank und sein Bruder Jacob um gemeinsam das Grab der Eltern zu besuchen. Auf dem Weg dorthin finden sie im tief verschneiten Wald ein abgestürztes Flugzeug. Der Pilot ist tot, neben ihm steht eine Tasche mit genau 4.4 Millionen Dollar. Hank schmiedet einen einfachen Plan: Sie werden das Geld erst einmal verstecken und nicht anrühren. Sollte die Polizei danach fahnden, wird er es verbrennen. Sollte es aber niemand vermissen, werden sie in genau einem Jahr damit abhauen und ein neues Leben beginnen.

Dass dieser Plan natürlich nicht aufgeht und in Betrug, Misstrauen und Habgier endet, ist so fantastisch, rasant und unterhaltsam geschrieben, dass man  dieses Buch in einem Rutsch ausliest! Das Geld hat nämlich alle fest im Griff, es zieht Verbrechen um Verbrechen nach sich. Die Handlungen der Protagonisten werden immer irrationaler, alle sind in unheilvolle Probleme verstrickt und ein Leben ohne das Geld scheint nicht mehr denkbar.

 

Schrill und saukomisch ist die turbulente Slapstick-Screwball-Komödie Himmelblau von Joe Keenan. Ich habe mich gar nicht eingekriegt vor lauter Lachen und Freudentränen ob der unglaublich aberwitzigen Geschichte um eine sogenannte Traumhochzeit vergossen. Genial!

Der stockschwule New Yorker Gilbert will sich die Hände mit ordentlicher Arbeit nicht schmutzig machen, hat er doch einen cleveren Plan. Erstens will er der lieben Verwandtschaft Heterosexualität vorgauckeln und zweitens sollen ihm die großzügigen Hochzeitsgeschenke das eigene Leben noch angenehmer gestalten. Der simple Plan vom grandiosen Geschenke-Abräumen und der Traum von der großen Knete gerät natürlich völlig aus dem Ruder und Gilbert, sein Freund Philip und die sogenannte Verlobte Moira drohen unter die Räder zu kommen, mischt sich doch unter die illustre Gästeschar auch die Mafia.

 

Minette Walters schuf mit der hässlichen, fetten Olive Martin in Die Bildhauerin eine furchteinflößende Mörderin, die wegen einer grausamen Tat für 25 Jahre im Zuchthaus sitzt. Sie hat – ohne Anwalt und ohne sich zu verteidigen - zugegeben, ihre Mutter und ihre Schwester Alison „Amber“ mit einem Nudelholz erschlagen und dann zerstückelt zu haben. Unter ihren Mitgefangenen ist Olive wegen ihrer Aggressionen gefürchtet, sie ist immer auf Krawall gebürstet, ihre Beschäftigung mit Knetpuppen, in die sie Nadeln sticht, hat ihr die Bezeichnung „Die Bildhauerin“ eingetragen.

Die Journalistin Rosalind Leigh soll Jahre nach dem Mord ein Buch über Olive schreiben. Sie findet Olive, die die Zusammenarbeit torpediert, zunächst widerwärtig, schnell stößt sie aber auf eine Reihe von Ungereimtheiten bei diesem sensationellen Fall, auf eine verborgene Wahrheit hinter der vermeintlichen Wahrheit. Was hat es mit Ambers Sohn auf sich und der großen Erbschaft, die Olive nicht antreten kann? Rosalinds Recherchen sind ein sehr spannender Ausflug in die Abgründe der menschlichen Psyche. Schauerlich gut!

 

 

(LT Aug. 2016)

 

 

Ein etwas anderer Spaziergang durch Paris

 

Paris, das ist mehr als Notre-Dame, die Seine, der Eiffelturm und Moulin Rouge. Edmund White lädt die Leser in seinem Buch „Der Flaneur – Streifzüge durch das andere Paris“ (Februar 2016, Albino-Verlag) zu einem besonderen Spaziergang durch die französische Hauptstadt ein.

 

Weit weg von den bekannten Attraktionen führt White uns in verträumte Cafés, versteckte Museen und geheimnisvolle Orte wie das Hôtel de Lauzun, in dem der junge Baudelaire ein- und ausging. Der Dandyismus Baudelaires und seine Syphilis bleiben nicht verborgen. Auf den Spuren großer Schriftsteller wie Hemingway, Balzac und Rilke lässt der Autor die Bohème vergangener Zeiten lebendig werden und zeigt aber auch das pariserische Lebensgefühl einer multikulturellen, modernen Metropole. Edmund White, selbst homosexuell, erzählt so manche Anekdote über das schwule Paris.

 

Eine leichtfüßige Annäherung an die Stadt des Lichts, die auch in diesen von dunklen Mächten geprägten Zeiten immer eine Reise wert ist - und ein Buch über den Genuss des Flanierens.

 

 

(LT Aug. 2016)

 

Hunderbare Plätzchen

 

Die meisten Hundebesitzer wünschen sich einen an ihr regionales Lebensumfeld angepassten Ratgeber in Sachen „Hund“ mit Ansprechpartnern, Ausflugstipps und Informationen zu den unterschiedlichsten Hundethemen.

 

Der Stadtführer für Hunde „Fred & Otto - Unterwegs in Wien“ von Hedi Breit und Yvonne Lacina (Mai 2014, Fred & Otto) ist ein Begleiter für alle Hundebesitzer, Menschen mit Hundewunsch und Ausflügler mit Vierbeiner in Wien. Das Buch hat quasi alles recherchiert, was ein Hundeleben in der Großstadt ausmacht. Und der Hunde-Guide „Fred & Otto -  Unterwegs in Niederösterreich“ (Dezember 2015, Fred & Otto) von Hedi Breit „beschnüffelt“ alles, was für Hunde und ihre Menschen speziell in Niederösterreich interessant sein könnte.

 

In zahlreichen Interviews, Reportagen und Erzählungen geht es um Entscheidungshilfen zur Hundeauswahl, die Mensch-Hund-Beziehung, Ernährungsphilosophien, Erziehungsmethoden, Ausflugstipps, Hundezonen und Auslaufplätze, gemeinsame Unternehmungen, Gesundheitsthemen, gesetzliche Vorschriften, Politikermeinungen zum Thema Hund, Soziale Einrichtungen und Vereine, besondere Hunde im Dienste der Menschen, Shoppingtipps, Flirtmöglichkeiten für Hundebesitzer, Hundefotografie und das traurigste Kapitel im Leben eines Hundehalters mit Tipps zur Trauerbewältigung und lebendige Erinnerungen an verstorbene Hunde. Dazu gibt es die wichtigsten Adressen, Rabattcoupons und Hundelandkarte in Postergröße.

 

Die Bücher sind nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch hilfreich, wenn man einen Wuffi hat! WauWau.

 

 

(LT Aug. 2016)

 

Jetzt erinnere dich doch endlich!

Wendy Walker schreibt mit „Dark Memories – Nichts ist je vergessen“ (Juni 2016, Scherz) einen beeindruckenden Psychothriller über Jenny Kramer aus Fairview in Connecticut, die als 16jährige brutal attackiert und schwer traumatisiert wird.

Ihre Eltern Charlotte und Tom wollen ihr die Verarbeitung erleichtern und lassen bei Jenny mithilfe eines Medikaments die Erinnerung an den Vorfall auslöschen. Charlotte spielt auf Normalität, Tom sucht besessen nach dem Täter. Und Jenny hat keine Bilder mehr im Kopf. Das Nicht-Erinnern-Können wird für sie zu einem Albtraum. Denn ihr Körper weiß noch immer, was ihm angetan wurde, kann es aber nicht verknüpfen. Gemeinsam mit dem Psychiater Alan Forrester will sie Licht in das Dunkel jener Nacht bringen. Die Gefahr besteht in der Manipulation der Erinnerung, wem kann Jenny vertrauen?

Du musst dich erinnern, Jenny! Schon des Lesers wegen …

 

(LT Juli 2016)

 

Abartig

Mark Roderick’s Fantasie mag man sich gar nicht vorstellen! Auch als begeisterter Leser abgründiger Krimis ist man bei seinem brutalen Zweiteiler „Post Mortem – Tränen aus Blut“ und „Post Mortem – Zeit der Asche“ (Feb. bzw. Apr. 2016, Fischer Taschenbuch) gefordert, so schockierend sind manche Sequenzen! Aber: die Story ist doch sehr spannend!

Eine Familie verschwindet spurlos. Ein Mann stirbt durch zwei Schüsse. Er war Reporter, einer großen Sache auf der Spur. Kurz vor seinem Tod sendet er noch zwei Nachrichten: eine an seinen Bruder Avram Kuyper, einen skrupellosen Profikiller, und eine an Emilia Ness, eine Interpol-Agentin. Avram soll ihn und seine Familie rächen, Emilia den Fall vor Gericht bringen. Noch wissen Emilia und Avram nichts voneinander, aber sie jagen einen bestialischen Mörder, der kein Gewissen hat und unglaublich aggressiv ist. Beide sehen ein Horror-Video, das ihnen jemand zuspielt. Beide blicken direkt in den Schlund der Hölle.

Der Autor verbindet Gewalt mit Gefühl. Er zeigt in zwei Erzählsträngen die Sicht des Bruders Avram und die Geschichte von Emilia Ness, die sich in ihren Kollegen verliebt und Probleme mit ihrer pubertierenden Tochter hat und anfangs so gar nicht versteht, warum sie in diesem Fall ermittelt.

Nach dem ersten Band „Tränen aus Blut“ verfolgen Kuyper und Ness im zweiten Band „Zeit der Asche“ noch immer die Fährte eines Mannes, der keine Grenzen kennt. Denn es ist noch nicht vorbei – das Morden geht weiter. Das kriminelle Netzwerk des Täters ist größer als gedacht und mächtiger als vermutet.
Wie auch in Band 1 wechseln die Blickwinkel des eigenmächtigen Avram und Emilia. Roderick macht viele Rückblicke, was manchmal ein bisschen schleppend ist und den Spannungsbogen ein wenig vermindert.

Nichts für zartbesaitete Leser!

 

(LT Juli 2016)

 

Wenn das Paradies zur Hölle wird …

 

Dieses Szenario wollen begeisterte Kreuzfahrer sicher nicht erleben, aber vielleicht als Lektüre am Schinakl mitnehmen! Sarah Lotz schreibt mit „Tag Vier“ (April 2016, Goldmann) einen fesselnden Thriller rund um merkwürdige Dinge, die auf einem Kreuzfahrtschiff passieren.

 

Am vierten Tag einer Kreuzfahrt durch den Golf von Mexiko hält das betagte Schiff „Beautiful Dreamer” plötzlich und unerwartet an. Die Maschinen lassen sich nicht wieder starten, es gibt keinen Strom, keinen Funkempfang, und weder Passagiere noch Crew-Mitglieder können Rettung anfordern. Als die Situation sich verschlimmert und das Essen sich dem Ende neigt, beginnt die Besatzung unruhig zu werden. Und dann wird noch die Leiche einer jungen Frau in ihrer Kabine entdeckt, Panik bricht aus. An Bord hält sich ein Mörder auf, aber nicht nur …

 

Manchmal hat man zwar das Gefühl, dass die Autorin zu viel will rund um die originelle Mischung aus Geistererscheinungen, Verschwörungstheorien, Massenpanik, Intrigen und Endzeitstimmung, aber sie löst die mysteriösen Dinge in ihrem flüssigen Stil dann doch irgendwie recht spannend auf.

 

Geisterschiff-Stimmung pur!

 

(LT Juli 2016)

Der Zauber von Venedig

 

Hermann Hesses Schilderungen von Venedig im Buch „Lagunenzauber“ (Mai 2016, Insel Taschenbuch, herausgegeben von Volker Michels) zählen zum Schönsten, womit je dieser Stadt gehuldigt wurde. Wer mit Hesse das Labyrinth ihrer Inseln, Gassen, Kanäle und Brücken durchstreift, wird vieles mit neuem Blick entdecken, auch wenn er schon glaubt, alles zu kennen!

 

Dank Tagebuchaufzeichnungen, kurzen Skizzen und Gedichten vermag Hesse, den Zauber der Lagune auf eine Weise zu vermitteln, dass der Leser ihn unmittelbar erlebt. Seine Schilderungen des Alltags der Bewohner auf den Inseln Venedigs sind sehr lebensnah.

Das Kernstück des Buches sind die Auszüge aus den Reisetagebüchern von 1901 und 1903, ergänzt durch zahlreiche Fotos, von denen ein Großteil aus der Zeit von Hesses Reisen stammt. Alt, aber sehr gut und Venedig verändert sich nicht und doch!

 

Eine ideale Einstimmung für die nächste Venedig-Reise! Oder zum Stillen der Sehnsucht nach der Serenissima …

 

 

(LT Juli 2016)

Duo infernale

 

Die durchaus exzentrisch zu nennende Autorin Candice Fox hat sich mit ihrem fesselnden Debüt-Kriminalroman eine ziemlich abgefahrene Story ausgedacht. „Hades – Als Killer wird man nicht geboren. Man wird dazu gemacht“ (Mai 2016, Suhrkamp) ist gruselig. Das Buch ist der erste Teil einer Trilogie, Eden und Fall folgen in den nächsten Monaten.

 

Hades, eigentlich Heinrich, ist der Herr der Unterwelt von Sydney. Er weiß alles über das Verbrechen in seiner Stadt, denn auf seiner gigantischen Müllhalde entsorgt er gegen Honorar Menschen, die gewaltsam zu Tode gekommen sind. Dieses Schicksal hätten auch beinahe die Kinder Eden und Eric geteilt, die man bei Hades nach einer missglückten Entführung deponiert hat. Sie wachsen bei Hades auf und werden Top-Cops bei der Mordkommission von Sydney. Ihr Gerechtigkeits-Konzept ist nicht ohne!

 

Eden arbeitet zusammen mit dem coolen Polizei-Neuling Frank an einer Mordserie. Es gibt mehrere Tote, auch Kinder, denen Organe entnommen wurden. Sie machen sich auf die Suche nach dem Täter.
In Rückblenden wird das eigenwillige Schicksal von Eric und Eden beleuchtet, während das aktuelle Geschehen, berichtet vom Ich-Erzähler Frank, den größeren Raum dieses Krimis einnimmt. Fox‘ rasante Erzählweise gibt den Lesern die Illusion, direkt beim Geschehen zu sein. Eric ist ein unheimlicher Charakter, Eden eine schräge Frau, beide sind sie eiskalt. Wie der Killer!

Perfide und verblüffend. Macht Lust auf die Folgebände.
(LT Juli 2016)

 

Rätselhafter Mord in der Provinz

 

In ihrem neuesten Krimi „Steirernacht“ (Juni 2016, Gmeiner-Verlag) lässt die Autorin Claudia Rossbacher in der Oststeiermark morden und ihr kongeniales Ermittler-Duo,  Abteilungsinspektorin Sandra Mohr und Chefinspektor Sascha Bergmann vom Landeskriminalamt Graz, in der Marktgemeinde Pöllau herumschnüffeln. Das Ehepaar Faschingbauer und dessen elfjähriger Sohn Severin wurden in ihrem Haus am Waldrand erschossen aufgefunden. Die 13-jährige Tochter Johanna konnte sich verstecken und anschließend zu Onkel Bernhard, dem Zwillingsbruder ihres Vaters, flüchten.

Sandra Mohr wird vom arroganten Oberspurensicherer Manfred Siebenbrunner unterrichtet, dass es sich bei den drei Opfern nicht um einen erweiterten Suizid handeln kann, und sie deshalb in einem Mordfall zu ermitteln hat. Sie findet bei den Befragungen einen guten Draht zur traumatisierten Johanna, die sie an ihre eigene Kindheit erinnert.

Nach und nach ermitteln Bergmann und Mohr immer mehr Details aus dem Leben der Familie Faschingbauer - wie zum Beispiel die sexuelle Dreiecksbeziehung der Brüder zur toten Gudrun.

 

Das Privatleben, speziell die verruchten erotischen Wünsche, der Ermittlerin steht auch im Fokus von Rossbacher‘s Krimi, der ziemlich spannend und voll falscher Spuren ist. Man will endlich wissen, wer die Faschingbauers vom Leben zum Tode beförderte und wohin Sandra’s erotische Reise gehen wird!

 

(LT Juli 2016)

 

Kompliziert, aber echte Buch-Fein-Kost!

 

Die geborene Ukrainerin Clarice Lispector (1920-1977), die später in Rio de Janeiro lebte, ist eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Ihr Stil ist gewöhnungsbedürftig, aber sehr sprachgewaltig, daher sollte man unbedingt ihren Roman „Der Lüster“ (Mai 2016, btb) lesen, halt einfach langsam, damit man sich dem anspruchsvollen, durchaus schwierigem Buch gut nähern kann. Es ist es wert!

 

Auf den ersten Blick ist das Leben der jungen Virgínia unauffällig. Ihre Kindheit hat sie mit ihrem Bruder Daniel am Landsitz ihrer Großmutter verbracht, danach in der Stadt gewohnt. Sie führt irgendwie eine einsame, in sich gekehrte Schattenexistenz. Ob das auf die mit Daniel gegründete „Gesellschaft der Schatten“ zurückzuführen ist? Virginia lebt, trotz kurzfristiger Beziehungen, die nie von Dauer sind, in einer eigenen Welt ein Leben ohne Ekstase – bis ein Ereignis ihrem Leben eine überraschende Wendung gibt. Der Tod der Großmutter bringt sie in die Umgebung ihrer Kindheit zurück. Sie muss sich entscheiden, wohin ihr Weg sie führt.

 

 

Brillantes, eigenwilliges Werk!

(LT Juli 2016)

 

Der Tod ist ein Demokrat – er holt alle, ob prominent oder nicht!

 

Der Autor Hans-Peter Vertacnik, Jahrgang 1956, hat eine erstaunliche Vita. Nach langen Jahren als Polizeibeamter wurde er nach einem Dienstunfall Kommunikations- und Medientrainer um sich dann der Schreiberei zuzuwenden. Zwei Lyrikbände und vier Kriminalromane hat der Luitpold-Stern-Preisträger veröffentlicht. Der fünfte Krimi „Totenvogel“ erscheint Ende Juni 2016 im Verlag emons:.

Der Schriftsteller geht auf Lesereise mit seinem Buch. In Wien gastiert er in der Bibliothek Am Schöpfwerk im 12. Bezirk am 27. September um 19.00 Uhr.

 

Der österreichische Innenminister Liebermann wird ermordet und Ermittler Radek Kubica – aufmerksame Leser kennen ihn schon aus Vertacnik’s Buch „Donauwölfe“ -  muss diesen heiklen Fall aufklären. Der Minister ist nicht gerade ein Sympathieträger – er ist arrogant, maßlos und machtversessen. Kubica sticht bei seinen Recherchen in ein Wespennest aus Korruption, Machtgier und Intrigen.

Der Autor entwirrt das komplexe, geheimnisvolle, heimtückische Drama, das den Leser von Beginn an fesselt, liebevoll sarkastisch. Als Schauplatz der Tat  glänzt Wien mit all seiner Geschichte, Gemütlichkeit und Raunzerei. Und die Wiener haben ja immer schon einen Hang zum Tod gehabt!

 

 

(LT Juni 2016)

 

Betriebsanleitung für Wien

 

Andrea Maria Dusl hat mit „So geht Wien! Von Arschkappelmuster bis 
Zwiebelparlament“ (März 2016, metroverlag.at) die Wiener Seele sehr treffend analysiert. Wer der deutschen Sprache mächtig ist und vorhat, Wien zu besuchen, sollte mit diesem Buch schon vorab die Stadt erkunden und wird sich ziemlich wundern! Aber nicht nur die Touristen, sondern auch die „echten“ Wiener können darin Unglaubliches entdecken!

Wien ist eine Stadt mit vielen Klischees und noch mehr Geheimnissen. Andrea Maria Dusl ist Wienerin, Filmemacherin, Autorin und promovierte Kulturwissenschaftlerin und lehrt an der Universität für Angewandte Kunst.

 

Sie weiß schon, wovon sie mit einer großen Portion Humor und Wiener Witz schreibt! Ob gaunersprachliche Redewendungen, das Grußwort „Baba“, das Frühaufstehen im Morgengrauen, Wiener Kaffeehaustraditionen oder die Mistkübler in Orange – Dusl ist eine Vielwisserin und die Lektüre ist „echt“ lustig!

 

 

(LT Juni 2016)

 

Wiener Schmäh und Wiener Blut

 

Mit „Pratermonster“ (Jänner 2016, Emons) legt der gebürtige Wiener Max Kauer einen humorvollen Krimi vor, der den Leser quer durch die Walzermetropole Wien jagt.

 

Im Wiener Wurstelprater hat sich ein tödlicher Unfall ereignet. Oder war es doch Mord? Der Hauptverdächtige ist ein Geisterbahn-Monster! Peppi mit riesigen Füßen und Krallen, grünlichen Beinen, ein Reptil? Schleimig, primitiv. Das Opfer ist bloß noch in Einzelteilen vorhanden. Es hängt Peppi, für den die Unschuldsvermutung gilt, aus dem Maul. Zeugen für die Tat muss man erst finden. Ein klarer Fall für die knallharten Sonderermittler Ford und Kossel.

 

Max Kauer schreibt irrwitzig, höchst unterhaltsam, rasant. Der Krimi hat viel Wiener Flair und liest sich in einem Rutsch!

 

 

(LT Juni 2016)

 

Sklavenmädchen

 

Sehr lange hat Minette Walters ihre Leser auf einen neuen Roman warten lassen. Mit „Der Keller“ (April 2016, Goldmann) meldet sie sich mit einem kammerspielartigen Psychothriller zurück. Das Buch ist eher etwas für Walters-Fans, denn die Höchstform der Autorin – man denke nur an die geniale Geschichte „Die Bildhauerin“ - wird nicht ganz erreicht, obwohl der Krimi wie gewohnt spannend und flüssig im bekannten Walters-Stil geschrieben ist. Vermutlich liegt es daran, dass die Protagonistin nicht so ganz sympathisch ist.

 

Munas Leben ist die Hölle. Keiner weiß, dass die Familie Songolis ihr Hausmädchen wie eine Sklavin behandelt. Sie muss jeden Tag bis zur Erschöpfung arbeiten, wird misshandelt und schamlos ausgenutzt, darf niemals nach draußen oder lesen und schreiben lernen - und sie wird jede Nacht in einen gruseligen Keller gesperrt.

Eines Tages kehrt der jüngste Sohn der Familie aus unerklärlichen Gründen nicht mehr nach Hause zurück. Damit die ermittelnden Polizeibeamten nichts von Munas Schicksal erfahren, darf sie ihr Kellerloch verlassen. Und diese Chance nutzt die Sklavin auch. Denn Muna ist sehr viel klüger, als alle ahnen – und ihre Pläne sind sehr viel schockierender, als jemand jemals vermuten würde.

 

Die Geschichte einer grausamen Rache.

 

 

(LT Mai 2016)

 

Rilke’s Venedig

 

Jeder, der glaubt, „sein“ Venedig schon zu kennen, sollte zum neuen Büchlein „Das schöne Gegengewicht der Welt – Mit Rilke durch Venedig“ von Birgit Haustedt (Mai 2016, Insel Verlag) greifen. Die Autorin hat die Neuausgabe ihres Erfolgsbuchs grundlegend aktualisiert und erweitert. 

Rilke war ein leidenschaftlicher Spaziergänger und die Leser können ihm beim Flanieren über die Giudecca und den Lido, im Ghetto und in den Museen und Kirchen und Palästen begleiten. Rilke wäre nicht Rilke, wenn er in einem Werk über Venedig nicht über Kunst schriebe! Mit Gondel und Vaporetto, meist jedoch zu Fuß erkundete er die Lagunenstadt, seinen absoluten Sehnsuchtsort. Markusplatz und Lido inspirierten ihn ebenso wie das Arsenal, er wohnte in einfachen Pensionen ebenso wie in prächtigen Palazzi venezianischer Mäzene. Rilke suchte sich abseits von Reiseliteraturempfehlungen  eigene Wege und man erfährt viel über diese wunderbare Stadt im Wasser und den Dichter.

 

Es ist immer wieder erstaunlich, über diese Stadt doch noch Unbekanntes zu er-lesen und dann zu entdecken!

 

 

(LT Mai 2016)

 

Schiache Wörter voll Wiener Charme

 

Als Wiener muss man sehr schmunzeln, wenn man das neue Büchlein „Schimpfen wie ein echter Wiener – Gfrast!?“ aus dem Holzbaum-Verlag in Händen hält. „Gfrast“  ist ein typisches Wiener Schimpfwort. Wer nicht weiß, was es bedeutet oder wer sein Schimpfvokabular erweitern will, für den ist das kleine Werk unersetzlich, ist es doch in der gar nicht so vornehmen Wiener Stadt notwendig, die Schimpfkultur zu beherrschen, also die Fähigkeit zu haben, ziemlich unhöfliche, witzig-beleidigende und obszöne Worte und Redewendungen zu finden.

Stadtbekannt Wien hat sich für das neue Kult(ur)werk "Schimpfen wie ein echter Wiener" die absoluten Schmankerln aus dem Wortsumpf Wiens geangelt. Erfahren Sie alles Wissenswerte über Weana Bazi, die Gescheadn, Zniachtln, den Gwigwi, an Schas mit Quastln oder den Wappla. Dann können Sie bald original wienerisch sudern, raunzen und Schmäh führen bzw. verstehen, was man Ihnen da gerade an Nettigkeiten an den Kopf geworfen hat!

Angereichert ist das Buch mit 12 großartigen Cartoons von Maria Antonia Graff.

Alles in allem: sehr lustig!

 

 

(LT April 2016)

 

John Irving’s Wundertüte ist wieder geöffnet!

 

Als bekennende Irving-Liebhaberin, bin ich mir aber auch bewusst, dass dieser unvergleichliche Schriftsteller polarisiert, dass er vielen Lesern mit seinem Plauderton, der dazu neigt, auf hundert und tausend Dinge einzugehen, den Nerv zieht! All jenen, die an John Irving deswegen gescheitert sind, sei sein Buch „Witwe für ein Jahr“ aus dem Jahr 1998 empfohlen, wahrscheinlich sind sie dann auch „angefixt“!

 

Nun will ich mich aber dem neuen Werk des Meisters widmen: „Straße der Wunder“ (März 2016, Diogenes) ist ein Roman über Liebe und Verlust, schräg, absurd und anspruchsvoll wie immer, gar nicht schwer lesbar, mit bitterbösen Seitenhieben auf die Religion und Jesus’ Bodentruppe, die Kirche!

Das Buch handelt von Juan Diego, einem mexikanischstämmigen Amerikaner aus Iowa, der seine Kindheit in Oaxaca verbrachte. Er und seine Schwester Lupe sind Müllkippenkinder. Ihre einzige Überlebenschance ist der Glaube an die eigenen Wunderkräfte. Denn Juan Diego kann fliegen und Geschichten erfinden, Lupe brabbelt unverständliches Zeug, gilt als behindert, weil nur ihr Bruder sie versteht, aber sie kann die Zukunft voraussagen, insbesondere die von Juan Diego. Um ihn zu retten, riskiert sie alles.

 

Der schrullige Hauptprotagonist berührt tief innen mit seiner Liebe zum Schreiben und zu Büchern, vielleicht ist Juan Diego autobiographisch oder auch nur der Phantasie Irving’s entsprungen, wer weiß das schon?
Genießen Sie John Irving’s meisterhafte surreale Kunst des Fabulierens, nehmen Sie sich die Zeit dafür, es lohnt sich allemal!!

 

Wo Irving drauf steht, ist Irving drin!

 

 

(LT April 2016)

 

Er weinte sich in den Schlaf und träumte von Mord

 

Mit „Der Schlafmacher“ schreibt Michael Robotham (Jänner 2016, Goldmann) einen seltsamen Psychothriller rund um eine Mordszenerie, die man so noch nicht kannte. Wobei lange Strecken nicht die Todesfälle im Mittelpunkt stehen, sondern die Ermittler. Auch der Mörder kommt zu Wort in eigenen Kapiteln.

 

Zwei Frauen, Mutter Elizabeth und Tochter Harper, werden eines Nachts von einem ziemlich skrupellos erscheinenden Mörder in ihrem abgelegenen Bauernhaus in Somerset  regelrecht hingerichtet. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Chief Superintendent Ronnie Cray bittet daher den erfahrenen Psychologen Joe O’Loughlin um Hilfe, der gleich mit mehreren verdächtigen Personen konfrontiert ist. Ein Mordmotiv haben der betrogene Exmann genauso wie die zahlreichen Liebhaber Elizabeths, die in der Dogging-Szene (Sex an öffentlichen Plätzen mit Zuschauern) unterwegs war. Als eine weitere Leiche gefunden wird, auf deren Stirn der Buchstabe „A“ eingeritzt ist, weiß O’Loughlin, dass er es mit einem ziemlich gestörten Täter zu tun hat, der Rache sucht für etwas, das ihm einst angetan wurde.

 

Joe O’Loughlin ist kein strahlender Held, ihn plagt die Parkinson Krankheit. Die Diagnose „feierte“ er einst mit einem One Night Stand, was ihn die Ehe mit Julianne kostete. Bitter für ihn ist, dass er seine Töchter Emma und Charlie seither kaum sieht. Während der Ermittlungen erfährt er, dass Julianne krebskrank ist. Bei der Mördersuche steht er daher immer wieder zwischen seinem Profilertum und dem Dasein als Familienvater. Unterstützung holt er sich bei seinen Recherchen von Raubein Vincent Ruiz, der einst das Dezernat für schwere Gewaltverbrechen leitete.

 

Robotham baut die ganze Story langsam auf und gestaltet, nachdem der Plot rund um eine Schuld, die wie ein Parasit ist, Fahrt aufnimmt, das Ende völlig überraschend.

 

Finale furioso!

 

 

(LT April 2016)

 

 

Die Geschichte von Miklós und Lili

 

Das Buch „Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos (Oktober 2015, Hoffmann und Campe) ist erschreckend aktuell. Es ist die wahre Geschichte des Ungars Miklós Gárdos, Vater des Autors. Miklós hat das KZ Bergen-Belsen überlebt, den Aufenthalt bei den Russen, konnte 1945 bis nach Schweden fliehen und bekommt dort von seinem Arzt gesagt, dass ihn eine Krankheit in spätestens 6 Monaten das Leben kosten wird. Jetzt ist er zwar dem Tod von der Schippe gesprungen – und nun dies. Miklós besteht nur aus Haut und Knochen und hat keine Zähne mehr, aber er ist ein Kämpfer!

 

117 junge Frauen aus Miklós' Heimatstadt haben wie er die Vernichtungslager der Nazis überlebt und es nach Schweden in Erholungsheime geschafft. Jeder einzelnen von ihnen schreibt er einen Brief. Eine dieser Frauen wird er heiraten, das hat er sich fest vorgenommen. Lili Reich, die keine Jüdin mehr sein will, beschließt, ihm zu antworten. Im Dezember 1945 treffen sich Miklós und Lili zum ersten Mal. Und lieben sich vom ersten Augenblick. Miklós darf jetzt einfach nicht sterben. Sie müssen einen Weg finden, wie sie heiraten können. Denn was sind sie in Schweden? Patienten? Flüchtlinge? Exilanten? Besucher, die sich vorübergehend im Land aufhalten?

 

Die Erzählung ist eine ernste, wunderschöne, tragische Liebesgeschichte. Und zeigt einmal mehr, dass kein Mensch, ob auf der Flucht oder einfach nur zuhause, illegal ist und Glück und Respekt verdient!

 

 

(LT März 2016)

Stadtspaziergänge im schwulen Wien

 

Andreas Brunner erforscht seit mehr als zwanzig Jahren die schwul/lesbische Geschichte Wiens, war Mitbegründer der Buchhandlung Löwenherz und der Regenbogen Parade. Er ist Co-Leiter von QWIEN und als Austria Guide spezialisiert auf schwul/lesbische Stadtspaziergänge.

Sein neuer Guide zu Kunst, Kultur und Szene, „Das schwule Wien“ (März 2016, Metroverlag) führt zu den Gay-Hotspots der Stadt. Die heutige Szene wird dabei genauso beleuchtet wie jener Teil des geschichtsträchtigen, prunkvollen Wiens, das von homosexuellen Männern geprägt wurde. In hundert Stationen gibt der Autor einen alles andere als langweiligen Einblick in die Geschichte der „Männer vom anderen Ufer“.

 

Prinz Eugen oder Erzherzog Ludwig Victor, die zu den bekanntesten schwulen Persönlichkeiten der Wiener Geschichte zählen, kommen dabei genauso vor wie die Erinnerung an Homosexuelle, die wegen ihrer Sexualität oft ziemlich brutal verfolgt wurden.
Neben Klassikern wie dem noblen „Kaiserbründl“ oder dem Donnerbrunnen am Neuen Markt führt der Band auch zu versteckten Orten mit schwuler Vergangenheit oder Gegenwart.

 

Ein Wien-Buch für alle (nicht nur für Gay People), die diese doch ein wenig unbekannte Facette der Stadt entdecken wollen!

  

(LT März 2016)

Das Duell

 

Andreas Pflüger schreibt mit „Endgültig“ (März 2016, Suhrkamp) einen ungewöhnlichen Thriller über eine blinde Polizistin. Jenny Aaron war nicht immer blind, sie war Mitglied einer international operierenden Elitetruppe der Polizei – hochintelligent, kampferprobt, effektiv. Wenn sie kämpfte, war es zum Fürchten. Nun ist sie seit einem misslungenen Einsatz in Barcelona, den sie mit ihrem Kollegen und Lover Niko durchführte, mit ihren geschärften Sinnen Verhörspezialistin und Fallanalytikerin beim BKA. Sie spürt das Verborgene und versteht es, zwischen den Worten zu tasten.

 

Fünf Jahre nach Barcelona erhält Aaron einen Anruf: Die früheren Berliner Kollegen bitten sie um ihre Mithilfe. Reinhold Boenisch, ein Frauenmörder, gegen den sie als junge Polizistin ermittelte, hat im Gefängnis eine Psychologin getötet. Sie entschließt sich, den Fall anzunehmen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Doch Boenisch ist nur eine Schachfigur in einem Komplott. Aaron wird erkennen, dass ihr bisheriges Leben eine einzige Vorbereitung auf die folgenden brutalen sechsunddreißig Stunden war. Sie gerät in einen Fall, der ihre Vergangenheit aufwühlt. Ihre ehemaligen Kollegen, die füreinander und für sie zu sterben bereit sind, reißt sie damit in den Tod. Zunächst begreift sie nicht, warum sie vom Verbrecher Holm und seinem primitiven Bruder Sascha gejagt wird und warum man sie um jeden Preis umbringen will. Die Zusammenhänge erkennen sie und ihr väterlicher Beschützer Pavlik erst sehr spät.

Andreas Pflüger beschreibt konsequent die Geschichte aus der Perspektive einer Blinden. Er zieht dabei für seine Leser die Spannungsschraube ganz schön fest an!

  

(LT März 2016)

 

Tödliches Spiel

Ursula  Poznanski landete bereits mit ihrem ersten Thriller „Fünf“ (Juli 2013, Rowohlt TB) auf der Bestsellerliste. Kein Wunder, denn sie schreibt durchdacht, baut die Spannung trotz eines nicht alltäglichen Plots rund um das Thema Geocaching gut und subtil auf. Kein Tschin Bumm, sondern ein intelligenter, sprachgewandter Krimi.

 

Worum geht’s: Eine Frau liegt tot auf einer Kuhweide. Eindeutig ermordet. Auf ihren Fußsohlen finden sich eintätowierte Koordinaten. Sie führen zu einer Hand, in Plastikfolie eingeschweißt, und zu einem Rätsel, dessen Lösung wiederum zu einer Box mit einem weiteren abgetrennten Körperteil führt. Es ist ein blutiges Spiel, auf das sich das sympathische Salzburger Ermittlerduo Beatrice Kaspary und Florin Wenninger einlassen muss. Jeder Zeuge, den sie vernehmen, wird kurz darauf getötet, die Morde folgen immer schneller aufeinander. Den Ermittlern läuft die Zeit davon.

 

Anspruchsvoll!

 

 (LT Feb. 2016)

 

 

Hilflos ausgeliefert

Die Fantasien des Autors Arno Strobel möchte man eigentlich nicht haben … Aber er schafft einfach so superspannende Thriller, dass man zum Nägelbeisser werden könnte! Nach der Lektüre von „Die Flut“ (Jänner 2016, Fischer Taschenbuch) wird man sich einen Insel-Urlaub zweimal überlegen!

Julia und Michael werden von seinem Kollegen Andreas eingeladen, zwei Wochen auf der beschaulichen Nordseeinsel Amrum zu verbringen. Die beiden Männer wollen Andreas‘ Ferienhaus renovieren. Seine Frau Martina ist eine furchtbare, dauernörgelnde Zicke und verbreitet ständig schlechte Stimmung, während Andreas ungeniert mit Julia flirtet.

Dann ereignen sich auf der Insel schreckliche Morde: Ein grausamer, aber durchaus cleverer Täter, ein echter Freak, ist am Werk. Er entführt Paare und vergräbt nachts bei Ebbe die Frau bis zum Hals im Sand. Den Mann bindet er an einen Pfahl in der Nähe fest, so dass er dabei zusehen muss, wenn seine Frau bei Flut langsam ertrinkt.  Es gibt im kühlen und windigen November nur wenige Touristen auf der Insel und die vier Urlauber werden schnell zum Ziel von Polizeibefragungen.

Die Ermittlungen rund um den ganzen Insel-Albtraum werden vom unsympathischen Polizisten Harmsen geleitet, der  rücksichtslos auftritt und für den ganz rasch Michael zum Hauptverdächtigen wird.

Strobel läßt die relativ ruhig erzählte Geschichte eiskalt eskalieren und der Schluss des Psychothrillers ist ziemlich stark!
 

(LT Feb. 2016)

 

 

Benutzt 

 

Man kann die Ödnis förmlich spüren, die im fiktiven Grundendorf im Marchfeld herrscht. Kein Wunder, dass Lisa vor ein paar Jahren nach dem Tod ihrer Mutter einfach nach Wien gegangen ist um dieser Perspektivenlosigkeit, dem schweigenden Vater und der kleinen Schwester sowie ihrem Verlobten zu entfliehen. Noch dazu, wo in einer eisigen Winternacht zwei Jugendliche spurlos verschwunden waren und die örtliche Polizei keinerlei Anhaltspunkte über ihren Verbleib fand und mit der Zeit der Fall in Vergessenheit geriet. Drei Jahre später werden nach einem Faschingsfest wieder zwei junge Menschen vermisst. Roman Klementovic erzählt mit „Immerstill“ (Februar 2016, Gmeiner) eine unglaubliche Geschichte – weitab vom Mainstream - mit vielen Lügen und Täuschungen.

 

Lisa muss in ihren ungeliebten, trostlosen Heimatort zurück, denn eine von den vermissten Frauen ist ihre Schwester Maria. Sie ist im Ort nicht wirklich willkommen, ihr Vater verhält sich noch merkwürdiger als früher und sie stößt bei ihren Recherchen auf Widerstand der doch sehr seltsamen Dorfbewohner und auf große Ungereimtheiten. Außerdem muss sie sich ihrer schmerzhaften Vergangenheit stellen – begegnet sie doch unweigerlich ihrem Ex-Freund Patrick, einem Polizisten.

Die Medien wittern eine Tragödie und in dem kleinen Dorf wächst spürbar die Nervosität. Als eine entstellte Leiche gefunden wird, bricht endgültig die Panik aus. Am Ende der Geschichte steht Lisa vor einem Scherbenhaufen, der ihr Leben ist. Die erschreckende Gewissheit ist schockierend.

 

(LT Feb. 2016)

 

 

Die Geschichte eines Zerfalls

Nach der Lektüre des überaus spannenden und brillant geschriebenen Thrillers „Tu es, tu es nicht“ von S.J. Watson (Juli 2015, Scherz) wird man es sich überlegen, über das Internet Bekanntschaften zu schließen oder einen Seitensprung zu begehen!

Watson zeigt anhand seiner Protagonistin Julia, daß wir alle ganz leicht zu manipulieren sind. Julia liebt ihren Mann Hugh, der sie nach dem Tod ihres Jugend-Lovers vor dem Drogen- und Alkohol-Sumpf gerettet hat, ist ihrem Adoptivsohn Connor eine gute Mutter und hat einen tollen Job. Aber in ihrem zweiten Leben ist sie besessen von einem Fremden, würde sofort ihre Familie verlassen und verliert jegliche Kontrolle über sich und ihr Dasein.
Julia, eine trockene Alkoholikerin, führt eigentlich ein gutes Leben mit Mann und Sohn in London bis zu dem Augenblick als ihre jüngere Schwester Kate in Paris ermordet wird. Der Kontakt zu ihr war zwar zuletzt durch einige Zerwürfnisse getrübt (Connor ist Kates Sohn, sie wollte sich wieder um ihn kümmern), Kates Tod wirft sie aber total aus der Bahn. Sie begibt sich mit der besten Freundin ihrer Schwester auf eine gefährliche, megaspannende Suche im Internet nach dem Mörder, die den Leser praktisch zwingt, den Thriller in einem durchzulesen. Über eine Dating-Platform beginnt sie eine Affäre mit einem Unbekannten und gerät in einen schrecklichen Sog von Sex, Gewalt und Obsessionen.

Beängstigend und nervenaufreibend!

(LT Feb. 2016)

 

 

Getäuscht

 

Nimmt man Renée Knight’s Buch „Deadline“ (Juli 2015, Goldmann) zur Hand, könnte man glauben, einen weiteren blutigen Krimi zu lesen. Weit gefehlt, dieser sogenannte psychologische Spannungsroman mit all seinen unglaublichen Wendungen gehört zu den unbedingten Empfehlungen, die wir aussprechen wollen. Also lassen Sie sich nicht vom Titel und Cover täuschen!

 

Die schockierende Handlung rund um zwei Ehepaare mit je einem Sohn entwickelt einen solchen Sog, dass man gar nicht aufhören kann zu lesen. Der Autorin gelingt es einfach hervorragend, die Leser für die Geschichte der Catherine zu erwärmen, auch wenn einem das Verhalten der Protagonistin nicht immer schlüssig erscheint. Ihr Leben birgt ein dunkles Geheimnis, das die Beziehung zu ihrem Sohn Nick belastet. Mit einem Schlag und dem Auftreten von Stephen Brigstocke und seinem von ihm und seiner verstorbenen Frau Nancy verfassten für Catherine bedrohlichen Roman – sozusagen ein Buch im Buch - scheint alles, was sie sich mit ihrem Mann Robert aufgebaut hat, in Scherben zu liegen. Eine zwanzigjährige Idylle zerbirst.

 

Knight erzählt die düstere Geschichte um Mutter-Sohn-Dramen zweier Familien auf mehreren Zeitebenen jeweils aus der Sicht von Stephen und von Catherine einfach großartig!

 

(LT Feb. 2016)