HerbstZeit ist LeseZeit

 

Wenn die Tage (leider) wieder kürzer und kühler werden,

ist man erfahrungsgemäß gerne zu Hause um zu kuscheln und zu lesen.

Und der heurige BücherHerbst hat wieder hochkarätige Werke im Rennen,

die die Zeit vertreiben und so manche schlaflose Nacht verursachen werden,

weil man gar nicht mehr aufhören kann mit dem Lesen!

 

Wir haben natürlich schon ein wenig vorgeschmökert für Sie

und stellen Ihnen sukzessive die Neuheiten am Markt vor.

 

Eine feine Leserei wünscht Ihnen herzlichst,

Ihre Lilly Tampier

Illustration by J.Frederick Smith

 

 

Leere, Leidenschaft, Liebe

 

Grégoire Delacourt schreibt mit „Das Leuchten in mir“ (Oktober 2018, Atlantik) einen grandiosen, sehr sinnlichen Roman über die rauschhafte Leidenschaft der 40jährigen Emmanuelle.


Emmanuelle ist seit achtzehn Jahren mit Olivier verheiratet und ist Mutter dreier Kinder, Louis, Léa und Manon, ihr Leben könnte theoretisch nicht besser sein. Dass ihr unterschwellig etwas fehlt, merkt sie erst, als sie in einer Brasserie auf einen fremden Mann, auf Alexandre trifft. Sie weiß sofort Bescheid, dass sie für diesen Mann alles riskieren, alles aufgeben wird – koste es, was es wolle. Sie muss diese Leere in sich einfach füllen.

Delacourt erzählt diesen emotionalen Roman über das weibliche Begehren und über die Frage, was die Liebe so aushalten kann, in einem bemerkenswerten zarten Stil. Man vergisst, dass hier ein Mann über das gefährliche Spiel mit dem Feuer, das Emmanuelle hier spielt, schreibt.

 

Der Stil von Delacourt ist nicht immer einfach zu lesen, aber jeder Teil des Buches ist in sich spannend, weil man die Lösung der dramatischen Liebesgeschichte unbedingt wissen möchte.

(JT Oktober 2018)

Adoleszenz – kein Vergnügen

Nein, im neuen Buch von Wolf Haas - „Junger Mann“ (September 2018, Hoffmann und Campe) - geht es nicht um die Pubertät vom Brenner, dieser legendären Gestalt aus Haas' Romanen. Es geht um einen übergewichtigen 13jährigen Jungen in den 1970iger Jahren, der schon ziemlich an den Autor erinnert. Ob Fiktion oder Biografie, ist aber egal und bleibe dahingestellt, denn Haas ist Haas und man liest seine Werke einfach gerne in einem Rutsch ob ihres lakonischen schwarz-humorigen Wortwitzes. Völlig wurscht, ob das nun ein Krimi ist.

Der namenlose Junge, Sohn eines alkohol- und spielsüchtigen Vaters, verbringt die Sommerferien bei seiner Mutter in der österreichischen Provinz. Er arbeitet an einer Tankstelle, wo er wegen seiner Frisur und seiner Figur für ein "Fräulein" gehalten wird. Unsterblich verliebt er sich in das zauberhafte Lächeln von Elsa, der Frau des Dorfhelden und LKW-Fahrers Tscho, versucht radikal abzunehmen und begleitet Tscho schließlich auf eine Fahrt ins griechische Saloniki, wohin der Fernfahrer Kühlschränke liefern soll, wo er aber auch noch ganz andere Geschäfte zu erledigen hat.

Die Story ist eigentlich simpel, aber gut und unterhaltend und beim Lesen erinnert man sich an die eigene Jugend, die erste Liebe und den generellen Weltschmerz dieser Jahre. Wolf Haas erzählt die Geschichte in Andeutungen, in kurzen Sätzen und kurzen Kapiteln, ohne jede Geschwätzigkeit und Gefühlsduselei. Wunderbar!

(JT Oktober 2018)

Sonnenfinsternis

 

Kit freut sich, endlich mit einer Freundin seine Leidenschaft für das Phänomen einer Sonnenfinsternis zu teilen und mit seiner Laura dieses Ereignis in Cornwall zu erleben. Beide sind noch sehr jung und sehr verliebt. Da nimmt auch schon ihr Schicksal seinen Lauf, denn Laura glaubt, im fahlen Dämmerlicht Zeugin einer brutalen Vergewaltigung zu sein. Die Frau, Beth, schweigt dazu, der Mann, Jamie, bestreitet alles. Erin Kelly ist die Autorin von „Vier. Zwei. Eins. Vier Menschen. Zwei Wahrheiten. Eine Lüge.“ (August 2018, Scherz).

 

Der Thriller wird aus der Sicht der von Panikattacken geplagten Laura und von Kit, diesem undurchschaubaren Sonnenfinsternisjäger, und auf mehreren Zeitebenen erzählt. Beide sind im Prozess gegen Jamie Zeugen. Laura lügt bei ihrer Aussage und lebt danach in ständiger Angst, dass ihr jemand auf die Schliche kommt. Monate nach der Gerichtsverhandlung steht die vergewaltigte Beth plötzlich vor Lauras und Kits Tür und schleicht sich auf merkwürdige Weise in ihr Leben. Sie will Laura zur Freundin, die ihr Halt auch in schlechten Zeiten gibt. Nur Kit scheint die Bedrohung zu sehen, die von ihr ausgeht.
15 Jahre später leben Laura und Kit unter falschem Namen an einem geheimen Ort. Keine Kontakte in die sozialen Medien, kein Eintrag im Telefonbuch, nur gelegentliche Telefonate. Etwas liegt noch immer im Dunklen, Laura, die mit Zwillingen schwanger ist, fürchtet es, und sie ahnt, dass sie nur einen Teil des Puzzles kennt. Die Wahrheit kommt schließlich mit aller Macht ans Licht.

Die Story holpert anfangs ein wenig dahin und man weiß nicht genau, wohin die Autorin den Leser lenken möchte. Die Protagonisten sind schwierige Charaktere. Als Leser weiß man, dass da noch etwas kommt. Und es kommt, also sollte man dranbleiben, trotz aller Unklarheiten!

Das Tempo und die Spannung steigern sich im zweiten Teil des Buches enorm. Erin Kelly dreht da die Geschichte komplett um. Das Ende des ganzen Lügengeflechts ist unvermutet und lässt staunen!

 

Raffinierte Verwirrungen.

(JT Oktober 2018)

Wissen ist Macht

 

In seinem Roman „NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ (Sep. 2018, Lübbe) verstrickt Andreas Eschbach geschickt Fakten und Fiktion miteinander. Er verbindet historische Ereignisse und Personen der Jahre 1933 bis 1945 mit der Technologie des 21. Jahrhunderts und kreiert so ein Schreckensszenario, indem er das WasWäreWennSpiel „Drittes Reich und Internet und Soziale Medien und die totale Überwachung“ beleuchtet.

Hätten Hitler und die Nazis das Internet und Mobiltelefone usw. gehabt, hätte sich niemand vor der Gestapo oder der SS mehr verstecken können - der gläserne Mensch wäre den Mächtigen hilflos ausgeliefert gewesen.

 

Die Programmiererin Helene Bodenkamp arbeitet 1942 in Weimar im Nationalen Sicherheits-Amt und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger des Reichs überwacht werden. Ihr Vorgesetzter ist Eugen Lettke, ein Datenanalyst. Beide stehen den Nazis skeptisch gegenüber.

Anhand von Auswertungen der Daten rund um einen Haushalt und der darin lebenden Personen, gelingt es dem NSA, untergetauchte Personen aufzuspüren. Helene findet das beängstigend, während Eugen begeistert ist, kommt das doch seinen Vorlieben für Macht und Herrschaft entgegen. Er benutzt die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke und überschreitet zunehmend jede Grenze.

 

Brandaktuell, wie immer von Eschbach superspannend und schonungslos brutal geschrieben. Lustig sind nur seine eingedeutschten Begriffe, zum Beispiel Elektrobrief für Email, sonst ist das Thema zum Gruseln.

(JT Oktober 2018)

Pflichtlektüre für Italophile

 

Der Roman „Alle, außer mir“ (Juni 2018, Verlag Klaus Wagenbach) der römischen Autorin Francesca Melandri ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern ein schonungsloses Porträt und Sittengemälde Italiens im 20. Jahrhundert, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten, die bis in die Gegenwart reichen.

 

Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria, eine linke Moralistin, die sich von ihrem Geliebten Piero Casati trennt, weil er in der Berlusconi-Regierung mitarbeitet, glaubt, alles über ihre Familie zu wissen. Aber wer tut das schon wirklich? Eines Tages behauptet ein junger Afrikaner mit Namen Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters, mit ihr verwandt, quasi ihr Neffe, der Sohn ihres Halbbruders, von dem sie keine Ahnung hatte, zu sein. Ihr faschistischer Vater – Ilaria glaubte immer, er wäre Partisan - ist mit seinen 95 Jahren zu dement, um noch Auskunft zu geben. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise in die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte, die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten und dem Schicksal der Flüchtlinge und in den Werdegang ihrer Familie. Ihre Recherchen ergeben, dass ihr Vater drei Familien hatte, eine in Afrika, zwei in Italien.

 

Melandri zeigt in diesem komplexen Roman, was es bedeutet, zufällig im richtigen Land geboren zu sein, und wie Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit entstehen. Das Buch ist hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingspolitik politisch brisant und birgt so manche Überraschung.

(JT Oktober 2018)

Feine Schmankerl des berühmten Hotel Sacher

 

Die exquisite Küche im Hotel Sacher der Familien Winkler und Gürtler steht ganz im Zeichen der österreichischen Kochkunst und verbindet traditionelle Gerichte mit modernen Kompositionen von Zutaten und Zubereitungsarten. Und wie sie die verbindet! Großartig.

 

Das Team rund um Küchenchef Dominik Stolzer und Chef Pâtissier Michael Klein präsentiert nun in „Das Original Sacher Kochbuch“ (Oktober 2018, Gräfe und Unzer Verlag) Rezepte, die eine erlesene Auswahl an regionalen und saisonalen Gerichten sind und mit einem eleganten Foodstyling in Szene gesetzt wurden. Vor allem sind sie auch zu Hause nachzukochen – das war dem Sacher wichtig, denn ein Kochbuch soll zwar natürlich auch schön sein, aber was hilft es, wenn die Rezepte nur von Starköchen bewältigbar sind?

Neben den Klassikern wie Tafelspitz oder Rindsroulade mit Erdäpfelpüree finden sich Anleitungen für eine Ziegenkäse-Crème-brûlée mit Zwetschgengel und Bittersalat, Steinbuttfilet mit bunten Karotten und Bratapfel oder eine Zitronentarte mit Baiserhaube um Gäste und Familie zu verwöhnen – ganz im Sinne der Sacher-Philosophie. 

Doch nicht nur die kulinarischen Highlights beindrucken, auch die Reportagen, die einen Blick hinter die Kulissen werfen, erzählen Geschichten und Anekdoten über Produkte, deren Herstellung und die Menschen dahinter. Wer des Österreichischen nicht ganz mächtig ist, findet Übersetzungshilfen für die Feinheiten dieser Sprache. 

Ein Rezept fehlt selbstverständlich: das der Original Sacher-Torte. Es ist geheim und das bleibt auch so. Und das ist gut so!

 

Der Just Tampier-Tipp: Der Bildband ist ein wunderbares (Weihnachts)Geschenk für alle Gourmets und HobbyKöche und jene, die die feine Kocherei wenigstens einmal ausprobieren wollen. Das Original Sacher Kochbuch ist im Buchhandel ab 10. Oktober und ab sofort auch in der Sacher Confiserie Wien, Kärntnerstraße 38, 1010 Wien, erhältlich.

(JT Oktober 2018)

Illustration by Jon Whitcomb

Fotos ©Jakob Gsöllpointner

Bild I: Matthias Winkler (Geschäftsführer Sacher Hotels), Michael Klein (Chef Pâtissier Hotel Sacher Wien), Florian Landgraf (Gräfe und Unzer), Alexandra Winkler (Eigentümerin Sacher Hotels), Dominik Stolzer (Küchenchef Hotel Sacher Wien)

Bild II: Original Sacher Kochbuch, Gräfe und Unzer 

Wenn die Freundschaft geht, aber der Schmerz bleibt

 

Claire Messud beschreibt in ihrem Roman „Das brennende Mädchen“ (August 2018, Hoffmann und Campe) die schmerzhafte Erfahrung, die die meisten vermutlich einmal mitgemacht haben: der schleichende Bruch in einer engen Freundschaft. Speziell der Verlust der ersten großen Freundschaft kann für das ganze Leben prägend sein und die Frage nach dem Warum stellt sich immer wieder.

 

Diese Erfahrung macht auch Julia mit Cassie, die sie eigentlich immer schon gekannt hat. Es fällt ihr schwer zu begreifen, wie sie sich verloren haben. Da war nichts, kein Streit, keine Eifersüchteleien. Julia spürt den vielen kleinen Dingen nach, die passiert sind seit jenem »Zwillingssommer« vor zwei Jahren, in dem sie nie daran gedacht hätte, dass sie nicht für immer und ewig Freundinnen bleiben würden.

 

Dieser Roman ist kein Jugendbuch, obwohl er von einer innigen Kindheitsfreundschaft handelt, vom spannenden Alter, in dem man vom Kind zum Erwachenen mutiert.

Die Autorin geht empathisch mit ihren Figuren um, zart und doch intensiv, analysiert messerscharf und meisterhaft die Freundschaft der Mädchen.

 

Außergewöhnlich.

(JT September 2018)

Die Liebe von Carla und Vito

 

Antonella Lattanzi erzählt in ihrem Debütroman „Noch war es Nacht“ (August 2018, Kindler) vom dramatischen Ende einer obsessiven Liebe.Es ist die Geschichte einer Leidenschaft in Rom, die außer Kontrolle gerät.

 

Vito war der einzige Mann in Carlas Leben. Sie haben sich seit der Kindheit sehr geliebt, aber Vitos eifersüchtige Liebe war immer auch gewalttätig und demütigend. Erst als die älteren beiden Kinder, Nicola und Rosa, groß genug waren, um das Haus zu verlassen, schafft es Carla, sich von ihrem Mann zu trennen und mit der jüngsten Tochter Mara auszuziehen. Aber Vito hört nicht auf, sie zu verfolgen, ihr zu drohen. 
Zwei Jahre nach der Trennung, es ist der dritte Geburtstag von Mara, gibt Carla dem Drängen ihrer Tochter nach und ladet Vito zu der Feier ein. Es kommen auch Nicola und Rosa. Nach langer Zeit ist die Familie wieder vereint und das Fest verläuft unerwartet gut. Aber nach jenem Abend ist Vito spurlos verschwunden. Als eine Leiche gefunden wird, steht Carla schnell im Zentrum einer Mordermittlung.

 

Lattanzi überrascht bis zu den letzten Seiten immer wieder mit Wendungen und man hat das Gefühl, in einem Kino zu sitzen und einen Film zu sehen, vermutlich kommt da die Drehbuchautorin in ihr durch.

Ein Familiendrama wird zum Krimi. Und Rom spielt eine Hauptrolle.

 

Sehr italienisch!

(JT September 2018)

Jeder hat etwas zu verbergen

 

Im August glüht Paris vor Hitze, wer kann, flieht aus der Stadt, nur Touristen drängen sich auf dem Montmartre. Da wird im Narcisse von Moulin, genannt der Rote, die Leiche einer jungen Frau gefunden. Auf den ersten Blick scheint es sich um die kapriziöse Daphné zu handeln, Sängerin und einzige Frau in Moulins Transvestiten-Cabaret. Doch die Tote hat sich nur als Daphné verkleidet und ist eine unbekannte Frau. Moulin gerät unter Mordverdacht und beauftragt seinen Freund Quentin Belpasse, der eigentlich Jazz-Bassist ist, aber das Viertel und seine Bewohner kennt wie seine Hosentasche, mit Nachforschungen. Quentin stößt auf ein Geflecht aus Lügen und Eifersucht: Im Cabaret und diesem Viertel der abgewrackten, gescheiterten Existenzen hat jeder des bunten Völkchens etwas zu verbergen.

 

P.B. Vauvillé (das Pseudonym der Autoren Bertina Henrichs und Philippe Vauvillé) schreiben mit „Dunkle Nächte auf Montmartre“ (April 2018, Hoffmann und Campe) einen originellen Thriller im leicht verruchten Pariser Ambiente.


Der sympathische Quentin, unfreiwillig auch von seiner schrillen Mutter Rosa unterstützt, der gut mit dem ermittelnden Polizisten zusammenarbeitet, ist sich bald sicher, dass eigentlich Daphné ermordet werden sollte. Sie hat mehr Feinde als Freunde, sammelt Verehrer und spielt sie gegeneinander aus. Die Eifersüchteleien, nicht nur unter ihren Kollegen, erschweren die Ermittlungen.

Gelungen!

(JT September 2018)

Die seltsame Fahrt von Herrn Ballon mit Frau Beier

 

Denis Pfabe's erster Roman „Der Tag endet mit dem Licht“ (Aug. 2018, rowohlt Berlin) schildert die eigenartige Reise der Textilkünstlerin Frida Beier durch den Mittleren Westen der USA vor 25 Jahren. Sie war, warum auch immer, von dem berühmten Kunststar Adrian Ballon, der für ein Kunstprojekt ganze Häuser zersägen ließ, dazu eingeladen worden. Frida, damals 29 Jahre alt, hielt sich zu dieser Zeit mit Jobs über Wasser und arbeitete in einem KellerAtelier, das unerträglich nach Terpentin stank. Scherner, ein Düsseldorfer Galerist, hatte Ballon auf sie aufmerksam gemacht, da dieser eine Begleitung suchte, die sich mit Webereien, Textilien und Verdunklungsstoffen auskennt.

 

Als einzige Frau zwischen einem Haufen grober Arbeiter, die hinter ihr und dem schweigsamen Künstler, nachfuhren, und von Ballon ausgesuchte Fenster aus Häusern rausschnitten, kurvt sie in diversen Ferraris durch das Land. Als Ballon sich am Ende der Reise in einem mitternachtsblauen Ferrari erschoss, am Rand der Stadt Paradise in Texas, aus der sein Vater stammte, hielt er ein Foto von sich und Frida in Händen – wie eine Botschaft, die Frida nie verstand.
Sie beginnt nach seinem Tod, sein Tagebuch zu lesen. Und entschlüsselt langsam Ballons absurdes Werk und seine Botschaft . Warum sprach er so viel über den legendären Entführungsfall Charles F. Urschel von 1933, der ebenfalls in Paradise endete und das kriminalistische Profiling begründete? Was wollte Ballon mit seinen Aktionen mitteilen? Und Frida muss erkennen, dass sie ein Teil seines letzten, radikalen Werks war.


Der deutsche Autor erzählt von einem exzentrischen Mann, von Familie und Schuld; und von einer Frau, die die Dinge nicht begreift. Der Debütroman hat Stil und erzeugt wie manche Krimis einen interessanten Spannungsbogen. Man bleibt dran der Geschichte, weil man wissen möchte, was Adrian Ballon eigentlich antreibt.

 

Kein Buch für LiteraturAnfänger, man muss schon ein fortgeschrittener Leser sein!

(JT Aug. 2018)

Kleine grausame Geschichten

 

Die niederländische Schriftstellerin Anita Terpstra veröffentlicht nach „Anders“ mit „Die Braut“ ihren zweiten Roman bei Blanvalet (Juli 2018).

An einem heißen Sommertag in Atmore, Alabama, setzt sich Mackenzie Walker, gekleidet in ein Brautkleid, ins Auto um Matt Ayers im hiesigen Gefängnis zu heiraten. Ihr Kennenlernen liegt erst sechs Monate und ein paar Briefwechsel zurück.

Mackenzies Umfeld reagiert mit Unverständnis. Warum geht eine junge Frau die Ehe mit einem Mann ein, der angeklagt ist, mehrere Frauen entführt zu haben und deshalb in der Todeszelle sitzt? Mackenzie wird öffentlich bedroht, doch sie versucht unbeirrt, Matts Unschuld zu beweisen und damit sein Leben zu retten. Als ihr das nicht gelingt, beschließt sie, ihm bei der Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis zu helfen. Denn für sie steht viel mehr auf dem Spiel als irgendjemand ahnt – und mit dem Tod von Matt Ayers wäre für Mackenzie alles verloren.

Entwurzelte Figuren in einem schwülen Ambiente in einer rasend schnellen Erzählung. Frauen tun der Liebe wegen dumme Dinge. Oder doch nicht?

 

Karen Ellis hat unter dem Namen Kate Pepper bereits zahlreiche Thriller veröffentlicht, u.a. „5 Tage im Sommer“. In ihrem neuen Thriller „Die im Dunklen“ (Juli 2018, rororo) lässt sie Elsa Myers als FBI-Expertin für Fälle von verschwundenen Kindern und Jugendlichen ermitteln. Diese weiß aus bitterer Erfahrung, was es heißt, ein verlorenes Kind zu sein ... Sie soll nach der 18jährigen Ruby suchen, einem Mädchen aus vorgeblich behüteten Verhältnissen. Elsa passt das gar nicht in ihren privaten Kram, liegt doch ihr Vater im Sterben. Schnell wird ihr klar, dass Rubys Verschwinden mit mehreren ungelösten Fällen in Verbindung steht. Die Suche nach dem Mädchen wird zur Jagd nach einem ziemlich miesenUnbekannten, der vermutlich schon seit Jahren sein Unwesen treibt.
Irgendwo in einer einsamen Höhle im Wald starren derweilen drei Mädchen, gefesselt und geknebelt, auf einen metallenen Werkzeugkoffer ...

 

In „Perfect Girlfriend – Du weißt, du liebst mich“ (Juni 2018, Blanvalet) schildert Karen Hamilton die fehlgeleitete Liebe der Elizabeth Juliette Price zu Nate Goldsmith. Elizabeth weiß genau, was sie will und wen sie will. Blöd nur, dass Nate, ihr One-Night-Stand aus Highschool-Zeiten, sie nach der gemeinsamen Nacht auf einer Schulparty ignoriert und sie auch nach einer kurzen Liaison einfach wieder rausschmeisst aus seinem Leben. Um ihm nahe zu sein, wird sie Flugbegleiterin bei der Airline, für die er als Pilot arbeitet. Nun ist sie Juliette und hat einen Plan, wie sie Nate zurückgewinnen wird. Sie ist einfach die perfekte Freundin! Und stalkt ihren Liebsten, der den Fehler begeht, sich in Katie zu verlieben. Juliettes Liebe schlägt in Hass um. Zum Fürchten! Solche Frauen gönnt man nicht mal seinen liebsten Feinden. Böse.

 

Andreas Winkelmann ist einer der erfolgreichsten deutschen Thriller-Autoren. Im Roman „Das Haus der Mädchen“ (Juni 2018, rororo) legt er nach einem heftigen Beginn wieder geschickt falsche Spuren! Oliver beobachtet, wie eine Person in einem Transporter, einen blutigen Handabdruck an der Scheibe hinterlässt. Kurz darauf folgt der kaltblütige Mord an Oliver und der Schrecken nimmt seinen Lauf. Freddy Förster, ein Obdachloser, früher ein erfolgreicher Geschäftsmann, beobachtet das und sucht fortan den Mörder.

Dann kommt die junge Leni ins Spiel. Sie kommt nach Hamburg für ein Praktikum. Über eine Zimmervermittlung mietet sie sich in einer Villa am Kanal ein. Schnell freundet sie sich mit ihrer Zimmernachbarin an - aber die ist am nächsten Morgen spurlos verschwunden. Weil ihr das merkwürdig vorkommt, sucht sie nach ihr. Freddy trifft auf Leni. Bald begreifen die beiden, dass ihre beiden Fälle mehr miteinander zu tun haben, als ihnen lieb ist - und dass sie in großer Gefahr schweben. Gruselig und spannend!

(JT Juli 2018)

 

MiniReiseführer für die Hosentasche

 

Städtereisen sind beliebt! Aber wer will für die vielen unterschiedlichen Reisetipps schon schwere Reiseführer in den Metropolen der Welt mit sich herumschleppen?

Der Moses Verlag hat jim Juni 2018 kompakt und up to date je 50 Tipps für Städtetrips nach Paris, London, Berlin und New York (Autorin ist Esther de Beer) im kleinen Format in einer Metalldose herausgebracht.

Ob Kunst, Mode oder Essen, kulinarische Tipps, trendige Boutiquen oder unbekannte Stadtviertel - in der kleinen Geschenkdose aus Metall befinden sich die wichtigsten Places to be und sie passt in jede Hosentasche, den Rucksack oder die Handtasche.

 

London hat für jeden etwas zu bieten – von Westminster Abbey bis Key Gardens, von Tanzen im Bath House bis zum Besuch in Sambrook´s Brewery. Viele bekannte und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten der Metropole finden sich in dieser coolen Box. Neben den Hotspots der britischen Hauptstadt werden auch angesagte Boutiquen wie The Conran Shop, Cloth House oder der Camden Market vorgestellt. Die kulinarischen Höhepunkte wie der Borough Market oder Poppies runden die Reisetipps ab. 
Für New York gibt es in der Box Tipps vom Empire State Building bis Central Park, von Radfahren in Brooklyn bis zum Besuch auf Coney Island. Im Big Apple werden zum Beispiel das Food-Festival Smorgasburg oder der Chelsea Market präsentiert. 
Paris ist immer faszinierend. Von Le Marais bis Musée d’Orsay, von den Weinbergen Montmartre bis zum Besuch im La Cigale. Le Bon Marché, SoWeAre oder der Marché aux puces, das Café Suédois oder Ô Chateau locken zum Entdecken. 
In Berlin gibt es einiges zu entdecken – nicht nur die Gedächtniskirche, den Wannsee oder den Mauerpark. Bikini Berlin, Kauf Dich Glücklich oder der Flohmarkt am Boxhagener Platz werden vorgestellt, die Arminiusmarkthalle oder die besten Currywurst-Buden gilt es zu erkunden. 

 

Super sind die kleinen Metalldosen auch als nettes Mitbringsel für Weitgereiste!

(JT Juli 2018)

Der Neid ist ein Hund!

 

Die aus Graz stammenden Autorinnen Christine Grän und Hannelore Mezei haben mit „Glück in Wien“ (Jan. 2018, Ars Vivendi) einen humorvollen, mit Wiener Lokalkolorit gefärbten Krimi geschrieben.

Der Ermittler ist Chefinspektor Martin Glück, der sich - strafversetzt von Kärnten ins Wiener Polizeipräsidium – gerade fadisiert. Seine alte Wörthersee-Freundin Romana Petutschnig reisst ihn aus der beruflichen Lethargie.

Sie beerbt ihre verstorbene Cousine Sissy, eine Juwelierswitwe und reiche Hausbesitzerin im vornehmen Ersten Bezirk. Aber da sind noch andere Erben wie zum Beispiel die langjährige Haushälterin Maria Burgstaller, die aber am Weg zum Notar vor einen Zug fällt und auch tot ist. Romana äußert den Verdacht, dass bei den Sterbefällen nachgeholfen wurde.

Martin Glück heftet sich also an die Fersen seines mit Unlust ermittelnden Kollegen Leutnant „Fassl“ Faßbender, und befindet sich rasch in den abgründigen Kreisen der bitterbösen, durchaus illustren Erbschleicher.

 

Die Leichen halten Glück auf Trab – aber sind es Mordfälle oder nur Unfälle? Und dann wäre da noch Glück's Privatleben mit so Nebensächlichkeiten wie Frauengeschichten, Liebeskummer und Gummibärchen.

 

Lustiger Krimi ohne blutrünstiges Tschin-Bumm!

(JT Juli 2018)

Buongiorno!

Mein Mitmach-Sprachführer Italienisch“ (März 2018, Moments by Langenscheidt) ist ideal als Vorbereitung für eine Reise nach Italien. Er ist ein nützlicher Sprachführer und enthält Vorschläge für Entdeckungen, Begegnungen und Gespräche mit Einheimischen, mit denen man so ins Gespräch kommen kann. Für den Smalltalk gibt es den passenden Wortschatz sowie die typischen, klassischen Reisesätze, aber durchaus auch originellenere Vorschläge für Fortgeschrittene.

Den Mitmach-Sprachführer kann man auch selbst gestalten: es gibt viel Platz zum Notieren, Zeichnen, Abpausen und Einkleben. Er hat auch eine Einstecktasche für Souvenirs wie Eintrittskarten etc. und ist mit Gummiband zum Verschließen.  Die Kapitel reichen von „Souverän unterwegs“ über „Wie schmeckt Italien?“ bis hin zum „Abenteuer Alltag“.

Fazit: ein lustiger, schöner, kreativer Mitmach-Sprachführer für Italophile! A presto!                                                (JT Juni 2018)

Pünktlich wie die Sonnenuhr ...

 

... erscheint zum Start des LeseSommers "Heimliche Versuchung: Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall" von Donna Leon (Mai 2018, Diogenes). Auf die Autorin können sich die Leser verlassen. Jedes Jahr beschert sie ihren Fans einen einen Brunetti-Krimi. Der Commissario ermittelt im faszinierenden Venedig. Er kämpft sehr unterhaltsam gegen korrupte Beamte und Behörden und natürlich gegen fiese Verbrecher. Muss seinen Chef Patta immer wieder mal austricksen und was wäre er ohne Signorina Elletra?

 

Das neue Buch spielt im November in Venedig. Wenige Touristen stören die friedliche Idylle der Lagunenstadt. Brunettis Alltag verläuft geruhsam, bis Professoressa Crosera, eine Kollegin seiner Frau Paola, in der Questura erscheint. Der Commissario soll die Privatschule ihres Sohnes observieren, weil dort angeblich mit Drogen gehandelt wird. Brunetti glaubt zunächst, sie mache sich unnötig Sorgen um ihre Familie.Wenig später wird aber ihr Mann bewusstlos aufgefunden und im Koma ins Krankenhaus eingeliefert. Ein Zusammenhang mit der Drogenszene erscheint jetzt doch naheliegend, obwohl konkrete Anhaltspunkte fehlen. Der Commissario stößt auf so manche Betrügereien, ja sogar auf ein Leck in der Questura. Doch so einfach ist es nicht. Die Wege des Verbrechens sind so verschlungen wie die Calli von Venedig. Der Fall wird für Brunetti zur persönlichen Herausforderung, denn sein Gerechtigkeitssinn lässt ihm keine Ruhe, trotz fehlender Fakten.

(JT Mai 2018)

Wer ist die Katze, wer die Maus?

 

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen gelingt mit „The Wife between us – Wer ist sie wirklich?“ (Mai 2018, rowohlt Polaris) ein grandioser Beziehungsroman, der einem superspannenden Krimi ähnelt. Die Geschichte, die in New York City spielt, wird aus mehreren Perspektiven erzählt und hat so manche Wendungen und Überraschungen parat, die umwerfend sind. Das raffinierte, rasant geschriebene Buch ist ein PageTurner. Man kann einfach nicht aufhören zu lesen ob all der klugen, schockierenden, beängstigenden Ereignisse!

 

Dreh- und Angelpunkt der Story ist Richard, ein Traummann, ein Ritter auf dem weißen Pferd sozusagen. Attraktiv, charismatisch, reich, großzügig. Er ist Waise und hängt sehr an seiner Schwester, die sich um seine Erziehung gekümmert hat. Aber etwas stimmt nicht mit ihm. Seine Ex-Frau Vanessa kann seinen Traummann-Status nicht mehr unterschreiben, sie ist seit der Scheidung ein Wrack, das bei ihrer Tante Charlotte lebt, bei Saks als Verkäuferin arbeiten muss, zu viel trinkt, psychisch völlig instabil ist und besessen von dem Gedanken, ihre Nachfolgerin vor einer Heirat mit Richard beschützen zu müssen.

Dann ist da Nellie, eine junge Frau aus Florida, mit so manch dunklem Geheimnis, die ihr Glück nicht fassen kann, dass Richard sie heiraten will. Sie liebt alles an ihm und weist so manchen Hinweis von Freunden und Familie zurück, dass da etwas nicht ganz okay mit ihm sein könnte. Und schließlich gibt es noch Emma.

 

Es wäre hier nicht klug, weitere Inhalte oder Twists zu enthüllen!

Das Buch ist ein Meisterwerk an Spannung und rittert sicher mit um den Titel „Buch des Jahres“!

(JT Mai 2018)

My favourite Books V

 

Die Welt der Bücher habe ich früh für mich entdeckt.

Lesen lässt mich dem stressigen Alltag entfliehen und entführt mich in eine Welt voller Fantastereien.

Lesen machte und macht mir immer Freude.

 

Ich hoffe, meine Tipps und Lieblingsbücher schaffen auch für Sie

Freiräume zum Träumen.

Herzlichst,

Ihr Bücherwurm

Lilly Tampier

Illustration by Edward Runci

Nach dem Tod seines Vaters, eines besessenen Spielers, der das Familienvermögen durchgebracht hat, ist Philip Wardmann Familienoberhaupt und wohnt, zusammen mit seinen beiden Schwestern, noch immer zu Hause bei seiner Mutter Christine. Dann lernt Philip bei der Hochzeit seiner Schwester Fee Senta Pelham, eine der fünf Brautjungfern, kennen. Senta, eine Kindfrau mit fast farblosen Augen, strahlt eine unerklärliche Faszination aus, und Philip kann es nicht fassen, dass sie ausgerechnet ihn mag. Immer tiefer gerät er in den unheimlichen Bann seiner Geliebten, bis er von dieser Beziehung verschlungen zu werden droht. Die fatale Liebe auf den ersten Blick zwischen Erotik und Dämonie gleitet ab. Denn Senta verlangt von Philip einen ganz besonderen Beweis seiner Liebe – einen Mord. Aber Philip hasst nichts so sehr wie Gewalt. Die Brautjungfer von Ruth Rendell lässt die Leser nicht kalt und macht Angst in bester Qualität!

 

Herzog Leto, Oberhaupt des Hauses Atreides, erhält Arrakis zum Lehen, den Wüstenplaneten, eine lebensfeindliche und doch sehr begehrte Welt, denn unter dem Sand liegt das Gewürz Melange, eine Droge, die den Menschen die Gabe verleiht, in die Zukunft zu sehen. Damit ist Arrakis heiß umkämpft, bildet die Droge doch die Grundlage der interstellaren Raumfahrt. Als Letos Armee in einen tödlichen Hinterhalt der Harkonnen gerät und der Herzog im Kampf fällt, flieht sein Sohn Paul Artreides in die Wüste und taucht bei Arrakis‘ Ureinwohnern, den Fremen, unter. Diese erkennen in ihm den lange vorhergesagten Messias, und Paul rüstet sich zu einem gnadenlosen Rachefeldzug. Der Science-Fiction-Roman Der Wüstenplanet von Frank Herbert erzählt eine komplexe und kunstvolle Geschichte eines verstrickten Machtkampfes - nicht nur über die Kontrolle über Melange. Science Fiction at its best!

 

Kristin Lavranstochter von Sigrid Undset, die 1928 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ist ein bewegender Roman über ein Frauenschicksal im mittelalterlichen Norwegen. Kristin ist dieTochter eines wohlhabenden und angesehenen Bauern und lebt die Ideale ihrer Zeit, d.h. sie hat eine starke Bindung zur Familie und die angstbestimmte christliche Frömmigkeit. Sie nimmt es deshalb hin, dass ihr Vater sie mit Simon Darre verheiraten will. Um Kristin herum wachsen die Spannungen - Neid, Gewalt, Rachsucht bestimmen das Leben. Nachdem sie knapp einer Vergewaltigung entgeht, sucht sie in einem Kloster Schutz bis zu ihrer Hochzeit. Ausgerechnet hier findet sie die Liebe ihres Lebens, den Ritter Erlend Nikulaussonn. Es gelingt ihr, Simon zu einem Verzicht auf ihr Eheversprechen zu bewegen und ihren Vater Lavrans zu überreden, in die Ehe mit Erlend einzuwilligen. Doch Kristin trägt den Brautkranz mit schlechtem Gewissen: Sie ist zum Zeitpunkt der Hochzeit bereits schwanger. Erlend verstrickt sich in politische Machtkämpfe und gerät wegen Landesverrats in Gefangenschaft. Durch den Einfluss Simons, der noch immer zu Kristin hält, kommt er wieder frei, verliert jedoch sein gesamtes Vermögen. Kristin findet sich mit dem sozialen Abstieg schnell zurecht, Erlend dagegen vernachlässigt Hof und Familie, überwirft sich schließlich mit Kristin und verlässt sie. Als Kristin erneut von ihm schwanger wird, geht das Gerücht um, sie habe ein außereheliches Verhältnis. Erlend kommt ums Leben, als er seiner Frau im Streit gegen ihre Verleumder beistehen will. Die Witwe erfüllt sich schließlich ihren Jugendtraum und geht ins Kloster. Hier stirbt sie nach einigen Jahren während einer Pestepidemie. Das Streben einer Frau im Mittelalter nach Selbstbestimmung erscheint gerade heute wieder sehr modern.


Mit sprachlicher Brillanz und psychologischem Raffinement lotet Michael Köhlmeier in seinem Buch
Dein Zimmer für mich allein die abgründigen Spielarten menschlicher Beziehungen aus. Ein namenloser Mann in einem fremden Land versäumt seinen Zug, den er an einer Station nur kurz verlassen hat. Ohne Sprachkenntnisse, ohne Papiere und Gepäck, quasi mittellos macht er sich auf die Suche nach einem Unterschlupf für die Nacht und richtet sich notdürftig in einem Raum eines halbfertigen Wohnblocks ein. Als er durch Zufall an den Schlüssel zur Wohnung einer jungen Frau im selben Haus gerät, schleicht er sich von nun an tagsüber dort ein. Er ißt von ihren Lebensmitteln, wäscht dort seine Wäsche, liest ihre Bücher. Eines Tages vergißt er ein Hemd in der Wohnung der Frau: doch bedeutet dies wider Erwarten nicht das Ende der heimlichen Mitbewohnerschaft. Der Leser wird zum Voyeur.

 

Von einem Moment auf den anderen verliert die Hauptperson von Fredrik Skagens spannendem Roman Schwarz vor Augen in einem Pub, als er auf seine Frau wartet, sein Gedächtnis und jede Erinnerung an seinen Namen, seine Vergangenheit, seine Familie, seine Freunde. Nur die schlimme Ahnung eines schrecklichen Ereignisses ist ihm geblieben, eine unklare Vision eines Verbrechens. Währenddessen versucht Linda Blix aufgeregt, ihren Mann Steinar zu finden, der offensichtlich nach einem Nervenzusammenbruch orientierungslos in London herumirrt. Das norwegische Ehepaar hat schlimme Zeiten hinter sich, denn Steinar wurde beschuldigt, seine Geliebte umgebracht zu haben, weil sie vorgab, ein Kind von ihm zu erwarten. Trotz seines Freispruchs vor Gericht verfolgen ihn die Medien weiterhin als Täter.Natürlich zweifelt auch Linda an ihm. Für Steinar, der sich als Gordon eine Existenz aufzubauen versucht, wird die Suche nach seiner Vergangenheit und seiner Erinnerung zur verzweifelten Suche nach dem wirklichen Täter und dem Beweis für seine Unschuld. Die Story hat unglaubliche Spannungsbögen bis zum überraschend logischen Schluss, weiß der Leser auch nicht mehr als der Mann mit Gedächtnisverlust. Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann.

Agoraphobie - Gefesselt im Kopf

 

A.J. Finn beschreibt mit seinem Roman „The Woman in the Window – Was hat sie wirklich gesehen?“ (März 2018, blanvalet) den Alptraum der Anna Fox.

Anna, eine Kinderpsychologin, lebt allein in einem großen Haus in New York. Untermieter David versorgt sie mit dem täglichen Notwendigem. Sie kann nach einem traumatischen Erlebnis ihre vier Wände nicht mehr verlassen und verbringt ihre Tage damit, mit Fremden online zu chatten, andere Agoraphobiker in einem Online-Forum zu beraten, trinkt viel zu viel Alkohol, schaut alte Schwarzweißfilme, spielt Schach am Computer – und beobachtet und fotografiert ihre Nachbarn durchs Fenster. Mehr oder minder ist sie von den vielen Medikamenten gegen ihre Depressionen und Panikattacken und dem Merlot dauernd zugedröhnt.

 

Eines Tages ziehen die Russels ins Haus gegenüber ein – Vater Alistair, Mutter Jane und Sohn Ethan. Bei dem Anblick vermisst Anna mehr denn je ihr früheres Leben mit Mann Ed und Tochter Olivia, mit denen sie zwar telefonischen Kontakt hat, die aber nicht mehr mit ihr leben. Ethan und Jane Russel besuchen sie. Anna verbringt schöne Stunden mit ihnen. Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen MesserÜberfalls auf Jane und wählt den Notruf. Sie will helfen. Doch sie traut sich nach wie vor in ihrer Panik nicht, das Haus zu verlassen und fällt in Ohnmacht. Als sie erwacht, will ihr niemand glauben, denn angeblich ist nichts passiert. Hat ihr ihre Fantasie einen Streich gespielt? Alistair behauptet, seine Frau wäre gar nicht da und präsentiert eine „neue“ Jane, die Anna klar macht, dass sie sie in Ruhe lassen soll.

 

Der Leser kennt nur die Perspektive der psychisch desolaten Anna und weiß nicht, was er glauben soll. Das Debut ist Finn wahrlich gelungen!

(JT Mai 2018)

Hommage an die Stadt aller Städte

 

Roz Chast's „Ein Liebesbrief an News York“ (April 2018, rowohlt) ist kein Reiseführer für New-York-Besucher im klassischen Sinne, kein Geschichtsbuch und kein Großstadtmemoir. Das Buch ist die Liebeserklärung einer Autorin und Cartoonistin an ihre Stadt, die sie mit uns teilt. Chast zeigt einfach, wie diese crazy City tickt.


Aber eigentlich ist es auch ein Reiseführer, aber keiner, der vorstellt, was gerade „hot in town“ ist, sondern wie man mit offenen Augen abseits der spektakulären Sehenswürdigkeiten die Metropole erleben kann.

Chast hat sich ihr vielfach genähert, schon damals, als sie, wie auf dem Titelfoto zu sehen ist, mit ihrer Mama auf die Subway gewartet hat um in die Stadt zu fahren. "Going Into Town" heißt das Buch auch im Original.
Es ist das erste Buch über New York, in dem die Freiheitsstatue keine Rolle spielt.

Der Leser bekommt quasi einen Schlüssel zu faszinierendsten Metropole der Welt zum praktischen Verständnis von NY.

 

Der Big Apple in Text und Bild für Anfänger und Kenner, zum Einlesen vor einer Reise, zum Verschenken, zur ReiseNachlese.

(JT Mai 2018)

 Ein perfekter Tag in Paris

 

Auch wenn Sie glauben, Paris bereits wirklich gut zu kennen, sollten Sie unbedingt das Büchlein „Paris“ von Stefan Ulrich aus der Serie Lieblingsorte lesen (Mai 2018, Insel). Der Autor führt Sie zu Orten, die Sie vielleicht noch nicht kennen, weil sie so versteckt sind, die aber sicher zu Ihren Lieblinsplätzen in der Stadt der Liebe werden.

 

Wie könnte also ein perfekter Tag in Paris aussehen? Der Duft von frischen Butter-Croissants lockt Sie aus Ihrem Hotel hinaus auf die Straße. Nach einem Frühstück bei Café au lait und Orangensaft in einem der gemütlichen Cafés schlendern Sie in der Morgensonne hinüber zur Île de la Cité, vorbei an den Strebebögen des Chors von Notre-Dame. Sie besteigen den Batobus, einen Wasserbus, und drehen eine Runde auf der Seine bis zum Musée d'Orsay mit seinen Renoirs und Monets. Die Impressionen lassen Sie bei Meeresfrüchten und einem Glas Sancerre in der Austern-Bar Huitrerie Régis nachwirken.

Am Nachmittag machen Sie einen Bummel vom Pont Neuf zum Montmartre. Und den Abend genießen Sie auf einem der Konzertboote im Osten der Stadt, wo das junge Paris bei Techno-Musik feiert – aber auch Chanson-Liebhaber auf ihre Kosten kommen.

Zu den großen Vergnügungen gehört eine Tätigkeit, die die Pariser mit „faire du lèche-vitrines“ beschreiben. Ein Schaufensterbummel also um sich an den schönsten, meist unerschwinglichen Dingen zu ergötzen. Paris ist die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, diese Passion auszuleben. Oder man verschafft sich einen Einblick in die Welt der Wohlgerüche in den Parfum-Museen nach dem Motto „Immer der Nase nach“.

 

Ach Paris, du schöne Stadt, wir besuchen dich ganz bald!

(JT Mai 2018)

Grill den Mann

 

Der mediale Hype rund um Naomi Alderman's Roman „Die Gabe“ (Feb. 2018, Heyne) macht neugierig. Sind doch Feministinnen wie Margaret Atwood und Emma Watson beeindruckt und hat sich Barack Obama als Fan des Buches geoutet.

 

Worum geht es: plötzlich haben Mädchen und Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam und auf schmerzvolle Weise verändert. Männer leben in ständiger Gefahr, verletzt oder sogar getötet zu werden. Auf einmal sind sie nichts mehr wert, werden erniedrigt und müssen sich fürchten.

Die Autorin zeigt anhand verschiedener Perspektiven, wie sich diese Gabe auf die Gesellschaft in den unterschiedlichen Ländern auswirkt. Aus der Sicht von vier Charakteren wird das Geschehen beschrieben – Allie, ein Waisenkind, die skrupellose Roxy,Tochter eines Mafiosos, Jocelyn, die Tochter von Bürgermeisterin Margot und Tunde, der einzige Mann, der zu Wort kommt und ziemlich mutig ist, erzählen von der durchaus gruseligen Vorstellung einer mehr als gewalttätigen Welt, in der sich die Machtverhältnisse drastisch verschieben.

 

Für die Idee zum Buch muss man eine 1 vergeben, aber für die Umsetzung eine 5.

Die Geschichte ist ärgerlich zäh, die Protagonisten bleiben durch Alderman's kalten Schreibstil eher unsympathisch, als Leser bleibt man distanziert, wenn auch befangen vom Geschehen.


Gelesen sollte der Roman schon werden, speziell von Männern, damit sie erkennen, was sie heute tun, sprich an Frauen ihre Macht auslassen.

Ein Denkanstoß!

(JT April 2018)

 

Babylon ermittelt

Schlüssel 17 " (Feb. 2018, Ullstein TB) ist der neue Thriller von Marc Raabe. Erstmals lässt erTom Babylon und die Psychologin Sita Johanns ermitteln. Sie fahnden nach dem Mörder der Berliner Dompfarrerin Dr. Brigitte Ries, die wie ein schwarzer Engel an Seilen im Dom aufgehängt wurde.

Tom Babylon sucht seit Jahren nach seiner kleinen Schwester Viola. Viola hatte an dem Tag vor ca. 20 Jahren, an dem sie verschwand, einen Schlüssel mit der Nummer 17 bei sich. Obwohl man ihm damals eine Leiche gezeigt hat, glaubt er nicht an ihren Tod. Als er den grotesk drapierten Körper von Ries in der Kuppel des Berliner Doms sieht, fällt ihm sofort der um den Hals liegende Schlüssel mit der Nummer 17 auf. Aber wo ist die Verbindung und hat es etwas mit dem Verschwinden seiner Schwester zu tun ? Es bleibt auch nicht bei einem Mord und alle Opfer haben so einen Schlüssel bei sich. Babylon verstrickt sich immer mehr in den Fall, zum Unwillen von Sita Johanns, die glaubt, er hätte etwas zu verbergen.

Die Spannung ist hoch und Raabe verbirgt geschickt Mörder und Motiv.

(JT März 2018)

Auf den Weiten des Meeres

 

Ian McGuire schreibt mit „Nordwasser“ (Feb. 2018, mare Verlag) einen unglaublichen, kriminellen Abenteuerroman, der im 19. Jahrhundert spielt und sich um Walfänger dreht, die von Nordengland nach Grönland schippern. Die Einsamkeit des Nordpolarmeers bildet die Kulisse für den dramatischen Roman um Gut und Böse.

 

Lässt man sich auf die historische Mischung ein, dann ergeben sich ganz von alleine die Stichworte: düster, fesselnd, eindringlich, kalt, brutal, grausam, wuchtig, finster, schockierend. Der Leser berührt menschliche Abgründe und ist in der Handlung rettungslos gefangen. Zartbesaitete muss man warnen. Es stinkt förmlich im Buch nach Fusel, Schweiß, Blut und gut gefüllten Nachttöpfen! Wer sich aber mit der Volunteer auf See begibt, wird belohnt mit einer extremen und mitreißenden Handlung.

 

Henry Drax kennt kein Gewissen. Er ist Harpunierer auf der Volunteer, ein Vergewaltiger und Mörder noch dazu. Ebenfalls an Bord ist Patrick Sumner, ein Arzt von zweifelhaftem Ruf, der glaubt, schon alles gesehen zu haben. Alles dreht sich um den Konflikt zwischen den beiden Männern. Der Sinn der verhängnisvollen Expedition wird zunehmend klar.

Schrecklich erschütternd und schrecklich faszinierend.

(JT März 2018)

 

Abgängig

 

Claudia Rossbacher schreibt saugute kriminelle Literatur. Ihr neues Werk „Steirerquell“ (Feb. 2018, Gmeiner-Verlag) lässt LKA-Ermittlerin Sandra Mohr um ihre beste Freundin Andrea zittern.

 

Sandra und ihr vorgesetzter Kollege, Sascha Bergmann, sind zu einer Hochzeit ihrer Arbeitskollegen eingeladen, da erhält sie eine Handy-Nachricht von einer panisch um Hilfe flehenden Andrea, die das Wochenende in einem Wellness-Hotel im Thermenland verbringen wollte. Als in der Nähe von Andreas Heimatortes eine verkohlte Frauenleiche in den Überresten eines ausgebrannten, abgelegenen Stalles und nicht weit davon ihr Auto gefunden wird, befürchtet Sandra das Schlimmste. Obwohl: den stark tätowierten Rücken des Opfers bringt Sandra nicht mit Andrea in Verbindung.

 

Andrea hat eine Vorliebe für verheiratete Männer und führt einen lockeren Lebenswandel. Scheinbar war sie mit einem Zahnarzt zum Wellnessen, aber hat der auch etwas mit ihrem Verschwinden zu tun?

 

Die Autorin lässt die Leser die Angst von Sandra wahrhaft spüren und hält den Täter gut geheim. Steirisches Lokalkolorit mit Dorfgetratsche und zerstrittenen Nachbarn sorgt für das gewisse Schmunzeln.

(JT März 2018)

 

Unmoralische Machenschaften

 

Jesper Stein schickt in „Aisha“ (Jan. 2018, KiWi Taschenbuch) seinen Kommissar Axel Steen nach einer krankheitsbedingten Pause wieder zum Ermitteln in einem neuen Fall, seinem vierten bisher. Steen ist ein kaputter Typ, psychisch instabil, mit einem Fuß immer am Rande des Wahnsinns, aber er ist auch ein furchtloser, sehr analytisch arbeitender Ermittler.

 

Ein ehemaliger Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET, Sten Hoeck, wird brutal ermordet aufgefunden, und schon bald gibt es einen weiteren toten Ex-Kollegen. Axel stößt auf einen Anti-Terror-Einsatz des PET vor einigen Jahren, der strengster Geheimhaltung unterlag. An diesem Einsatz waren seinerzeit nicht nur die beiden Mord-Opfer, sondern auch Steens Freundin Henriette und sein Rivale Jens Jessen beteiligt. Und es erscheint immer der Name des Mädchens Aisha auf – was hat sie damit zu tun?
Neben den Ermittlungen, bei denen Steen in die Machenschaften des Mörders hineingezogen wird, stehen auch sein persönliches Leben und seine Tochter Emma im Mittelpunkt der Handlung.
Wer der Täter ist, weiß der Leser bis zum Schluss, der einen Knalleffekt bringt, nicht, das macht es spannend. Das Puzzle aus Gegenwart und Vergangenheit mit überraschenden Wendungen ist dramatisch und ziemlich nervenaufreibend.

(JT März 2018)

 

Irrungen und Wirrungen

 

Die Savage Lane in Bedford Hills, einem Vorort von New York, beherbergt jede Menge Psychopathen hinter den gepflegten Fassaden. Fremdgeher, Mörder, Schwule, Intriganten versuchen, ihre Leichen, die sie im Keller haben, zu verbergen. Jason Starr schreibt mit „Phantasien“ (Sep. 2015, Diogenes) eine böse Story.

 

Mark Berman, seit zwanzig Jahren mit der eifersüchtigen Deb verheiratet, die selbst so manches Geheimnis verbirgt, träumt von seiner sexy Nachbarin Karen. Das gibt Sex and Crime mit tödlichem Ausgang.

Starr lässt einen allwissenden Erzähler berichten und als Leser erfährt man mit mehr oder weniger Spaß, weil manchmal ein wenig langweilig, von den Abgründen, die sich hinter den Vorgärten verstecken. Da ist so mancher Protagonist nur dauergeil oder schlichtweg einfach verrückt.

 

Die amerikanische Suburbia par excellence!

(JT März 2018)

 

Wut

 

In Hamburg ereignen sich unerklärliche Mordfälle. Ein Chirurg stößt einem Patienten während einer OP ein Skalpell ins Herz, einem Mann wird auf offener Straße der Kopf mit einem Baseballschläger zertrümmert und ein Mensch wird absichtlich überfahren. Die Täter kennen die Opfer nicht persönlich, fühlten sich aber im Internet von ihnen gedemütigt und provoziert. Sie waren deshalb unermesslich wütend.

 

Ursula Poznanski und Arno Strobel lassen in „Invisible“ (März 2018, Wunderlich) die Kriminalkommissare Nina Salomon und Daniel Buchholz das Rätsel lösen. Wurden die Täter manipuliert, wenn ja, von wem und vor allem, wie? Was Salomon und Buchholz schließlich aufdecken, wirft ein ganz neues Licht auf die Dinge, die unser Leben bequem machen.

 

Salomon und Buchholz – die Teamarbeit funktioniert nicht friktionsfrei - treten abwechselnd als Ich-Erzähler auf und berichten aus ihren Perspektiven über den komplexen Fall. Die Motivsuche ist schwierig. Es gibt kein verbindendes Element zwischen Opfern und Tätern. Es besteht der Verdacht, dass die Täter nur ein Werkzeug des wahren Mörders sind. Mit Hilfe eines Mentalisten überlegt man, wer sich eigentlich als Objekt von Manipulationen eignet, so dass man von einem unbescholtenen Menschen zum Mörder mutiert. Theorien werden aufgestellt und wieder verworfen.


Den beiden Autoren gelingt mit flüssigem Stil ein spannender, brandaktueller Krimi rund um einen Kriminellen, der selbst gar kein Blut vergießen muss um größtmöglichen Schaden anzurichten.

(JT März 2018) 

 

Faszinierend, schillernd, tödlich – Berlin in den goldenen 1920iger Jahren

 

Kerstin Ehmer schreibt mit „Der weiße Affe“ (Sep. 2017, Pendragon) ihren ersten Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Plot und einer schillernden Schilderung des brodelnden Berlins zwischen den Weltkriegen in der Weimarer Republik, wo der Bär steppte in einer sexuell offenen Szene und Antisemitismus sowie das aufkommende Nazitum schon zu spüren waren.

 

Ariel Spiro, ein junger Kommissar aus der Provinz mit eigenwilligen Ermittlungsweisen, ist eigentlich noch gar nicht richtig in Berlin angekommen, als er seinen ersten Fall mit seinem Partner Bohlke bearbeiten muss.

Ein jüdischer Bankier wird im Hausflur seiner Geliebten erschlagen. Alles deutet auf ein politisches Motiv hin. Spiro kommt mit der exzentrischen Familie des Toten in Kontakt, speziell mit dem Sohn des Bankiers und gerät in den Sog der Metropole mit ihrem rauschenden Nacht­leben. Er ermittelt in zwielichtigen Etablissements, er raucht, er trinkt, er wird beklaut, taucht in die Homosexuellenszene ein und wird daraufhin für schwul gehalten. Als er sich in die Tochter des Toten verliebt, muss Spiro aufpassen, dass ihm der Fall nicht entgleitet.

Da wo Licht ist, im Flair der Goldenen Zwanziger in Berlin, gibt es auch viele Schatten!

(JT März 2018)

Schräg, skurril, Suchanek!

 

Rainer Nikowitz und sein AntiHeld Suchanek sind ein wahnwitziges Gespann! Auch im 3. Band der Suchanek-Romane geht es für den Protagonisten wieder drunter und drüber. In „Altenteil“ (Dez. 2017, Rowohlt Taschenbuch Verlag) herrscht ein heilloses Chaos, bei dem der Leser Tränen lacht, bis das Lachen dann irgendwann vor Schaudern im Hals erstirbt – vielleicht weil man bemerkt, dass man, außer man stirbt jung, auch einmal alt werden wird ...

 

Der Suchanek hat, weil schon wieder im Drogensumpf, Sozialstunden in einem Altersheim aufgebrummt bekommen. Man braucht schon einen guten Magen zwischen all der Pisse der alten Schwachköpfe und den Menschen, die sterben wie die Fliegen. Suchanek will den Monat mit Nachmittagsbingo, Schnabeltasse und Erwachsenenwindel schnell hinter sich bringen, aber siehe da, schon ist er mitten in einem Kriminalfall. In einem Altersheim, wo doch sowieso alle von selber sterben!

 

Wie gehabt mit großem Sprachwitz schreibt Nikowitz eine morbide Satire, unglaublich böse bis zum Ende, aber sehr vergnüglich.
Der Totentanz im Altersheim ist ein Fest für Leser, die schwarzen Humor lieben!

(JT März 2018)

Sie war Opernsängerin, nicht RapStar …

 

trotzdem ist sie tot. Jemand hat Kyra Callahan in ihrer eigenen Wohnung im idyllischen Stadtviertel von Belsize Park ermordet. Welche Geheimnisse hatte sie?

"Tödlicher als Hass" (Sep. 2017, Edition Tingeltangel) von Kris B. (ein Pseudonym für Christine Spindler) ist der vierte Fall des schwulen Ermittlers Frederick London, genannt Rick, den man aber unabhängig von den anderen Bänden lesen kann.


Gelingt es Rick mit seiner ungewöhnlichen Art der Ermittlung – er macht viel aus dem Bauch heraus - Dinge ans Tageslicht zu bringen, die nur engste Vertraute von Kyra wussten? Er ist nicht der Meinung seiner Kollegen, dass die Lösung auf der Hand liegt und sucht gemeinsam mit dem Ehemann der Künstlerin den wahren Täter. Als ihm der Fall entzogen wird, gerät Rick, der selbst einen Hang zur Musik und zur Kunst hat, aus dem Gleichgewicht.

Kris B. hat einen verstörenden Fall geschrieben, der ihren Protagonisten Rick ganz schön aus der Bahn wirft. Gut zu lesen, wenn auch ohne einen knalligen Überraschungseffekt.

(JT März 2018)

Sich selbst zu lieben, ist eine große Kunst

 

Isabella Maria Kern ist uns schon mit ihrem Roman „Li“ zum Thema Zwangsprostitution positiv aufgefallen. In „Augustine -– In den Schuhen der anderen“ (August 2017, Iatros) beschäftigt sich die Autorin mit der Selbstliebe, dem SelbstwertGefühl.

Dabei geht es um die irreale Geschichte einer Frau, die mit Hilfe einer besonderen Gabe in die Körper anderer Frauen schlüpft um leidenschaftlichen Sex zu haben und sich wenigstens für kurze Zeit der Illusion hinzugeben, geliebt zu werden. Sie hat keinen Bezug zu ihrem persönlichen Wert und sieht sich nur in fremden Körpern als vollkommen an. Crazy!

 

Viele Menschen haben ein mehr als verzerrtes Bild von sich selbst. Entweder glauben sie, dass sie fantastisch und attraktiv sind – oder eben auch nicht. Daher tragen sie eine Maske. So auch Augustine, die nicht glaubt, ihrer selbst willen geliebt werden zu können. Als sie sich schließlich ernsthaft in Dominik verliebt, zwingt sie die Angst, nicht sexy genug zu sein, immer wieder in den Körper einer anderen zu schlüpfen, in die sich dann ihr Angebeteter verliebt.
Augustine ist ein skrupelloser, rücksichtsloser Charakter, agiert immer krasser und versinkt völlig in einer Bösartigkeit, die Gänsehaut hervorruft. Es läuft alles aus dem Ruder!

 

Nur eine Fiktion! Möge es dabei bleiben.

(JT März 2018)

Böse

 

Den meisten ist das Sinnbild der drei Affen bekannt: Nichts Böses sagen, nichts Böses sehen, nichts Böses hören. Der oft vergessene vierte Affe aber ermahnt: Tue nichts Böses!

 

Wer dieser Regel zuwider handelt, wird vom Fourth Monkey Killer bestraft. Bereits seit fünf Jahren terrorisiert er die Einwohner Chicagos und führt die Polizei und den Ermittler Detektive Sam Porter an der Nase herum.

Der berühmt-berüchtigte Fourth Monkey Killer entführt junge Frauen, schickt erst ein Ohr, dann die Augen und zum Schluss ihre Zunge, bevor das Opfer tot aufgefunden wird.

Als bei einem Verkehrsunfall ein Toter als der lang gesuchte Serienmörder identifiziert wird, weil er ein verdächtiges Päckchen mit einem abgeschnittenen Ohr mit sich trägt, scheint der Schrecken endlich beendet. Doch Porter ist nicht überrascht, als ganz in der Nähe ein Hinweis auf ein letztes Opfer des Killers gefunden wird, hat er doch seine Abgründe genau studiert.

 

J.D. Barker's Debüt „The Fourth Monkey – Geboren, um zu töten“ (Dez. 2017, blanvalet) ist hochspannend, aber nichts für zartbesaitete Nerven! Man muss schon ein gestandener KrimiLeser sein! Der Autor erzählt in Kapiteln mit der Überschrift „Tagebuch“ auch die Geschichte des Killers, wie er wurde, was er ist, ein Folterer und Mörder.

 

Zerrt an den Nerven!

(JT Feb. 2018)

Das große Finale

Endlich gibt es die deutsche Ausgabe von Band 4 der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ (Feb. 2018, Suhrkamp). Die beiden Freundinnen und auch Rivalinnen, die intellektuelle Lenu und die hinterlistige Lila, müssen sich wieder der grausamen Welt des verbrecherischen Neapels stellen, einer Welt der Männer, die ihr ganzes Leben bestimmt haben.

Wer nun glaubt, dass die WortKünstlerin Ferrante mit ihren Büchern eine „leichte“ Kost nur für Mädchen und Frauen geschrieben hat, der täuscht sich gewaltig. Als Leser muss man dranbleiben – auch bei manchmal durchaus langatmigen Abschnitten - und erlebt eine wuchtige, faszinierende, nicht unkomplizierte Aufklärung über das chauvinistische Italien anhand des Lebensdramas zweier Frauen. Hier wird nichts beschönigt, Freundschaft wird auch als Konkurrenz gezeigt, Armut und Brutalität sind dargestellt, wie sie sind, drastisch.

Der letzte Teil der Saga spielt zwischen 1979 und 2010 und ist düster und traurig. Lenus Traum, endlich mit Nino zusammen zu sein, der einst auch Lilas Geliebter war, scheint sich zu erfüllen. Im dritten Band lässt sie ihren Mann Pietro und die beiden Töchter sitzen um mit Nino durchzubrennen. Aber die Beziehung zu ihm nimmt eine unerwartete Wendung. Er betrügt alle, aber das ist von ihm auch zu erwarten gewesen. Das Auf und Ab zwischen Lila und Lenu geht weiter. Ob sie wohl zu ihrer gegenseitigen Zuneigung zurückfinden können? Die Leben der beiden Frauen könnten nämlich unterschiedlicher nicht sein. Man spürt auch, welchen Einfluss der Rione, Lenus neue alte Heimat, auf sie hat. Noch immer ist es ein Ort der Gewalt, eine Welt, die ihr fremd geworden ist. Lila, die den Rione nie verlassen hat, ist jedoch noch immer ein Teil davon. 

Wie wird das Ende sein: glücklich oder ein großer Zusammenbruch? Wir werden es nicht verraten!

(JT Feb. 2018)

FliegenMonster

Arno Strobel's neuer Thriller „Kalte Angst – Im Kopf des Mörders“ (Jan. 2018, Fischer Taschenbuch) hat es wieder in sich! Wo nimmt dieser Autor bloß immer seine absurden, angstmachenden Ideen her?

Oberkommissar Max Bischoff und sein Partner Horst Böhmer jagen in Düsseldorf eine Fliege. Sprich: scheinbar wahllos dringt ein Unbekannter, der sein Gesicht unter einer Fliegenmaske verbirgt, nachts in Wohnungen und Häuser ein. Er überwältigt die Bewohner und lässt jedes Mal nur einen Überlebenden zurück. Und eine Botschaft: „Erzähl es den anderen“. Spuren gibt es keine. Der Fliegenmaskenmensch, dessen Maskierung täuschend echt aussieht, spricht mit einer seltsam metallischen Stimme, die den Überfallenen einen Schauer über den Rücken jagt.

Zusätzlich kompliziert wird der Fall, als der Leiter der Klinik für Forensische Psychiatrie in Langenfeld anruft und der Polizei mitteilt, dass er wichtige Informationen zu diesem Fall hat. Siegfried Fissmann, einer der Patienten dort und selbst ein verurteilter Mörder, sagt diese Morde genau voraus. Bischoff bleibt nichts anderes übrig, als sich auf Fissmann einzulassen, wenn er verhindern will, dass noch weitere Menschen sterben. Auch wenn das bedeutet, dass Max selbst an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit gerät und er wieder tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken muss. Die Gespräche und Verhandlungen mit dem Psychopathen, der in seiner versponnenen Welt lebt, sind zäh, will er doch auch nur kooperieren, wenn er freigelassen wird.

Belastet ist Max auch noch durch einen fiesen Stalker, der seine Schwester belästigt, die im Rollstuhl sitzt und damit ziemlich wehrlos ist.

Wie immer bei Strobel hat der Krimi eine starke psychologische Komponente und ist brutal und blutig. Die ziemlich verzweifelte und unter Druck stehende Soko Fliege hat nicht viel Zeit um weitere Morde zu verhindern.


Der Just Tampier Tipp: lesen Sie zunächst den ersten Teil der Max Bischoff Serie, „Tiefe Narbe“, dann versteht man die emotionale Schieflage von Max ein bisschen besser.

Und jetzt greifen Sie zur Fliegenklatsche!

(JT Feb. 2018)

 

Mit diesen Puppen will keiner spielen ...

In New York wurde ein Toter an der Brooklyn Bridge aufgehängt, das Wort „Köder“ tief in seine Brust geritzt. Das lässt nur einen Schluss zu: Ein Killer kopiert den berühmten Londoner Ragdoll-Fall. Chief Inspector Emily Baxter, die damals ermittelte, wird sofort von den US-Ermittlern angefordert. Baxter – eine Polizistin die sauft, niemanden vertraut und sich nichts sagen lässt - ist davon nicht begeistert, noch dazu wo in den USA der Druck der Medien enorm ist und sie nur proforma geholt wurde. Als ein zweiter Toter entdeckt wird, diesmal mit dem Wort "Puppe" auf der Brust, dreht die Presse völlig durch und mit ihr die Internet-Communities. Baxter und ihre Kollegen von FBI und CIA werden zum Spielball des grausamen Mörders – wer kann seinen Irrsinn stoppen? Und wer hält im Hintergrund die Fäden in der Hand? Sie und ihr Team jagen einen Täter, der ihnen weit voraus ist und ungehindert sein großes Finale plant.

Daniel Cole schreibt mit „Hangman – Das Spiel des Mörders“ (Jan. 2018, Ullstein) einen rasanten, actionlastigen Thriller, einen blutigen Schocker, der zeitweise ziemlich verwirrt, wenn man „Ragdoll – Dein letzter Tag“ nicht gelesen hat. Da käme man mit der Vielzahl der Charaktere besser klar. Die Handlung bezieht sich oft auf zurückliegende Ereignisse, die zwar irgendwie erklärt werden, aber trotzdem Fragezeichen hinterlassen. Mit der Zeit liest man sich aber ein und ist baff erstaunt über die doch neuen KrimiBilder, die da vor dem geistigen Leserauge entstehen.Cole schafft es, einen Killer mit wirklich abstrusesten Tötungsideen zu präsentieren und lässt auch dem Privatleben der Ermittler Raum. Das Buch endet mit der Auflösung UND einem Cliffhanger.

(JT Jan. 2018)

So Grey – jo, eh!

 

E L James kehrt in die dunkle LiebesWelt von „Fifty Shades“ und damit zur unendlichen Geschichte von Ana und Christian zurück – „Darker. Fifty Shades of Grey. Gefährliche Liebe.“ (Dez. 2017, Goldmann) wird wieder aus der Sicht von Christian Grey erzählt und ist für die Millionen Fans dieser Serie ein Must have.

Kurz zum Inhalt: Die leidenschaftliche Affäre zwischen den Protagonisten endete in „Grey“ mit Schuldzuweisungen und gebrochenen Herzen, aber Christian kann Anastasia Steele nicht vergessen. So versucht er, seine dunkelsten Begierden und sein Bedürfnis nach absoluter Kontrolle zu unterdrücken und Ana die BlümchenLiebe zu geben, nach der sie sich sehnt. Ob ihm sein Therapeut Dr. Flynn helfen kann, sich seinen inneren Dämonen zu stellen? Oder wird die Obsession seiner beiden ehemaligen Geliebten, Elena und Leila, Christian zum Verhängnis? Und hat die Liebe überhaupt eine Chance?

Die Bücher aus Grey‘s Sicht sind zwar noch immer im Stil von GroschenRomanen geschrieben, aber wer sagt, dass die immer schlecht sind, auf jeden Fall ist „Darker“ noch erotischer (geht das überhaupt?) als die Bücher aus Ana's Perspektive.

(JT Dez. 2017)

 

Bei diesem Spiel kann man nur verlieren …

 

Roman Klementovic’s Romane „Immerstill“ und „Immerschuld“ sind eine Klasse an sich! Da wurde es Zeit, sein Thrillerdebut „Verspielt“ (Juli 2015, Gmeiner) zu lesen, quasi „nachzulesen“.

 

"Verspielt" ist beklemmend und makaber. In Wien werden zwei Frauen, Maria Fink und Christine Richter, von einem äußerst brutalen Psychopathen entführt, und der Ehemann, Martin Fink, ein überarbeiteter, aber sehr ehrgeiziger Anwalt, bzw. der Bruder und Kleinkriminelle, der voll abgefuckte Klaus Richter, werden erpresst, ein perfides Ratespiel mitzuspielen um deren Leben zu retten. Nur wenn die beiden Männer binnen 3 Tagen die Lösung finden, besteht die Chance auf Freilassung. Raten sie falsch, werden die Geiseln ermordet, raten sie gar nicht, werden die Frauen, die den Entführer zu kennen scheinen, furchtbar gequält. Welch perfide Spielregeln!

 

Die schleppende Spurensuche von Klaus und Martin, die einander nicht kennen und nichts von einander wissen, und damit auch die des Lesers, ist schon im bekannten Klementovic-Style. Langsam kommen gut gehütete Geheimnisse ans Tageslicht. Den Ernst der Lage begreifen die verzweifelten Männer, die den Entführungsgrund nicht kennen, erst wirklich, als es fast zu spät ist.

 

Parallel dazu gibt es die Geschichte des Polizisten Robert Mück, der gerade versetzt wurde und sich auf einem Abstellgleis befindet, aus dem er sich wieder auf im Revier nicht gern gesehene Weise rauswurschteln möchte. Er beschattet Klaus Richter wegen dessen Beziehungen zum Gangster Al und so manches kommt ihm an dieser versoffenen Gestalt merkwürdig vor. Auch bemerkt er bei seinen Recherchen das Fehlen von Maria und Christine. Warum, weshalb kann er sich nicht erklären. 

Die Zeit tickt! Die 3 Spieltage sind der blanke Horror.

Der überraschende Showdown, eine Spezialität des Autors, ist nicht ohne!

(JT Nov. 2017)

My favourite Books IV

 

Muss ich mich von Büchern trennen, dann ist das jedes Mal eine Tragödie!

Aber bedingt durch Platzmangel, wenn sich die Regale gefährlich nach unten wölben,

ist es einfach manchmal notwendig, Lesestoff weiter zu geben.

Ein Lesezirkel im Verwandten- und BekanntenKreis macht den Abschied leichter,

weiß man doch, dass die Zeilen, die einem selbst so unterhalten haben, in gute Hände kommen!

Natürlich gibt es aber Bücher, von denen ich mich nie verabschieden werde! 

Die immer Raum haben werden, weil sie nicht für den EinmalGebrauch sind,

sondern sich als Lebensbegleiter rausgestellt haben.

Ich teile gerne mit Ihnen, liebe Leser, welche da für mich dazu gehören!

Ihre Lilly Tampier

 

John Irving-Fans dürfte es wohl kaum verwundern, dass Witwe für ein Jahr eines meiner Favourite Books ist. Es geht um Ruth Cole, der man  an drei Wendepunkten ihres Lebens begegnet. Zuerst, 1958 in Long Island, ist sie gerade vier Jahre alt. Das zweite Mal treffen wir sie 1990 als unverheiratete Schriftstellerin in Frankfurt und Amsterdam. Der dritte Teil des Romans spielt im Herbst 1995 in Ruths Geburtshaus auf Long Island. Ruth ist 41, Witwe und Mutter und verliebt sich zum ersten Mal. Gleich zu Beginn ertappt die 4jährige Ruth ihre melancholische Mutter Marion in flagranti mit dem 16jährigen Eddie, nachdem dieser Ted -- Ruths Vater, dessen Ehe mit Marion nur noch auf dem Papier existiert -- nach einer von Teds Sauftouren wieder einmal nach Hause gefahren hat. Eddie schreibt den Rest seines Lebens Romane wie "Sechzig Mal", seinen Schlüsselroman über die 60 Mal, die er Marion verführt hat. Ted haben die auf Ruths Gute-Nacht-Geschichten basierenden Kindermärchen, wie z.B. "Die Maus, die zwischen den Wänden krabbelt", zu Reichtum und Ruhm verholfen haben. Marion verläßt  schließlich Ruth, Ted und Eddie und wird eine erfolgreiche, unter einem Pseudonym schreibende Schriftstellerin.  Ihre Tochter Ruth kann sie nicht lieben, da der Schmerz über den Verlust ihrer Söhne, die bei einem Autounfall vor deren Geburt ums Leben kamen, zu groß ist. Ruth ist Irvings erste weibliche Hauptfigur. Er zeigt, wie man einen Leser von der ersten Zeile an fesseln kann. Der Roman ist komisch und tragisch zugleich.

 

Doris Lessing schreibt in Und wieder die Liebe ironisch und herrlich abgeklärt über  Liebe und Sexualität im Herbst des Lebens, die so gerne negiert wird von unserer Gesellschaft. Sarah Durham ist eine alte Frau mit einem „ordentlichen“ Leben. Bei der Inszenierung eines neuen Stücks - ein Drama über die schöne Mulattin Julie Vairon, für die weiße Männer im letzten Jahrhundert scharenweise ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzten -  in ihrem kleinen Privattheater Green Bird in London verliebt sich in den jungen Hauptdarsteller und auch in den etwas älteren Regisseur des Stücks. Sarah erlebt die Macht der Gefühle, Liebe, Leidenschaft und Verzweiflung sowie Alter und Vergänglichkeit.  Lessing zeigt das erotische Begehren im Konflikt mit den gesellschaftlichen Tabus von Rasse, Geschlecht, Ehe und Alter. Die Menschen sind LiebesSpieler.

 

Im Angesicht des hurtig näher kommenden Weihnachtsfestes, stellt sich sicher so mancher die Frage, wie es wäre,  Weihnachten einmal ausfallen zu lassen? John Grisham lässt in seinem  herrlich komischen Das Fest das amerikanische Ehepaar Luther und Nora Krank Weihnachten boykottieren, nachdem ihre Tocher Blair in der Fremde weilt. Ein regelrechter Verstoß gegen die gesellschaftlichen Konventionen ihrer kleinen Gemeinde. Mit seiner urkomischen Weihnachtskomödie beweist John Grisham, dass er auch als Humorist unschlagbar ist. In den USA ist Weihnachten ein mörderischer Kampf ums letzte Truthahnstück und das beste Geschenk, ein schneeweiß überzuckertes Familienidyll. Die Kranks sehen also ihre Chance gekommen, den überaus hohen Ausgaben für Geschenke sowie für Häuserschmückung  von über $ 6.000 zu entgehen und stattdessen eine Reise in karibische Gefilde zu unternehmen. Tatsächlich hat man die Rechnung ohne die lieben Nachbarn gemacht, die den Preis für die am festlichsten geschmückte Straße gewinnen wollen. Und dann meldet sich auch noch überraschend Blair zurück. Ein vergnügliches Buch über die Zwänge der Gemeinschaft zur Weihnachtszeit -  Friede, Freude, Eierkuchen!


Katzenauge von Margaret Atwood ist ein großer Roman über die Kindheit und die von Hassliebe geprägte Beziehung zweier Mädchen in Kanada. Die erwachsene Elaine, eine erfolgreiche Malerin, erinnert sich an ihre Freundschaft mit der grausamen Cordelia, der Quälgeist ihrer Kindheit. Die Beziehung zwischen Elaine und Cordelia, die von einem Extrem ins andere kippt, lässt die Leser mit beiden Frauen mitleiden. Wobei es ist keine einfache Geschichte einer Frauenfreundschaft/Frauenfeindschaft – es geht um grässliches Mobbing unter kleinen Kindern und deren psychische Befindlichkeiten. Atwood’s Erzählstil ist wunderbar sarkastisch, voll der Demütigungen und ratlosen Hilflosigkeit der Erwachsenen. Ein starkes Buch.

Illustration by Edward d‘Ancona

Welch mieses kleines Leben …

 

Ottessa Moshfegh’s Roman „Eileen“ (August 2017, Liebeskind) ist starker Stoff und nichts für Zartbesaitete. Das Buch stand auf der Shortlist des Man Booker Prize und wurde mit dem PEN/Hemingway Award ausgezeichnet. Die Welt, die Moshfegh zeichnet ist düster und ihre Protagonistin kann man gelinde gesagt als ziemlich sonderbar bezeichnen, Eileen ist keine Sympathieträgerin, trotzdem fasziniert ihre Geschichte voll der seelischen Misshandlungen durch ihre Umgebung und ihre Selbsterniedrigung.

 

Eileen lebt in X-ville in Neuengland. Moshfegh lässt sie ihr Leben rund um Weihnachten 1964 als alte Frau im Rückblick erzählen. Eileen’s Alltag spielt sich zwischen ihrer Arbeit als Sekretärin in einer Jugendhaftanstalt und der Pflege ihres dementen, alkoholsüchtigen Vaters in einem völlig verdreckten Haushalt ab. Sie ist eine merkwürdige Person, erst 24 Jahre alt, aber abgestumpft und ohne Hoffnung. Ihren zaundürren Körper – eigentlich isst sie ja nicht, sondern säuft und raucht nur – verbirgt sie unter den viel zu großen Kleidern ihrer verstorbenen Mutter. Sie pflegt sich nicht, wäscht sich kaum und würde am liebsten „verschwinden“. Wobei sie für ihre Umwelt ohnehin unsichtbar ist. Besonders für den von ihr angebeteten Randy, einen Gefängniswärter. Dreht sich bei ihr im Kopf alles um Sex und ziemlich dunkle Obsessionen, ekelt ihr aber vor jeder Körperlichkeit und ist sie voller Scham. Was sie am Leben hält, sind ihre Fluchtpläne aus X-ville. Als die schöne Harvard-Absolventin Rebecca Saint John als Erziehungsbeauftragte des Gefängnisses eingestellt wird, wünscht sich Eileen nicht sehnlicher als deren Freundschaft und damit ein Leben in der Helligkeit. Sie verliebt sich regelrecht in diese selbstbewusste, witzige Frau und kann es kaum fassen, als sie von ihr zu einer Weihnachtsfeier eingeladen wird. Doch die Freundschaft von Rebecca hat einen hohen Preis. Diese interessiert sich nämlich im Gegenteil zu Eileen für die Kids in der Strafanstalt und ihre Taten und will das Gesetz in die eigene Hand nehmen.

 

Als Leser kann man sich dem Grauen, das die Autorin rund um Eileen schafft, nicht entziehen, hält trotz Eileen’s freudlosem Leben durch und kann das finale furioso und den letztendlichen Einblick in kaputte Seelen an den Randzonen der Gesellschaft kaum erwarten.

(JT Okt. 2017)

Er will dich vernichten

 

Er will dein Haus. Er will deine Frau. Er will dein Leben. Er ist der Housesitter. Andreas Winkelmann thematisiert mit seinem Krimi „Housesitter“ (Aug. 2017, Wunderlich) eine Urangst der Menschen. Was passiert, wenn man nicht einmal in seinen eigenen vier Wänden mehr sicher ist? Man kommt nach einem Urlaub nach Hause und merkt sofort, dass etwas anders ist. Es riecht fremd, die Möbel stehen anders, das Geschirr in der Küche ist benutzt. Dann spürt man nur noch einen Schmerz … und wacht im Krankenhaus auf.

So geht es Thomas Bennett. Nachdem er - schwer verletzt – im Spital wieder zu sich kommt, erfährt er, dass seine schwangere Freundin Saskia verschwunden ist. Ein Schrecken ohne Ende beginnt.
Packend schildert Winkelmann das Hoffen und Bangen von Thomas, der die Suche nach Saskia selbst in die Hand nimmt, nachdem die Polizei, speziell der schwerfällige, unsympathische Ermittler Scheurich, nicht wirklich etwas tut und nur ratlos ist bzw. Thomas verdächtigt, mit der Entführung etwas zu tun zu haben. Mit Ausnahme von Priska Wagner, die in einem anderen Mordfall ermittelt und eine Verbindung zur Entführung Saskias zu sehen glaubt, will niemand verstehen, dass da draußen jemand ist, der sich nach einem warmen Heim mit einer eigenen Frau am Herd sehnt. Da passiert eine zweite Entführung.

Der Autor lässt uns auch an den Gedanken und Handlungen des Täters teilhaben. Immer wieder gibt es Kapitel aus der Sicht des Housesitters, dessen Leben wirklich furchtbar verlief, was aber in keinster Weise seine Taten entschuldigt und ihn auch kein bisschen sympathisch oder bemitleidenswert macht.

 

Ein Thriller mit einem rasanten Schluss, den man nach Möglichkeit nicht vor einer Urlaubsreise lesen sollte! Der Plot ist schon gruselig. Für Gänsehaut und Nervenkitzel ist gesorgt.

(JT Okt. 2017)

Und einmal mehr Grundendorf …

 

Das Böse ist immer und überall. Und die Zentrale ist wahrlich im fiktiven Ort Grundendorf im Marchfeld! Sicher erinnern Sie sich noch an „Immerstill“ von Roman Klementovic, diesen unglaublichen Thriller, der für Just Tampier die Entdeckung des Jahres 2016 war. Nun schrieb Klementovic mit „Immerschuld“ (Sep. 2017, Gmeiner) eine Art Fortsetzung, die durchaus eigenständig ist, aber für den Superthrill empfehlen wir die Lektüre des Vorgängerromanes, den man sowieso nicht auslassen sollte.

 

Nach den katastrophalen Mord- und Vermisstenfällen im Ort, hat der junge Polizist Patrick den Dienst quittiert und sich völlig zurückgezogen. Fast ohne Kontakte zur Umwelt fristet er ein von Trauer umnebeltes Leben in seinem Haus. Bis zu jenem Morgen, als in der brütenden Hochsommerhitze zwei arg nach Fäulnis stinkende Tierleichen gefunden werden und er in die Ermittlungen hineingezogen wird. Die Hunde wurden furchtbar massakriert. Einer gehörte Patrick’s Cousine Julia. Vorbei ist es mit seiner Lethargie, denn Julia ist aus dem Haus der gemeinsamen Großeltern verschwunden. Patrick erfährt, dass Julia in den letzten Monaten, wo er sich in seinem Schmerz einsam gesuhlt hat, schwer erkrankt ist. Dann kommt raus, dass auch ihr behandelnder Arzt, der undurchsichtige Doktor Wallner, unauffindbar ist. Und Patrick’s Wagen ist weg. Als der in einem Teich gefunden wird, befindet sich eine Leiche in der Fahrerkabine. Nicht nur Patrick hat da mehr als ernste Probleme.

 

Mehr vom rasanten Plot wird nicht verraten, außer dass es wieder unfassbare Irrungen und Wirrungen gibt. Als Leser muss man sich unbedingt ein paar Stunden Zeit für den Krimi – für Just Tampier wieder ein Kandidat zum Buch des Jahres -  reservieren, denn der Autor entwickelt einen solchen Sog, dass man sein Werk unmöglich aus der Hand legen kann …

(JT Sep. 2017)

Rezeptfreier FieberStiller

 

Sind Sie im Frühjahr am „FerranteFever“ erkrankt? Dann haben wir jetzt das einzige Heilmittel für Sie, das hilft. Elena Ferrante’s dritter Band der Neapolitanischen Saga ist da: „Die Geschichte der getrennten Wege“ (Aug. 2017, Suhrkamp). Auf den vierten Teil „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ – werden Sie allerdings bis zum Frühjahr 2018 hinfiebern müssen! Welch Sucht!

 

Wir sind mit der Geschichte rund um Lila und Elena in den turbulenten ErwachsenenJahren angekommen. Lila, die trotz ihres Sohnes ihren Mann Stefano verlassen hat, arbeitet unter entwürdigenden Bedingungen in einer Fabrik und fristet mit Enzo ein kärgliches Leben. Elena hat ihr altes neapolitanisches Viertel hinter sich gelassen, das Studium beendet und ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie hat durch Pietro in eine angesehene norditalienische Familie eingeheiratet und Kinder bekommen. Ein unglaublicher gesellschaftlicher Aufstieg, erinnert man sich an die Anfänge der Geschichte. Doch das Leben zeigt Elena seine Grenzen und drängt sie in die nicht gewollte Rolle der Hausfrau und Mutter. Ganze Welten trennen die Freundinnen. Das Verhältnis der beiden bleibt seltsam entfremdet-nah, auch und gerade dann, als Lila zusammen mit Enzo in der neuen Technik der Computer reüssiert und eine Menge Geld verdient. Und da wäre auch noch Nino Serratore, das Glück und Unglück beider Frauen!

 

Ferrante’s großmeisterliches Buch ist natürlich auch politisch – Stichworte: Feminismus, Arbeiterkampf, Studentenrevolte – und besonders Elena ist stark von dem enormen Umbruch der revolutionären Zeit betroffen. Immer wieder lässt die Autorin drastische neue Verwicklungen und brutale Situationen auftauchen, die ihre Protagonistinnen zu bestehen haben. Sie schafft  nicht nur einen intimen Blick auf die besondere Freundschaft zweier Frauen und deren unterschiedliche Entwicklung, sondern ein spannendes Gesellschaftsbild Italiens und Neapels.

Just Tampier – ganz auf der Ferrante-Droge - sagt nur: lesen, lesen, lesen!

(JT Sep. 2017)

Gar nicht gut für’s Geschäft

 

Der Wannsee ist ja quasi die Badewanne der Berliner. Da passt der Fund eines Leichenteiles sowas von nicht hin … Felix Haß, der Münchner, der mit seinem Ehemann in Berlin lebt, schreibt mit „Sein letzter Schritt“ (Sep. 2017, Querverlag)  einen superfeinen SzenenKrimi.

 

Am Schwulenstrand des Berliner Wannsees wird ein menschliches Bein angeschwemmt, das schon längere Zeit im Wasser getrieben haben muss. Durch die Obduktion des schon etwas verwesten und von Tieren angeknabberten Teiles erfährt man, dass das Bein zu einem ungefähr 35jährigen Mann gehörte. Der Fund stellt Kommissar Steffen Lenz und sein Team vor ein Rätsel. Weitere Leichenteile finden sich weder im Wannsee noch in der Umgebung. Abgleiche der DNA mit der Kartei sind ergebnislos, vermisst wird auch niemand. Die Polizei hat nichts.

Lenz freut sich wenigstens darüber, dass er bei der Hitze am Schwulenstrand ermitteln kann. Schließlich hat er eine Schwäche für körperliche Genüsse und einen Hang zu dem, was manche „Laster“ nennen würden. Und dann taucht plötzlich doch noch eine Leiche auf und es beginnt ein kriminalistisches Puzzlespiel, das den Kommissar und die Leser in dunkle Abgründe führt.

(JT Sep. 2017)

Frisch, saftig, skandinavisch

 

Der schwedische Autor Joakim Zander ist kein Unbekannter mehr in der Krimiszene – mit seinem Buch „Der Schwimmer“ gelang ihm ein Bestseller, dessen US-Verfilmung in den Startlöchern steht. KrimiLiebhaber mit Vorlieben für Politik, Gesellschaftsthemen und dramatische Überraschungen in der Handlung liegen bei Zander’s Büchern ganz richtig. „Der Freund“ (Sep. 2017, Rowohlt Polaris) erzählt von Klara und Jacob, deren Wege sich kreuzen.

 

Als Klara Walldéen ihren Großvater in St. Anna im schwedischen Schärengarten beerdigen muss, ist ihre beste Freundin Gabriella an ihrer Seite. Gabriella ist irgendwie eigenartig, ja merkwürdig. Kurz darauf wird sie vor Klaras Augen in Stockholm verhaftet: wegen terroristischer Aktivitäten. Wo Gabriella festgehalten wird, erfährt Klara nicht, das unterliegt der Geheimhaltung. Doch die bekannte Menschenrechtsanwältin hat ihr eine Nachricht hinterlassen: Klara soll für sie zu einem geheimen Treffen nach Brüssel reisen.
Szenenwechsel: Jacob ist Student an der Universität Uppsala und will Diplomat werden. Er absolviert ein sechsmonatiges Praktikum in der schwedischen Botschaft in Beirut. Auf einer Party lernt er den arabischen Kriegsfotografen Yassim kennen – beide sind fasziniert voneinander. Aber immer wieder verschwindet Yassim und verstrickt sich in Widersprüche. Obwohl Jacob nicht weiß, wie sehr er ihm vertrauen kann, übernimmt er für Yassim einen brisanten Auftrag.

In Brüssel treffen Klara und Jacob aufeinander. Gemeinsam versuchen sie, die Menschen zu retten, die ihnen am nächsten stehen. Doch eigentlich wissen sie nichts über Gabriella und Yassim und das Spiel, das die beiden mit ihnen treiben – oder auch nicht!

(JT Sep. 2017)

Die Störung des Regenbogens

 

Udo Rauchfleisch schickt mit „Mord unter lauter netten Leuten“ (Juli 2017, Himmelstürmer Verlag) den schwulen Basler Kommissar Jürgen Schneider in die Aufklärung seines zweiten Falles.

Beruflich ist Schneiders Situation immer ein wenig verzwickt, muss er sich doch mit Mord und Totschlag herumplagen. Jetzt steht er vor der Frage, ob ein älterer Mann Opfer eines banalen Verkehrsunfalls oder eines Mords ist. Unterstützt wird Kommissar Schneider von einem jungen Psychologen, der gerade im Gaychat einen neuen Lover kennengelernt hat und dem ersten Treffen entgegenfiebert.

 

Privat ist Schneider ein glücklicher „RegenbogenMann“. Er hat mit seinem Lebenspartner und einem Lesbenpaar erfolgreich eine RegenbogenFamilie gegründet. Alle Nachbarn des Wohnhauses, straight und gay, die hier zusammenleben, sind nette, harmlose Leute. Als eines Morgens aber eine der Mieterinnen erstochen in ihrer Wohnung liegt, ist schnell klar, dass hier ein Mörder sein Unwesen treibt. Angst und Schrecken nehmen überhand, als mehrere Mieter von Mordversuchen berichten, denen sie nur mit Glück entgangen seien. Und doch hat jeder auch ein Motiv für die Morde und Mordversuche. Niemand ist harmlos! In einer dramatischen Aktion kann der Kommissar das Rätsel lösen.

(JT Sep. 2017)

Was für ein Wirbel

 

Mijana Lenik lässt im Krimi „Der Ringer“ (Mai 2017, HOMOLittera) Hauptkommissar Tobias Hennings in einem spannenden Fall mit guten Akteuren ermitteln.

Wem der Autorenname „verdächtig“ vorkommt, liegt richtig! Hinter dem Pseudonym Mijana Lenik verbirgt sich ein Autorenduo aus Ostwestfalen-Lippe, das seit über 30 Jahren miteinander befreundet ist. Nach Ausflügen in die Welt der Fanfiction sowie in den Fantasy-Bereich entschieden sie sich, einen gemeinsamen Krimi zu schreiben. Der schwule Hauptkommissar "Tobias Hennings" entstand.

 

Hennings lebt mit Julian zusammen. Mit ihm genießt er einen fröhlichen Abend auf einer Party. Am nächsten Tag holt ihn Julians Vater mit einem unangenehmen Anruf aus dem Bett. Hubertus Meyer zu Löwenau hat den Gastgeber der vergangenen Nacht, John Derringer, gefunden – tot, mit Pfeilen im Rücken.
Tobias versucht gemeinsam mit seiner Kollegin Diane den Mordfall zu lösen. Doch die Klärung wird schwieriger als gedacht: Julian stöbert unbefugt am Tatort herum, die Meyer zu Löwenaus halten sich über die Vergangenheit von John Derringer bedeckt und der einzige Sohn des Mordopfers kommt Tobias näher, als dem lieb ist. Julians Schwester Katharina verursacht noch mehr Wirbel im eh nicht faden Leben von Tobias.
Er muss in dem Durcheinander einen kühlen, professionellen Kopf bewahren um rauszufinden, warum John Derringer sterben musste und wer ihn gekillt hat – auf eine nicht so gewöhnliche Art und Weise!

(JT Sep. 2017)

Eine dunkle Liebe in Wien

Ein Schriftsteller will er sein, der Rudolf Gordweil, der ins turbulente Wien der 1920iger Jahre der Abgeschiedenheit eines jüdischen Schtetls entflieht. In seinem durchaus als kleines Meisterwerk zu bezeichnenden Roman „Eine Ehe in Wien“ (Juni 2017, Aufbau Verlag) beschreibt David Vogel ziemlich schonungslos, aber doch mit einer gewissen Sensibilität die Geschichte des erfolglosen Gordweils, der sich in einer unfassbaren Beziehung verstrickt.

Der Autor kannte Wien zu jener brodelnden Zeit gut. Viel zu früh musste dieser nun wiederentdeckte Schriftsteller sterben, 1944 wurde er von den Nazis im KZ Auschwitz ermordet. "Eine Ehe in Wien" erschien auf Deutsch zum ersten Male 1992 (die Originalausgabe auf Hebräisch bereits 1929/30 in Tel Aviv und Jerusalem).

 

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg sind in Wien viele Menschen arbeitslos, sie haben kein Geld und fristen ein armseliges Dasein. Auch Rudolf Gordweil muss sich permanent Geld ausleihen. Da lernt er die Baronin Thea von Tako, eine herrische Femme fatale, kennen und heiratet sie. Damit weiht er sich dem Untergang.

Die Sadistin tyrannisiert und betrügt ihn permanent. Die Liebesqualen erträgt Rudolf Gordweil ohne Widerspruch, lässt sich demütigen und erniedrigen, weil er glaubt, Thea zu lieben und nie von ihr loszukommen. Er hat eine gewisse Lust am Leiden.

Der Leser wird allmählich wütend auf Thea und empfindet  Mitleid mit dem seiner Würde beraubten Mann.

Als Thea einen Sohn zur Welt bringt, scheint alles besser zu werden. Welch Trugschluss, denn sie lebt weiterhin ihre dunklen Triebe und sadistischen Gefühle an ihrem Mann aus. Eine Katastrophe steht im Raum. Gordweil gewinnt aus seiner Verzweiflung die Kraft zu einem vermeintlichen Befreiungsschlag. Kann er einen Schlussstrich ziehen?

 

Schmerzhaft und verstörend. Eine Empfehlung.

(JT Aug. 2017)

Dick & tot

 

Sharon Bolton thematisiert in ihrem eiskalten Thriller „Er liebt sie nicht“ (Oktober 2016, Manhattan) das Phänomen von TodeszellenRomanzen und aufregenden GefängnisBeziehungen von Frauen mit Häftlingen, die grauenvolle Taten begangen haben.

 

Hamish Wolfe gilt als Serienkiller. Er hat vier junge, als dick geltende Frauen brutal ermordet. Oder doch nicht? Auch nach seiner Verurteilung beteuert er noch immer seine Unschuld. Nun sucht er jemanden, der seinen Fall neu aufrollt. Maggie Rose, erfolgreiche Rechtsanwältin und True-Crime-Autorin, aber zögert, den durchaus charismatischen Mann mit eigenwilliger Groupie- und FanSchar zu vertreten. Insgeheim hat sie aber längst damit begonnen, sich mit dem Fall des ehemaligen KrebsMediziners auseinander zu setzen, dem schon zu Studienzeiten eine Vorliebe für fette Frauen nachgesagt wurde. Sie findet bald Diskrepanzen in den Ermittlungen von Detektive Constable Peter Weston, der Hamish einst eingebuchtet hat. Weston arbeitet mit Maggie zusammen. Obwohl, wenn sie den wahren Täter überführt, dann hat er einen Fehler begangen.

 

Bolton erzählt die Geschichte in verschiedenen Zeitebenen, aus Sicht von Maggie, Peter und von Hamish. Dazwischen finden sich emails, Briefe und Zeitungsberichte. Das alles verwirrt den Leser ein bisschen, aber jedes Detail ist wichtig bei diesem manipulativen Schreibstil, der bis zum überraschenden Ende voll überzeugt. Die handelnden Personen sind kaltblütig und auf eine gewisse Art irrsinnig. Das zeugt von einer ziemlichen Kaltschnäuzigkeit der brillanten Krimiautorin!

(JT Juli 2017)

Winter ermittelt

 

Peter Beck hat sich bei seinem Thriller „Korrosion“ (Februar 2017, Emons Verlag) für eine außergewöhnliche Ermittlerfigur entschieden: Tom Winter, Sicherheitschef einer Bank. Der kämpft zwar mit den Folgen einer Verletzung, die er durch einen Lawinenabgang erlitten hat, aber das hindert ihn nicht daran, kamikazeartig und alles andere als diskret die Erben einer Ermordeten aufzuspüren, was ihm bankintern ganz schön in die Bredouille bringt. Ein Fiasko droht.

Die schwerreiche alte Frau Berger wurde nämlich zu Weihnachten erschlagen und hinterließ Millionen. Und die Anschuldigung, dass eines ihrer damals minderjährigen Kinder - Helen, Rolf und Brigitte - für den Tod ihres Mannes vor 40 Jahren verantwortlich ist. Wenn der Schuldige ermittelt ist, darf erst ihr Testament geöffnet werden. Winter reist um die halbe Welt um die Nachkommen aufzustöbern  und sieht sich konfrontiert mit einer Story rund um Missbrauch und Rache. Verstörend und beklemmend.

 

Beck verknüpft das knifflige Familiendrama mit dem aktuellen komplexen Drama der Flüchtlingskrise, aber es ist nichts so, wie es scheint. Überraschende Wendungen und weltweite Schauplätze in der actionreichen Geschichte lassen den Leser dranbleiben.

  

Scharfsinnig!

(JT Juli 2017)

Nichts für Wasserphobiker

 

… ist der neue Roman „Into the Water“ von Paula Hawkins (Mai 2017, blanvalet), der Autorin des gefeierten Bestsellers „Girl on the Train“ - dreht sich doch alles um Frauen, die ins Wasser gehen oder  vielleicht doch gegangen werden. Nel Abbott ist vom Drowning Pool in ihrer heimatlichen Kleinstadt Beckford besessen und arbeitet an einem Buch über die Toten in den Untiefen dieser dunklen Flussschleife.

 

Eines Tages erhält Jules, eigentlich Julia, die Nachricht, dass sich ihre Schwester Nel im Fluss ertränkt hat. Sie glaubt das keinesfalls, obwohl ihr Verhältnis zu Nel nach einem schwerwiegenden Vorfall seit vielen Jahren zerrüttet ist bzw. sie überhaupt keinen Kontakt mehr hatten, obwohl Nel ihn in ihren letzten Lebenswochen gesucht hatte. Auch die 15-jährige Katie, eine Freundin von Nel’s Tochter Lena, hatte kurz davor im Fluss ihr Leben gelassen.

Jules, die von der Dorfgemeinschaft eigentlich nichts mehr wissen will, muss weit in die Vergangenheit zurück schauen um die Gegenwart auf die Reihe zu bekommen.

 

Wer sich jetzt ein „Girl on the Train“ erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein, aber Hawkins Roman ist gut - eine dunkle Geschichte über Hass, Psychospielchen, Verfolgte und Menschen ohne Glück im Leben. Vielleicht ist der Stil ein wenig zu vielschichtig, hüpft doch die Autorin in jedem Kapitel zu einem anderen Erzähler - das sollte aber kein Problem für aufmerksame Leser sein!

(JT Juni 2017) 

Sommerschmöker

 

Auf Donna Leon kann man sich verlassen: Jedes Jahr beschert sie ihren Lesern einen neuen Brunetti-Krimi. Der Commissario ermittelt im schönen, ach so verbrecherischen Venedig und kämpft hart gegen den Filz in den Behörden, korrupte Beamte und Verbrecher. Die Autorin lässt ihn bei seiner Familie und gutem Essen immer wieder Kraft tanken, aber ein Schwächeanfall bringt Brunetti in „Stille Wasser“ (Mai 2017, Diogenes) ins Spital.

 

Während eines Verhörs in der Questura bekommt Guido Brunetti es plötzlich mit dem Herz zu tun. Eilig wird der Commissario ins Ospedale Santi Giovanni e Paolo gebracht. Auch wenn die Schwäche nur fingiert war um eine schwierige Situation zu retten, merkt der Commissario auf dem Rollbett plötzlich, wie erschöpft er tatsächlich ist. Er ist halt auch nur ein Mensch! Eine resolute Ärztin verordnet ihm Ruhe.

Krankgeschrieben erholt er sich in der  Villa von Zia Constanza, einer Verwandten seiner Frau Paola, auf Sant‘ Erasmo. In der Lagune von Venedig verbringt Brunetti herrliche Tage unter den Einheimischen. Doch die Idylle zwischen Bienen und Blumen ist trügerisch und Brunetti ohne Fall wäre nicht Leon!

 

„Stille Wasser“ ist einer der besten Brunetti-Krimis in der bereits 26teiligen Serie!

Ein Vergnügen – nicht nur für Leon-Fans!

(JT Juni 2017)

Nichts ist, wie man glaubt

 

Sofie Sarenbrant hat mit „Der Mörder und das Mädchen“ (Februar 2017, rütten&loening, Aufbau Verlag) zwar einen Krimi geschrieben, aber der geht auch durch als Roman über die ewigen Beziehungskisten zwischen Mann und Frau.

 

Zum Inhalt: Nach Jahren der Demütigung entschließt sich Cornelia Göransson, ihren gewalttätigen Mann Hans, einen Säufer, zu verlassen und mit der gemeinsamen sechsjährigen Tochter Astrid ein neues Leben zu beginnen. Sie hat Hans nie angezeigt, aber ihrer einzigen Freundin Josefin von den Misshandlungen erzählt. Am Morgen vor ihrem Auszug findet Astrid ihren Vater tot im Gästezimmer. Kriminalkommissarin Emma Sköld, die Schwester von Josefin, hochschwanger und sehr ehrgeizig, übernimmt den Fall. Für sie ist Cornelia die Hauptverdächtige, wird sie doch durch den Todesfall eine reiche Witwe werden, jedoch es gibt auch eine andere Spur: Die kleine Astrid will in der Nacht einen Mann neben ihrem Bett gesehen haben, der sie gestreichelt hat.

 

Die kurzen Kapitel der komplexen Story sind aus verschiedenen Sichtweisen erzählt, der Mörder selbst spricht aus der Ich-Perspektive. Der Schreibstil ist flüssig, wenn auch einfach und kühl gehalten. Die Handlung dreht unvorhersehbar, Emma tappt im Dunklen bei ihren Ermittlungen in dem Mordfall. Die Protagonisten haben alle Beziehungsprobleme, ob das Josefin mit ihrem Andreas ist oder Emma und Kristoffer, der Vater ihres Kindes, das sie erwartet oder Emma mit ihrem Ex Hugo, der sie und Kristoffer stalkt.

 

Sarenbrant ist eine neue Krimiautorin aus Schweden – man kann gespannt sein, was da noch kommt!

(JT Mai 2017)

Auf die Wahrheit kommt es an

 

Krimi-Liebhaber sind bei den Romanen von Tana French immer gut aufgehoben! Auch ihr neuer schauriger Fall „Gefrorener Schrei“ (Dezember 2016, Scherz) ist da keine Ausnahme, wenn auch die mühsame Ermittlungsarbeit der Polizei und die Vernehmungsszenen manchmal ein wenig langatmig erscheinen. Wie immer steht Psychologie statt Blut im Fokus, sind die Figuren gut gezeichnet, die Atmosphäre dicht, die Sprache messerscharf, die Vorkommnisse nervenaufreibend.

 

Aislinn Murray ist jung, hübsch und liegt tot in ihrem Haus, der Tisch ist für ein romantisches Abendessen gedeckt. Die Polizei vermutet zunächst eine Beziehungstat.. Doch bald stoßen die Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran auf Ungereimtheiten. Außerdem behindert jemand in der Mordkommission ihre Arbeit. Weil sich Antoinette, die Ich-Erzählerin, mit ihrer toughen Art Feinde gemacht hat – privat und im Dezernat?

 

Intelligentes Kammerspiel!

(JT Mai 2017)

Würdiger Abschluss einer genialen Serie

 

Armistead Maupin schreibt mit „Die Tage der Anna Madrigal“ (Februar 2017, rororo) leider die letzten Stadtgeschichten seiner legendären Reihe.

Mittelpunkt dieses berührenden neunten Bandes ist Anna Madrigal, die Transgender-Dame und Hausherrin der Barbery Lane 28 in San Francisco. Madrigal ist jetzt schon 92 Jahre alt und wünscht sich nichts mehr als einen ladyliken Abgang, denn das Alter ist wie ein Konflikt und die eigene Vergänglichkeit steht im Raum. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich und lebt nun mit dem fast 60 Jahre jüngeren Jack zusammen. Mit ihrem früheren Mieter Brian und dessen Frau Wren fährt sie nach Winnemucca, wo sie damals noch als 16jähriger Junge Andy Ramsey aus dem Puff ihrer Mutter, der ihr Zuhause war, weggelaufen ist. Auf dieser Reise bringt sie Geheimnisse ans Licht und stellt sich lange verdrängten Konflikten. Ganz am Ende wird auch das Geheimnis um ihren Namen gelüftet – eine dramatische Geschichte.

 

Wie alle acht Bände davor kann man das Buch nicht aus der Hand legen, wenn auch die Leichtigkeit und Unbeschwertheit der ersten Teile mit der Zeit abhanden gekommen ist. Diese Reihe ist wie ein guter Freund – wer sie nicht kennt, sollte sich alle Ausgaben besorgen und hat damit für einige Zeit „ausgesorgt“ und weiß, was er lesen wird!

(JT Mai 2017)

Ein Familiendrama

 

Auf die Bücher der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen muss man sich als Leser einlassen. Oksanen ist schrill und ihre Romane sind nicht die leichte Kost, aber sie schreibt mit einer Magie, der man sich nur schwer entziehen kann. Man muss es nur versuchen, sich mit ihren starken Figuren auseinanderzusetzen!

 

Der neue, durchaus eigensinnige Roman „Die Sache mit Norma“ (März 2017, Kiepenheuer&Witsch) beginnt mit einer Beerdigung: Die 30-jährige Norma Ross hat soeben ihre Mutter Anita verloren. Die beiden waren ein eingeschworenes Team und sich darin einig, Normas Geheimnis – ihre Haare wachsen unnatürlich schnell – für sich zu behalten. Während Norma auf ihr Taxi wartet, kondoliert ihr Max Lambert, der Inhaber des Friseursalons, in dem Anita arbeitete. Der Salon hat sich ganz den Echthaar-Extentions verschrieben hat, wobei Norma definitiv keine nötig hat, sie hat ja mehr Haare, als sie gebrauchen kann.

Angeblich hat Anita Selbstmord, in dem sie sich auf Bahngleise stürzte, begangen, doch Norma glaubt nicht daran und sie sucht nach Hinweisen auf das, was wirklich geschehen ist. Dabei stößt sie auf verstörende Dokumente und kommt einem global agierenden Clan rund um Haarverlängerung und Leihmutterschaft auf die Spur.

Die Geschichte ist ein wenig ein Krimi, aber so einfach macht uns Sofi Oksanen die Machenschaften rund um die Ausbeutung von Frauen denn doch wieder nicht!

 

(JT Mai 2017)

Ein Liebesdrama

 

Der abstoßend hässliche, dicke, kühl-abweisende Dichter Gottfried Benn – trotzdem wirkt er auf die Frauenwelt elektrisierend - ist die Obsession im Leben der Mopsa Sternheim und ihrer Mutter Thea. Davon handelt „Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer (März 2017, Hoffmann und Campe).

 

Für Thea, Gattin des Dramatikers Carl Sternheim, und ihre Tochter wird das Jahr 1917 zum Schicksalsjahr. Sie lernen Benn kennen und sind beide fasziniert von ihm. Er wird der Mann ihres Lebens. Mopsa, von ihrem Vater sexuell missbraucht, was die Mutter nicht sehen will, sieht auch am Sterbebett noch in Benn den einzigen Menschen, der für sie je Bedeutung besaß, auch wenn ihm dies völlig egal war und nur sie diese fatale Begierde spürte. Thea und Mopsa sind in der Liebe zu einem Mann und im Kampf um ihn vereint, sie sind Konkurrentinnen, Liebende und Betrogene. Mit allem können die beiden sich abfinden, mit finanziellen Verlusten, Gefährdung, Heimatlosigkeit, Folter und grausigen Familiengeheimnissen, nur mit einem nicht: diesen einen Mann zu verlieren, dem sie wie Süchtige verfallen sind.

 

Singers Buch ist ein beeindruckendes Liebesdrama über eine lebenslange, hoffnungslos verzweifelte Leidenschaft und Hörigkeit, in dem sich ein halbes Jahrhundert mit all seinen bitteren und dunklen Stunden abbildet. Als Leser muss man sich darauf einlassen und am Ende erkennen, dass Liebesglück nicht immer Geliebtwerden bedeutet.

(JT Mai 2017)

Einfach nur magisch

Carlos Ruiz Zafón, Autor des Weltbestsellers ‚Der Schatten des Windes‘, eines der besten Bücher ever, ist zurück! „Das Labyrinth der Lichter“ (März 2017, S.Fischer), der vierte Teil der Barcelona-Reihe, ist zwar heiß ersehnt worden, aber damit heißt es auch Abschied nehmen vom Friedhof der Vergessenen Bücher. Meisterlich verknüpft Zafón die Erzählfäden seiner Bücher zu einem spannenden Finale. Zwar könnte man den Roman auch ohne Vorkenntnisse lesen, doch bringt man sich damit um ein großes Vergnügen. Die Protagonisten der Vorgängerromane - insbesondere Fermín und die Familie Sempere - tauchen alle wieder auf.

 

Das Buch begleitet die Hauptperson Alicia Gris, der Mitarbeiterin einer Sondereinheit der Politischen Polizei, bei ihrem Auftrag, in Barcelona das Verschwinden eines Ministers aufzuklären, der ein Emporkömmling des Franco-Regimes ist. Er war einst Gefängnisdirektor und hat einige Gräueltaten auf dem Kerbholz. In seinem Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“, das Alicia in die liebevoll verstaubte Buchhandlung Sempere & Söhne führt. Der Zauber dieses Ortes schlägt sie in seinen Bann, und wie durch einen Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia dort findet, bringen sie in allerhöchste Gefahr.

Die Brutalität des Franco-Regimes, die Zafón bildgewaltig schildert, ist nichts für schwache Nerven. Menschliche Abgründe tun sich auf.

Düster, emotional, verschlungen, großartig!

(JT Mai 2017)

Ich bin Du, aber noch lebe ich

 

Manchmal hat man ja das Gefühl, dass man nicht allein ist. Man fühlt sich beobachtet. Aber Jane, die Protagonistin von JP Delaney’s schockierendem Buch „The Girl Before“ (April 2017, Penguin Verlag) glaubt, dass das Haus, in dem sie wohnt, sie beobachtet.

Nach einem Schicksalsschlag braucht Jane dringend einen Neuanfang. Daher überlegt sie nicht lange, als sie die Möglichkeit bekommt, in ein hochmodernes Haus in dem schicken Londoner Viertel Kensington einzuziehen. Vermietet wird es von es von einem charismatischen Architekten, der es ursprünglich für seine eigene Familie geplant hat. Er vermietet das Haus mit raffinierten technischen Einrichtungen preisgünstig, aber unter speziellen Auflagen. So müssen potentielle Mieter einen Fragenkatalog von über 300 Fragen beantworten.
Er scheint sich zu Jane hingezogen zu fühlen. Doch bald erfährt sie, dass ihre Vormieterin Emma im Haus verstarb – und ihr erschreckend ähnlich sah. Jane will natürlich wissen, was es mit dem Todesfall auf sich hatte und schwebt in großer Gefahr.

 

Den undurchsichtigen Thriller – der in kurzen Kapiteln einmal von Emma und einmal von Jane handelt - kann man nicht mehr aus den Händen legen! Was ist Täuschung, was ist Realität? Der Hype um das mit unerwarteten Wendungen versehene Buch war in den USA und England besonders groß und wird es hier genauso sein! Wenn Sie sicher sein wollen, ein superspannendes Buch in Ihren Urlaub mitzunehmen, dann bitte dieses!
(JT Mai 2017)

Wahr oder Fiktion?

 

Paul Russell erzählt in seinem Roman „Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow“ (Jänner 2017, Edition Salzgeber im Männerschwarm Verlag) die Geschichte des 1900 geborenen Sergej Nabokow, er ist der kleine schwule Bruder des berühmten Schriftstellers Vladimir Nabokov. Russell gelingt ein lebendiges Bild dieser unheilvollen Epoche. Souverän verbindet er seine Recherche über Nabokows Leben mit dem Wissen über die zeithistorischen Umstände, das kulturelle Leben und den Alltag der Menschen damals: So könnte das irrwitzige Leben des Homosexuellen tatsächlich ausgesehen haben.

 

In nur 45 Jahren durchlebt Sergej Nabokow bewegte Zeiten. In seiner aristokratischen Familie ist der stotternde Junge ein Außenseiter, dem seine schwulen Neigungen wegtherapiert werden sollen. Er studiert in Cambridge, geht nach Berlin und Paris, wo er schnell Zugang zum aufregenden Leben der Boheme um Cocteau, Diaghilew und Gertrude Stein erlangt. Als er schließlich an Opium zu sterben droht, bringt ihn sein Freund  Hermann Thieme auf sein Schloss Weißenstein in Tirol, wo die Nationalsozialisten das Freundespaar 1941 verhaften. Nach kurzer Haft wegen „widernatürlicher Unzucht „ geht Nabokow nach Berlin, wo er als Übersetzer im Propagandaministerium arbeitet. Wegen politischer Äußerungen wird er 1943 ins KZ Neuengamme verbracht, wo er unmittelbar vor Kriegsende entkräftet stirbt.

In einem Nachwort nennt Paul Russell die Quellen, auf die sich seine wuchtige Fiktion stützt und legt damit zugleich offen, dass vieles auch ganz anders gewesen sein könnte.

(JT Mai 2017)

Macht und Ohnmacht

 

Susanne Kliem schreibt mit „Das Scherbenhaus“ (März 2017, carl’s books) einen raffinierten Psychothriller, der in die Abgründe der menschlichen Psyche vordringt. Das fiese Ränkespiel um die Macht des Täters und die Ohnmacht des Opfers ist dramatisch und unheimlich.

 

Carla Brendel wird von einem Stalker verfolgt, der ihr Fotos mit bedrohlichen Motiven schickt: Haut, die sichtlich mit Messern geritzt und verwundet wurde. Aus Angst vor diesem sichtlich wahnsinnigen Fremden flüchtet sie aus dem sonst eher langweiligen Stade in Norddeutschland zu ihrer Halbschwester, einer Architektin, nach Berlin. In Ellens luxuriöser Wohnanlage "Safe Haven", die mit neuesten Sicherheitssystemen ausgestattet ist, fühlt sie sich beschützt. Doch kurz nach ihrer Ankunft verschwindet Ellen spurlos, ihre Leiche wird wenige Tage später aus der Spree geborgen. Ein tragischer Unfall?

Carla, die von Ellen alles erben soll, sucht nach der Wahrheit, die die Hausbewohner scheinbar verschleiern und verbergen. Schnell merkt sie, dass im "Safe Haven" ganz eigene Regeln und Gesetze und viele Ungereimtheiten herrschen. Und zu viele Fragen nicht so gesund sind! Wer sind die Feinde, wer die Freunde bei all den alarmierenden Vorfällen?

Man lernt: Blindes Vertrauen geht gar nicht und Menschen sind ganz leicht zu manipulieren.

(JT Mai 2017)

Die gefährlichen Fehler eines Richters

 

John Grisham schreibt in seinem neuen Roman „Bestechung“ (April 2017, Heyne) über den Berufsstand der Richter in den USA, von denen ja im Normalfall erwartet wird, dass sie ehrlich und weise handeln. Ihre Integrität und Neutralität sind das Fundament, auf dem jedes Rechtssystem ruht. Wir vertrauen darauf, dass sie für faire Prozesse sorgen, Verbrecher bestrafen und eine geordnete Gerichtsbarkeit garantieren. Doch Richter sind auch nur Menschen! Und als solche durchaus korrupt, erpressbar und bestechlich.

 

Lacy Stoltz, Anwältin beim BJC, der Rechtsaufsichtsbehörde in Florida, wird mit einem Fall richterlichen Fehlverhaltens konfrontiert, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Ein Richter soll über viele Jahre hinweg sehr hohe Bestechungsgelder angenommen haben. Der Whistleblower tritt nicht offiziell in Erscheinung, sondern gibt seine Informationen nur über Mittelsmänner weiter. Es fehlen aber handfeste Beweise für eine Anklage. Stoltz nimmt die verdeckten, sehr schwierigen Ermittlungen auf und merkt schnell, dass dies ein brandgefährlicher Fall ist. Die gegnerische Seite kämpft mit allen Mitteln dagegen an, entlarvt zu werden.

 

Hat man sich als Leser einmal an die vielen handelnden Personen gewöhnt, dann ist dieser mafiöse Fall rund um Korruption und Gefälligkeitsurteile spannend, denn relativ selten wird über Indianer-Gebiete geschrieben, die ihre eigenen Gesetze haben und nicht gerne jemanden dahinter blicken lassen.
Grisham schreibt trocken wie immer, aber an sich öde Gerichtsthemen arten bei ihm ja immer in einen Thriller aus.

(JT Mai 2017)


Alter schützt vor Torheit nicht

 

Nicholas Searle gelang mit seinem Debütroman "Das alte Böse" (März 2017, Kindler) in Großbritannien gleich ein Bestseller. Der Krimi ist wirklich brillant, eine Lese-Muss für Thriller-Liebhaber, mit abgefahrenen Wendungen, abgründig böse, hinterhältig, bedrohlich,  schwarzhumorig und mit einem Ende, das eine ziemliche Überraschung birgt, die man sich vielleicht aber anders erwartet hätte.

 

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Protagonisten Roy und Betty ist ein Roman über Verbrechen und deren Bestrafung.
Roy und Betty, beide jenseits der 80, haben sich über ein Datingportal im Internet kennengelernt. Bald zieht der eigentlich unsympathische, meist mürrische Roy in Bettys schönem Haus auf dem Lande ein – zum Missfallen ihres Enkels Stephen. Dass er etwas im Schilde führt, ahnt der Leser natürlich. Denn einmal Krimineller, immer Verbrecher! Selbst als Greis will er noch anderen Menschen Böses antun. Die naive Betty ahnt nicht (oder vielleicht doch, ist sie doch eigentlich eine gebildete, resolute Person), dass Roy sie um ihr Vermögen bringen will. Searle macht viele Rückblenden in Roys Vergangenheit, die ziemlich brisant und schockierend ist. Aber auch bei Betty erlebt man so manche Erstaunlichkeit!

(JT April 2017)

Und die Moral von der Geschichte …

 

Margaret Atwood ist eine der bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Wer jemald „Report der Magd“ gelesen hat, wird das wissen und ihr Gespür für gefährliche Entwicklungen unserer Welt nicht missen wollen. Ihr neues Werk „Das Herz kommt zuletzt“ (April 2017, Berlin Verlag) stellt Fragen nach Lebensregeln, Schuld und moralischer Verantwortung, nach der Bereitschaft zu Mitläufer- bzw. Mittätertum. Das Buch ist durchaus düster, aber auch voll Humor, wenn auch von der abgründigen Sorte! Es geht um die ungute Zukunftsvision eines totalen Überwachungsstaats.

 

Das Leben des durchaus ein wenig naiven Paares Charmaine und Stan war einst normal. Durch eine Wirtschaftskrise verlieren sie alles und leben in ihrem Auto, verarmt und verzweifelt angesichts marodierender Banden um sie herum. Da kommt  ein verlockendes Angebot der streng abgeschiedenen Stadt Consilience gerade zur rechten Zeit: ein Monat im Gefängnis, und einen Monat draußen, wo es Vollbeschäftigung gibt und sie ohne Kosten leben können. Das Positron Project ist ein soziales Experiment, das ihnen Sicherheit verspricht und doch ihr Leben und ihre Ehe gefährdet.

Atwoods Sprache ist wie immer virtuos und packend. Ihr Roman ist ziemlich abgedreht: es geht um Sex und Dominanz, der Liebe und den freien Willen. Die Schriftstellerin zeigt Charmaine und Stan mit all ihren Schwächen, Wünschen und Sehnsüchten. Ihr Schicksal macht nachdenklich und zeitweise sprachlos. Man kann nur hoffen, dass das reine Illusion bleibt und nicht der Zukunft der Menschen entspricht.

(JT April 2017)

My favourite Books III

 

Den Welttag des Buches am 23. April nehme ich zum Anlass,

Ihnen wie versprochen wieder Einsicht in mein Kopfkino zu gewähren,

das sofort zum Laufen anfängt,

wenn ich an die Geschichten zwischen meinen LieblingsBuchdeckeln denke.

Es ist sooo wichtig, Bücher zu lesen, mit ihnen zu leben.

Ich hoffe, ich kann Ihre Lesefreude wecken

und Sie tauchen in fremde Welten ein, verlieren sich in den Fantasien der Autoren

und schenken sich selbst Zeit mit Geschichten!

 

Herzlichst, Ihre Lilly Tampier

Illustration: Pinterest

Ich,  der Wächter ist ein Horror-, Psycho- und FantasyThriller, in dem nichts vorhersehbar ist. Vergleichbares habe ich davor und danach nicht gelesen. Wobei es ein Wagnis ist, das KultBuch und Meisterwerk von Charles McLean zu beginnen, zweifelt man doch nicht nur am Verstand des Protagonisten Martin Gregory. Völlig umwerfend ist der Schluss der ohnehin schon abgefahrenen und ziemlich verstörenden Story, deren Spannung genial aufgebaut wird. Martin lebt mit seiner Frau Anna und zwei Hunden außerhalb New Yorks ein sorgenfreies Leben. Die Geschichte beginnt an Annas Geburtstag. Martin will ihr einen schönen Tag machen, aber etwas läuft völlig aus dem Ruder. Es kommt zu einer ziemlich grässlichen Tat. Martins Geisteszustand verfällt immer mehr. Er muss in ärztliche Behandlung und wird bei den Therapiesitzungen auch hypnotisiert. Dabei stellt sich raus, dass er nicht zum ersten Mal lebt. Was wahr ist bzw. nur Martins Wahnkrankheit und seiner Fantasie entspringt, lässt der Autor offen um den Leser zu verunsichern.

 

Patrick Süskinds Klassiker Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders spielt im achtzehnten Jahrhundert in Frankreich und dreht sich um eine der genialsten und abscheulichsten Gestalten, über die je geschrieben wurde. Der Pariser Massenmörder Jean- Baptiste Grenouille lässt Bilder im Kopf entstehen, von denen man nie geglaubt hat, sie sehen zu müssen. Grenouille selbst ist geruchlos, ihm fehlt jeder Eigenduft, aber er ist mit einem genialen Geruchssinn ausgestattet. Er wird im bestialischen Gestank der Pariser Armenviertel groß, wo er sich, scheinbar vom Teufel besessen, zu einem Ungeheuer entwickelt. Eine Meisterleistung Süskinds, dem es gelingt, ein fürchterlich angsteinflößendes Märchen zu schreiben. Nach dem gruseligen Ende hat man noch lange das Gefühl, Gerüche besonders gut wahrnehmen zu können!

 

Die Haut, in der ich wohne von Thierry Jonquet ist wie ein bedrohliches Spinnennetz, in dem sich die handelnden Personen immer mehr verfangen.
Der berühmte plastische Chirurg Richard Lafargue hält seine Partnerin Ève in seiner Villa gefangen. Sie darf sie nur einmal im Monat verlassen, wenn das Paar eine junge Frau in der Nervenheilanstalt besucht. Nach diesen Ausflügen zwingt Richard seine Partnerin dazu, Sex mit Fremden zu haben, während er sie dabei beobachtet. In einem Verlies leidet der Abiturient Vincent qualvoll Hunger und Durst, nachdem er bei einer Hetzjagd im Wald von einem Unbekannten entführt worden ist. Anfangs glaubt er noch an eine Verwechslung, dabei ist das nur der Anfang einer subtil arrangierten Hölle, in die sich sein Leben verwandelt.
Die brillant komponierte Handlung rund um Rachsucht, Ausschweifung und bedingungslose Liebe zeigt eine derart zerstörerische Kraft, das man sich ihr nicht entziehen kann. Unheilvoll!

 

Der menschliche Körper beginnt kaum fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen – und wird dann zu einem gigantischen Festschmaus für Bakterien und für Insekten. Die unheimlichen Vorgänge in toten Körpern und der damit verbundene Modergeruch waren einst das tägliche Brot von Dr. David Hunter, Englands berühmtesten Rechtsmediziner. Simon Beckett schreibt mit Die Chemie des Todes sicher den besten PathologieThriller ever, ein Schocker sondergleichen!

David Hunter lebt nach dem Unfalltod seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Manham, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Devon, als einfacher Allgemeinmediziner. Als der Leichnam der sichtlich vor ihrem Tode gefolterten Schriftstellerin Sally Palmer gefunden wird, ist er, der schweigsame Fremde im Dorf, schnell Verdächtiger Nummer ein. Doch es stellt sich heraus, dass er früher eben Rechtsmediziner war, und die Polizei bittet ihn um Unterstützung. Eine fieberhafte Suche nach dem Mörder beginnt. Im Dorf bricht eine Hexenjagd los. Beckett legt so einige falsche Fährten, dass man am Ende des Krimis aus allen Wolken fällt!

Grausames Spektakel

Mark Roderick legt mit „Post Mortem – Tage des Zorns“ (März 2017, Fischer Taschenbuch) den dritten Band mit Interpol-Agentin Emilia Ness und Profikiller Avram Kuyper vor. Dieses Pärchen garantiert für Hochspannung, sind die beiden doch schon in den ersten Post Mortem Büchern in unglaublich grausame Greueltaten verwickelt gewesen.

Über lange Strecken glaubt man als Leser, zwei unterschiedliche Krimis in Händen zu halten. Kuyper und Ness ermitteln in parallelen Erzählsträngen jeweils in ihren aktuellen Fällen – die Agentin sucht den Serienmörder Dante und der Killer verfolgt die Spur eines alten Feindes, der ihn einst in Bolivien fast getötet hätte. Die Ermittlungen verlangen ihnen alles an Können und Nerven ab, sind doch Emilias Tochter Becky und Avrams Nichte Akina entführt worden und befinden sich in der Gewalt von mehr als verhaltensauffälligen Psychos. Klar ist, der Täter will die beiden Kinder und Emilia und Avram leiden sehen, er ist voll Zorn und will sie um ihren Tod flehen lassen.

Natürlich treffen Emilia und Avram auch in diesem Thriller aufeinander. Das ungleiche Paar muss sich auf eine gefährliche Reise begeben, wenn es die Mädchen retten will vor Bestien in Anzügen, die sich perfideste Spielchen für ihre Opfer ausgedacht haben, dass man die Ohren anlegt – auch vor der Fantasie Rodericks! Wie immer bei solch harten FolterThrillern stellt sich ja die Frage, wie können die Schöpfer dieser Mörderbuben nachts ruhig schlafen!

Rasant, dynamisch, gut, aber definitiv nichts für schwache Nerven!

(JT April 2017)

Entzückend

 

Ich bin mir ganz sicher, dass viele Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln genau so ein Buch schon gesucht haben! Kate Greenaway’s kleines Büchlein „Kinderspiele“ (März 2017, Insel Verlag) vereint achtzig Spielbeschreibungen mit zauberhaften Illustrationen mit dem Charme des 19. Jahrhunderts. Ein wunderbares Werk, das zum Erinnern einlädt und dazu anregt, die Spiele mit den eigenen Kindern und Enkelkindern wiederaufleben zu lassen. 1899 ist die Sammlung erstmals in Großbritannien erschienen und wurde nun wiederentdeckt.

 

Schon klar, dass die Kids von heute am liebsten am Computer und auf der Playstation spielen, aber der kleine Band stellt kompakt historische Kinderspiele vor wie „Himmel und Hölle“ oder „Woran denke ich?“, die die Minis gut dazu bringen, auch mal ins Freie zu gehen oder die man auch auf längeren Autofahrten spielen kann.

 

Gehört eigentlich in jede Bibliothek!

(JT April 2017)

Ist sie es? Oder doch nicht?

 

Amy Gentry schreibt mit „Good as Gone“ (Februar 2017, C. Bertelsmann Verlag) einen Roman, der keineswegs mit Thrillern à la „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“ verwechselt werden darf. Das Buch ist durchaus spannend wie ein Krimi, aber bleibt eine Mutter-Tochter-Kiste.

 

Die kleine Jane beobachtet nächtens, dass ihre 13-jährige Schwester Julie entführt wird. Im Schock und weil ihr Julie deutet, still zu sein, schlägt sie nicht Alarm. Julie bleibt verschwunden. Alle Suchaktionen sind vergebens. Die Eltern Tom und Anna erstarren in Trauer, leben nebeneinander her. Die Polizei legt den Fall zu den Akten. Acht Jahre später steht plötzlich eine junge Frau vor der Tür und behauptet, die vermisste Tochter zu sein. Alle sind glücklich. Doch schon bald spürt die Familie, dass die Geschichte der Verschwundenen nicht stimmt. Anna sucht nach der Wahrheit über die junge Frau.

 

Die Autorin spielt mit verschiedenen Erzählperspektiven und legt falsche Fährten, da heißt es aufpassen, damit man nicht die Übersicht verliert, weil manche Geschichten sehr konstruiert dahindümpeln und irgendwie nicht zusammenpassen.

Die neue Julie ist viele. Aber ist sie auch die richtige Julie? Das Ende überrascht.

(JT April 2017)

Finale

 

… und das ist auch gut so! Bernhard Aichner’s Trilogie rund um eine mörderische Bestatterin hat ausgeblumt. Nach gefühlten 100x „Blum“ pro gelesener Seite geht einem die gute Brunhilde nämlich ein wenig auf die Nerven ...

 

Der 3. und letzte Teil „Totenrausch“ (Jänner 2017, btb) – um sich auszukennen muss man unbedingt Teil 1 "Totenfrau" und Teil 2 "Totenhaus" vorher lesen – führt die Blum nach Hamburg, wo sie sich und ihren beiden Mädchen wieder Geborgenheit geben will. In ihrer unschuldigen, sagen wir mal dümmlichen Naivität, gibt sie sich dieser Illusion hin, nach all den Morden, in die sie verwickelt ist, ein normales Leben führen zu können.

Sie lässt sich mit dem stadtbekannten Zuhälter Egon Schiele (!), eigentlich Hermann, ein. Der, ein wenig vernarrt in sie, hilft ihr, eine neue Identität aufzubauen, knüpft ihr aber ein Versprechen ab, nämlich einen Mord für ihn zu begehen, wenn er das wünscht, was die doofe Nuss natürlich dann nicht macht, als er das will. Alles eskaliert! Das Ende wollen wir nicht erzählen, denn sonst ist auch das letzte Restchen Spannung weg.

Alles in allem ein typischer Aichner. Die kurzen Sätze und Kapiteln und stereotypen Formulierungen lesen sich wie in einem Schulaufsatz. Dadurch entsteht Tempo beim Lesen, man ist schnell mit dem Buch fertig.

 

(JT März 2017)

 

 

Ein echter Strobel

Wer Arno Strobel kennt, weiß, dass seine Krimis extrem packend, extrem verstörend, extrem intensiv sind. Seine Mörder-Figuren sind alle nicht „dicht“ in der Birne und man muss sich wirklich fragen, wie Strobel mit diesen von ihm erschaffenen Monstern ruhig schlafen kann! 
Mit „Tiefe Narbe – Im Kopf des Mörders“ (Jan. 2017, Fischer Taschenbuch) schickt der Bestseller-Autor Oberkommissar Max Bischoff quasi in Serie, das Buch ist der Auftakt einer Thriller-Trilogie.

Bischoff, Anfang dreißig, ist der Neue bei der Düsseldorfer Mordkommission. Er ist hoch motiviert und schwört auf moderne Ermittlungsmethoden, was nicht immer auf Gegenliebe bei seinem Kollegen Horst Böhmer stößt. Ihr erster gemeinsamer Fall beim KK11 hat es in sich. Auf dem Polizeipräsidium taucht eines Morgens der Journalist Harry Passeck auf, der völlig verstört und von oben bis unten mit Blut besudelt ist. Er weiß weder, was in der Nacht zuvor geschehen ist, noch hat er eine Erklärung für das Blut auf seiner Kleidung. Wie sich herausstellt, stammt es nicht von ihm selbst, sondern von einer Frau, die vor über zwei Jahren spurlos verschwand und für tot gehalten wird. Ist er Täter oder Opfer? Als kurz darauf eine weibliche Leiche am Rheinufer gefunden wird – es ist aber nicht die vermisste Miriam - verstricken Bischoff und sein Partner Böhmer sich immer tiefer im Dickicht der Ermittlungen. Bischoff wird auch immer wieder durch seine im Rollstuhl sitzende Schwester und durch eine neue Liebelei von seinem Fall abgelenkt, was sich als tödlicher Fehler erweist.

In einer zweiten Erzählebene offenbart sich der völlig krankeTäter, der seine Liebe zu Frauen und seine sexuellen Obsessionen nur mit äußerst abartigen Praktiken zum Ausdruck bringen kann.

 

Man kann als Leser der Strobel’schen Fantasie nicht entrinnen!

 

 

(JT Feb. 2017)

 

Eine Frauenfreundschaft

Elena Ferrante’s Porträt der Freundschaft von Lila und Lenù ist hinreißend. Derweilen ist das Thema ja eigentlich banal: zwei italienische Mädchen wachsen in einem neapolitanischen Armenviertel gemeinsam auf und wollen reich werden, kämpfen um ihren sozialen Aufstieg und den Ausbruch aus einer bildungsfernen Umgebung. Trotzdem schafft die Autorin es mit einer unglaublich soghaften sprachlichen Kraft, eine Geschichte zu formulieren, bei der man nicht aufhören kann und will, sie zu lesen!

Im Band 1 „Meine geniale Freundin“ (September 2016, Suhrkamp) blickt Elena Greco nach dem Verschwinden ihrer besten Freundin auf das gemeinsame Leben zurück. Elena, auch Lenuccia oder Lenù genannt, ist die angepasste Tochter eines Pförtners, und Raffaella Cerullo, Lina oder nur von Lenù Lila gerufen, ist eine draufgängerische Schustertochter. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich,  beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere.

Lila ist kein sympathisches Mädchen und auch keine klassische Schönheit, aber alle Buben und Männer erkennen in ihr etwas, das sie für immer fasziniert, ob Enzo Scanno, der Schulkamerad und spätere Gemüsehändler, die Solara-Brüder, die mit  der Camorra krumme Geschäfte machen, oder Stefano Carracci, dessen Vater Don Achille ermordet wurde. Von ihr ging eine Ausstrahlung aus, die sowohl verführerisch als auch gefährlich war.

Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie alle auf, in einem armen Rione, einem volkstümlichen Viertel, wo die Gewalt regiert, in den Familien und auf der Straße. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste Lila und die fleißige, durchaus hübsche Lenù, bis Lilas Vater Fernando seine Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Lenù, gefördert durch ihre Lehrkräfte, immer weiter in die Schule geht und schließlich studieren wird, obwohl ihr klar ist, dass dies der Weg von Lila sein hätte müssen.

Die Mädchen begleiten einander durch das Leben und müssen sich gegen die Zumutungen einer brutalen, von Männern beherrschten Welt behaupten. Lila gelingt es als erster, den Kindheitswunsch nach Reichtum zu verwirklichen, indem sie sich den Sohn der wohlhabenden Carraccis schnappt, die eine Salumeria betreiben, und ihn heiraten wird. Sie mutiert zur Jackie Kennedy des Riones, doch Lenù, die eine Liebschaft mit Antonio Cappuccio, einen Automechaniker, unterhält, bezweifelt ihr Glück. Und wirklich endet der Band 1 mit einem Knalleffekt.

 

Wie gut, dass Band 2 „Die Geschichte eines neuen Namens“ (Januar 2017, Suhrkamp) bereits veröffentlicht ist. Leidvolle Zeiten für Lila brechen an, während Lenù erkennt, dass ihre mühsam erarbeitete Bildung in ihrer neapolitanischen Welt nichts gilt. Das brennende Verlangen von beiden Frauen nach Nino Sarratore, den Lenù schon als kleines Mädchen liebte und der immer nur Lila wollte, führt sie fast ins Verderben und es kommt zu ihrer, wenn auch nur vorübergehenden Trennung. Auch der zweite Teil der Saga, die sich zeitweise ein klein wenig zu wissenschaftlich und zu politisch liest aufgrund des Studiums von Lenù in Pisa, endet mit einem Cliffhanger, aber Band 3 ist bereits für Juni angekündigt.

 

Die Bücher von Elena Ferrante (ein literarisches Pseudonym, das noch nicht enträtselt wurde) erzeugen eine (Lese)Sucht wie eine Droge! Sie sind ein schonungsloses, bestechendes Sittengemälde über die rettende und oft auch zerstörerische Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt – unabhängig von liebevoller Zuneigung, Missgunst, Rivalität und Geheimnissen. Oft verstörend, aber immer unglaublich spannend!

 

(JT Jan. 2017)

Die Geschichte der Lügnerin Mallory Knight

 

Jilliane Hoffman schreibt verstörende Krimis, allesamt Bestseller. Sie hat mit „Cupido“ einen der besten Thriller ever verfasst – und obwohl ihre nachfolgenden Bücher ein hohes Spannungsniveau haben, der Thrill von „Cupido“ scheint unerreichbar!

 

Der neue Krimi ist nach „Mädchenfänger“ der zweite Fall für FBI-Agent Bobby Dees, Spezialist für verschwundene Kinder und Jugendliche. „Insomnia“ (Dezember 2017, Wunderlich) ist die Geschichte der jungen Mallory Knight aus Florida, die nichts anderes will, als begehrt zu werden und beliebt zu sein. Nach einer Party ist sie plötzlich spurlos verschwunden. Verletzt taumelt sie zwei Tage danach in eine Biker-Bar und gibt vor, einem berüchtigten Serienmörder gerade noch so entkommen zu sein.

Der „Hammermann“ genannte Typ ist sichtlich wahnsinnig, so wie er seine Opfer zu Tode quält. In einer Parallelhandlung lernt man ihn kennen. Sein Kopf fühlt sich an, als sei er in einen Schraubstock gezwängt. Er kann nicht essen, er kann nicht schlafen. Und er hat böse Gedanken. Es gibt nur eines, was er tun kann, um seine Kopfschmerzen loszuwerden: Mord.
Als Special Agent Bobby Dees, der schon einmal einen Serienmörder gestellt hat, Mallory befragt, verstrickt sie sich in Widersprüche und Mallory muss bald erkennen, dass ihre Aussage fatale Folgen nicht nur für sie hat. Sie ist eines jener Mädchen, das im Leben immer die falschen Abzweigungen nimmt.

 

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!

(JT Jan. 2017)

Karin Peschka – eine Entdeckung

 

Wer eine Ahnung davon haben will, was unsere Väter, Mütter und die Großeltern ein Leben lang verschweigen, der sollte den großartigen Nachkriegs-Roman „Watschenmann“ (August 2014, Otto Müller Verlag) der Oberösterreicherin Karin Peschka lesen. Die wortgewaltige Autorin schafft es mit einem wirklich sehr eindrucksvollen, durchaus auch derben Schreibstil, dass der Leser spürt, wie das Leben nach dem 2. Weltkrieg wirklich war und wie es den Menschen in der schwierigen Zeit gegangen ist.

Wiederaufbau und wirtschaftlicher Aufschwung prägen das Jahr 1954 im noch besetzten Wien. Doch nicht jedem geht es gut in den neuen Zeiten, viele sind traumatisiert von den Geschehnissen. Die Gelegenheitsprostituierte Lydia,  die noch auf die Heimkehr ihres Verlobten aus der Kriegsgefangenschaft wartet, ihr Geliebter und Zuhälter, der Serbe Dragan, ein ehemaliger Boxer, und der junge Heinrich, der „Watschenmann“, den sie bei sich aufgenommen haben, gehören zu den Entwurzelten, die in einem Schuppen hausen und versuchen sich in ihrer ambivalenten Beziehung gegenseitig ein wenig Liebe, Stabilität und Halt zu geben. Heinrich provoziert andere, vom Krieg verrohte Menschen, dazu, ihn zu schlagen. Aber was stimmt eigentlich nicht mit ihnen?

 

Karin Peschka hat zahlreiche Auszeichnungen für ihren Debütroman bekommen – kein Wunder! Für ihren zweiten Roman „FanniPold“ (September 2016, Otto Müller Verlag) erhielt sie das Elias-Canetti-Stipendium 2015 und 2016.

Die Fanni sagt zum Poldi: "Brangelina, verstehst?". "Was?" fragt Poldi. "Angelina Jolie und Brad Pitt. Wären wir berühmt, weißt, wie wir heißen würden?". „Wie?" - Poldi spürt Fannis Herz pochen unter seiner Hand. "FanniPold", sagt sie.

 

Brangelina sind Geschichte, aber FanniPold bleibt! Darüber muss der Leser wirklich froh sein, denn dieses Buch ist so schräg und komisch, dass es Gusto macht auf die weiteren Schreibereien der Autorin. Die Geschichte spielt im fiktiven Kaff Laurinz in der Provinz und offenbart das Schlamassel von Fanni, aus dem sie nicht wirklich mehr rauskommt.

Vor lauter Fadesse zwischen betulichem Frauenstammtisch und Ehefrau- und Mutter-Dasein hat sie sich nämlich eine Krebserkrankung angedichtet. Die Lüge führt zu weiteren Lügen und schließlich zum tatsächlichen absurden Absturz: Ein Tandemflug der Eheleute endet in einem Tannenwipfel, Poldi und Fanni müssen auf Hilfe warten.

 

Beide Peschka-Bücher sind ein Muss!

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Dem Geheimnis auf der Spur

 

 

Andreas Eschbach schrieb als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung "für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs" seinen ersten Roman "Die Haarteppichknüpfer", der 1995 erschien und für den er 1996 den "Literaturpreis des Science Fiction-Clubs Deutschland" erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller "Das Jesus-Video" (1998), das zum Taschenbuchbestseller wurde. Mit "Eine Billion Dollar", "Der Nobelpreis" und zuletzt "Ausgebrannt" stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Thriller-Autoren auf.

"Teufelsgold" - der neue Thriller vom Bestsellerautor (September 2016, Lübbe) ist ein Zuckerl für seine Fans und Fantasy-Liebhaber. Durchaus spannend, mit einer interessanten Grundidee und aufregend, wenn man speziell beim Ende auch das Gefühl nicht ganz los wird, dass Eschbach beim Schreiben ein Getriebener unter Zeitnot oder durch Termindruck war! Der Autor bedient sich zwar gekonnt bei den Schlüsselteilen eines Schreibwerkes, das seinen Lesern ganz sich gefallen wird und mischt Mord mit Geheimorganisation, Mythos und Mystik, Physik und Chemie, Liebe und das Streben nach Reichtum zusammen, trotzdem erscheint manchen ein wenig lieblos.

 

 

Zum Inhalt: Nach dem Ende der Kreuzzüge taucht das erste Mal der Stein der Weisen, mit dem man Gold machen kann, auf - gefährliches Gold, radioaktives Gold nämlich. Der Stein erscheint, als ein Alchemist Gott verflucht, und er zieht eine Spur der Verwüstung durch Europa. Die Deutschordensritter erklären es zu ihrer geheimen neuen Aufgabe, ihn zu finden und sicher zu verwahren. Für alle Ewigkeit. Doch in der Jetztzeit kommen zwei Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten, dem wahren Geheimnis des Steins auf die Spur: Er ist ein Schlüssel, der unser aller Leben zum Guten hin verändern könnte. Vielleicht öffnet er aber auch nur die Pforten der Hölle?!

(LT Dezember 2016)

Ein langer, steiniger Weg

 

Rose Tremain erzählt in ihrem ganz besonderen Roman „Und damit fing es an“ (August 2016, Insel Verlag), übersetzt von Christel Dormagen, den Verlauf einer innigen Beziehung zwischen zwei Männern - sehr feinsinnig und in durchaus begeisterndem Stil.

 

Gustav Perle ist ein zurückhaltender Mann. Er wuchs in den 1940iger Jahren allein bei seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen im schweizerischen Matzlingen auf. Als Anton in seine Klasse kommt, ein Junge aus einer kultivierten jüdischen Familie, hält mit ihm Liebe und Geborgenheit in sein Leben Einzug. Anton spielt Klavier, und seine Familie nimmt Gustav sonntags mit zum Eislaufen. Emilie sieht das nicht gerne, lebt sie doch in der Überzeugung, dass die Bereitschaft ihres verstorbenen Mannes, jüdischen Flüchtlingen zu helfen, letztlich ihr gemeinsames Leben ruiniert hat. Doch Anton ist alles, was Gustav braucht, um glücklich zu sein. Umso härter trifft es ihn, als dieser – beide sind längst erwachsen – Matzlingen verlässt, weil er seine große Chance als Pianist wittert. Gustav widmet sich seinem Hotel Perle, das er inzwischen mit Erfolg führt – doch er ist einsam und verspürt eine große Leere in seinem Leben. Bis Anton zurückkehrt – und beide erkennen, dass das Glück vielleicht schon immer direkt vor ihnen lag.

Die beiden Hauptprotagonisten bleiben sich treu, durch alle Ereignisse und Schicksalsschläge – auch wenn sie sich immer weiter entfremden bleibt ihr einzigartiges Gefühl füreinander bestehen. Im Prinzip brauchen sie nur den anderen zum Glück. Tremain lässt den Leser in das Leben der Protagonisten, das einem nicht immer nur sympathisch ist, tief eintauchen. Im ersten Teil des Buches begleitet man den melancholischen Gustav durch seine Kindheit, der zweite ist seinen tragischen Eltern gewidmet, der letzte Teil schildert Anton und Gustav als Erwachsene, die beide an den seelischen Verletzungen ihrer Kindheit gewachsen sind.


(LT Dezember 2016)

Tote Mädchen machen keinen Sex

 

Die Oberösterreicherin Isabella Maria Kern hat sich mit dem Thema Zwangsprostitution lange auseinandergesetzt, erschüttert hat sie nicht nur die hohe Dunkelziffer, sondern das meist minderjährige Alter der Opfer, die zwischen 14 und 17 Jahren sind, und wenn es ganz böse ist, dann sind sie noch keine 14. Mit ihrem sehr gelungenen, extrem spannenden Roman „Li“ (Juli 2016, Iatros) will sie natürlich ihre Leser unterhalten, aber auch nachdenklich stimmen bzw. überhaupt auf das Thema, das gerne unter den Tisch gekehrt wird, aufmerksam machen. Das gelingt ihr sehr gut.

 

Der Journalist Peter, an sich ein arroganter Typ, hatte das Gefühl, dass alles schief lief in seinem Leben, was ihn ziemlich wütend machte. Bei den Frauen hatte er auch kein Glück, so beschloss er, sich einen bezahlten Fick mit einer Nutte zu gönnen. Wobei, schon am Hinweg zum Bordell vergeht ihm jede Lust. Nach seinem Besuch dort ist für ihn aber nichts mehr, wie es war.
Die Lust auf Sex ist ihm nämlich noch mehr vergangen, als er im Etablissement auf die minderjährige Li trifft. Blauäugig will er ihr helfen. Aber Li nimmt sich noch in derselben Nacht das Leben.

Peters Leben gerät vollkommen aus den Fugen, er wird von Zuhältern bedroht, als er ein anderes Mädchen schützen will, verliert seinen Job und hört dann auch noch Lis Stimme. Verliert er den Verstand?


Der Roman wird zum paranormalen Thriller mit so mancher Drehung und Wendung und zum Kampf um eine bessere Welt, der nicht zu gewinnen ist. Berührend. Das Buch regt auf jeden Fall auf und man wird ganz schön wütend ob der miesen Situation im Geschäftszweig der Prostitution.

 

 

(LT Dezember 2016)

David Hunter is back!

Simon Beckett’s Buch „Die Chemie des Todes“ zählen wir zu den spannendsten Krimis überhaupt! Es war 2007 der erste Fall des Forensikers Dr. David Hunter. Sein fünfter Fall „Totenfang“ (Oktober 2016, Wunderlich) führt Hunter in die Backwaters, ein ziemlich unwirtliches Mündungsgebiet in Essex. Aber Unwirtlichkeiten ist er ja gewöhnt – Beckett erspart sie ihm nie. Die wahren Gefahren lauern natürlich dort, wo Hunter sie am wenigsten erwartet, denn nicht Ebbe und Flut oder Strömungsverhältnisse sind die Schwierigkeiten des Falls, sondern biologischer Zerfall und wie immer die komplizierten Beziehungen rund um die Toten.

Kurz zum Inhalt, ohne viel preiszugeben: Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers, Spross der einflussreichsten Familie der Gegend, spurlos verschwunden. Als eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Er soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt. Man vermutet Mord und Selbstmord. David Hunter hat natürlich Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche. 
Im Ort  der erbarmungslosen Wasserlandschaft mit Sumpf und Kälte haben viele etwas zu verbergen. Kann der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen?


Bestseller-Autor Simon Beckett legt erneut einen Thriller der Meisterklasse in vielen Shades of Grey, wir meinen damit Schlammgrau, vor.

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Die Gefahr der Genmanipulation

 

Der Autor Marc Elsberg schafft es, seine Finger in klaffende Wunden zu legen, damit sie wirklich schön weh tun! Das war in seinem Bestseller „Blackout – Morgen ist es zu spät“ (wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte es ganz schnell tun!) so und das ist auch in „Helix – Sie werden uns ersetzen“ (Oktober 2016, blanvalet) nicht anders. Natürlich könnte man sich damit trösten, dass ja beide Bücher nur Romane sind … Aber, was ist Fiktion und was passiert schon??? Alles erscheint nur weit hergeholt!

 

In „Helix“ geht es um unser Erbgut und um die Manipulation desselben sowie deren Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft. Das „Gott spielen“ und die Herumbastelei an unserem Leben kann schon Angst machen, aber halt nicht jedem. Sonst würde es ja keiner tun. Natürlich kann Gentechnologie auch gut sein, aber was, wenn alle Spielereien in einer Katastrophe enden? Was ist Fluch, was Segen?

 

Elsberg erzählt auf spannende und emotionale Weise einen Gesellschaftsthriller, der sicher kontrovers diskutiert wird. Zum Inhalt: bei einer Münchner Sicherheitskonferenz stirbt der US-Außenminister durch einen personifizierten Virus. In der Dürre Tansanias gedeihen plötzlich Maispflanzen, die es dort gar nicht geben kann. In Kalifornien bietet ein Arzt einem Paar an, sich ein Kind mit genetischen Super-Anlagen kreieren zu lassen, quasi ein Wunschkind wie aus einem Katalog zu wählen.

 

Der fesselnde Showdown ist ein ziemlicher Nagelbeißer!

 

 

(LT Dezember 2016)

 

Verwirrspiel

 

Als der Unternehmensberater Christian König, ein Workaholic, der Pillen einwirft um sich ganz seinem Job widmen zu können, mit einem Email den Link zu einem Video bekommt und ihn anklickt, ist er entsetzt über das, was er sieht: einen bis zur Unkenntlichkeit entstellte Wasserleiche. Doch als er die Polizei einschaltet, hat er das Gefühl, dass man ihm nicht glaubt. Er erhält weitere grauenhafte Videos. Seltsame Ereignisse beginnen sich in seinem Leben zu häufen. Dann steht die Polizei plötzlich vor seiner Tür. Man hat herausgefunden, dass die Emails von seinem Account verschickt wurden. Und: Die Toten sind keine Fremden - Christian kannte sie alle. Wie kann er den Beamten klar machen, dass er mit den Morden nichts zu tun hat?

 

Veit Etzold, der Autor von „Skin“ (Juli 2016, Bastei-Lübbe) beginnt sein Buch leider nicht ganz so spannend, wie der Plot eigentlich klingt. Fast über 100 Seiten liest man von Banken, Fonds, Finanzen, Unternehmensberatern usw. Die Person seines Protagonisten Christian zeichnet er auch leicht nervig. Die Lektüre zieht sich ein wenig, wenn man nicht gerade aus der Banken- und Versicherungsbranche kommt, und es dauert, bis der Funke überspringt. Sobald der Leser in die Story abgetaucht ist, kommt aber diese gewisse Etzoldsche Spannung auf …

 

 

(LT Oktober 2016)

 

My favourite Books II

Wie versprochen habe ich wieder in meiner Lieblingsbücher-Mottenkiste gewühlt und stelle Ihnen weitere meiner All-Time-Favourites vor – in der Hoffnung, dass sie auch Ihnen unvergessliche und vergnügliche Lese-Abenteuer bescheren!

Herzlichst, Ihre Lilly Tampier

 

Carlos Ruiz Zafón‘s Welterfolg Der Schatten des Windes können auch Sie garantiert nicht aus der Hand legen, bevor Sie am Ende angekommen sind. Es ist eine Geschichte, der man nicht entrinnen kann, ein leidenschaftlicher, absolut fesselnder, origineller, morbider und berührender Roman für jeden Buch-Liebhaber.

An einem dunstigen Sommermorgen des Jahres 1945 wird der junge Daniel Sempere von seinem Vater an einen geheimnisvollen Ort in Barcelona geführt – den Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt Daniel den Roman eines verschollenen Autors für sich, er heißt „Der Schatten des Windes“ - er wird sein Leben für immer verändern. Von nun an lässt ihn die Geschichte und das Schicksal dieses Werks nicht mehr los, zumal noch andere, rätselhafte Gestalten sich für diese Ausgabe interessieren. Daniel taucht ein in eine düstere Atmosphäre, in die Geheimnisse und das Gemurmel des nächtlichen Barcelonas und erlebt jede Menge Abenteuer, bei denen man ihm atemlos folgt.

Marion Zimmer Bradley hat als Autorin von Die Nebel von Avalon Weltruhm erlangt - völlig zu Recht. Das berühmte Fantasy-Werk ist eine großartige Nachdichtung der Artussage und eignet sich zum Hineinkippen an langen, grauen Wintertagen.

Morgaine, die Hohepriesterin des Nebelreichs Avalon und die Schwester von Artus, erzählt die wahre Geschichte ihres königlichen Bruders und der Ritter der Tafelrunde zum ersten Mal aus der Sicht einer Frau. Sie zeigt die Heldengestalten Artus und Lancelot in einem neuen Licht und erinnert daran, dass einst Frauen die Macht, Magie und Spiritualität in Händen hielten. Sie lenkten im Verborgenen die Geschicke ihrer Zeit, setzten den König der Legenden auf den Thron und gaben ihm das Heilige Schwert Excalibur. Der Leser wird unweigerlich in den Bann der Legende um Artus und seine Ritter gezogen. Bradley schafft es, dass man glaubt, dass Avalon wirklich ist oder zumindest war. Sie erweckt den einmaligen Zauber dieser versunkenen Zeit zu neuem Leben. 

Ein Tropfen Zeit ist ein faszinierender Lesestoff von Daphne du Maurier, der Grande Dame der englischen Erzählkunst, der die Leser ganz schön in Atem hält. Als die Autorin diesen Roman Ende der 1960iger Jahre geschrieben hat, spielte sie gekonnt auf die damalige In-Droge LSD an.

Der Leser folgt in der meisterhaft konzipierten Story dem Ich-Erzähler Richard Young, einem Schriftsteller, auf seinen Reisen in eine längst vergangene Zeit und lernt mit ihm längst verstorbene Menschen kennen. Alles nur Halluzination oder tatsächlich Realität? Sein Freund und Vertrauter, Magnus Lane, Professor der Biophysik in London, hat nämlich ein ausgefallenes Hobby: er experimentiert heimlich mit einer Zeitdroge. Richard stellt sich für seine Versuche zur Verfügung, wird für Stunden in eine andere Welt versetzt und Augenzeuge von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurückliegen. Immer stärker verfallen die beiden Männer der gefährlichen Sehnsucht nach der anderen Welt. Als sie sich wieder einmal für einen weiteren gemeinsamen „Ausflug“ in die Vergangenheit verabreden, wartet Young vergeblich. Lane wird tot aufgefunden. Als Leser wird man süchtig nach diesem fast halluzinogenen Rausch, die packende Vergangenheit zu ergründen und fiebert mit dem Protagonisten mit.                                                               Daphne du Maurier nahm damals schon die Sogwirkung der heutigen virtuellen Welt des Internets vorweg. Ein geniales, superspannendes Buch, dass dazu verführt, viel zu schnell zu lesen um endlich des Rätsels Lösung zu erfahren!

Suzanne Rindell erster Roman Die Frau an der Schreibmaschine ist eine extrem spannende Geschichte über Singlefrauen in den Roaring Twenties in New York City – unterspickt von dem einen oder anderen Mord. Restlos überzeugend sind ihre überraschenden Wendungen und das nicht minder überraschende Ende des Buches.

 

Rose Baker arbeitet als Stenotypistin im New York City Police Department. Geständnisse zählen zu ihrem Alltag. Es ist das Jahr 1923. Und wenngleich Rose grausame Details über Messerstechereien und Morde protokolliert – sobald sie den Verhörraum verlässt, zählt sie wieder zum schwachen Geschlecht. Rose ist eine prüde Frau, deren Lebensinhalt die Arbeit ist und der charmante Seargent im Police Department, den sie heimlich anhimmelt. Eines Tages ändert sich aber schlagartig ihr Leben. Sie bekommt eine neue Kollegin, die glamouröse Odalie, die ihr zeigt, dass die modernen Frauen auf New Yorks Straßen ein ganz anderes Leben, als sie es kennt, führen, ausgehen, Alkohol trinken und sich modisch und verführerisch stylen. Die geheimnisvolle Odalie entführt Rose in die Nachtclubs der Stadt. Rose ist schockiert und ebenso fasziniert. Aus Faszination wird Obsession. Und dann gibt es einen mysteriösen Todesfall und für Rose die Erkenntnis, dass sie mit ein paar Anschlägen auf ihrer Schreibmaschine jemanden lebenslang ins Gefängnis befördern kann.

 

 

(LT Oktober 2016)

 

Die Frau und ihr Verbrecher-Mann

 

Fiona Barton widmet sich in ihrem Debüt-Roman „Die Witwe“ (Mai 2016, Wunderlich) jener Gruppe von Frauen, die hinter ihren angeklagten Verbrecher-Männern stehen, die ihnen Alibis geben und sie vor der Presse und den Nachbarn mit aller Macht und eisiger Miene verteidigen.

Jean „Jeanie“ Taylor ist so eine Frau, sie führt ein ganz normales Leben in einer englischen Kleinstadt, hat ein hübsches Haus und einen netten Ehemann, um den sie alle beneiden, ist sie doch so eine typische graue Maus. Glen und sie führen vorgeblich eine gute Ehe, auch wenn er ein Mister Controletti ist und sie keine Kinder bekommen können, was Jean extrem belastet und Glen am Computer so manchen Unsinn treibt, wovor sie die Augen schließt.

 

Dann kommt der Tag, der alles ändert: Glen soll etwas Unsagbares getan haben, er wird beschuldigt, die kleine Bella Elliott entführt zu haben und exzessiver Konsument von extremen Kinderpornos zu sein. Jeans heile Welt zerbricht. Glen streitet bei Gericht und ihr gegenüber alles ab und zwingt seine Frau, an ihn und seine Unschuld zu glauben und zu ihm zu stehen.
Nach einem Unfall stirbt Glen und Jean ist nun Witwe. Sie ist frei, das Spiel der Presse, der Journalistin Kate Waters speziell, die sie in ihrem Haus belagert, endlich nach eigenen Regeln zu spielen. Aber wird sie sagen, was sie weiß? Und was weiß sie eigentlich?

Die Handlung wird aus diversen Perspektiven und in unterschiedlichen Zeitebenen von 2006 bis 2010 geschildert und das nicht in chronologischer Reihenfolge. Die Ermittlungen zum Fall erfährt man aus der Sicht des Opfers in Form von Bellas Mutter, Dawn Elliott, die ihr kleines Mädchen kurz unbeaufsichtigt im Garten spielen ließ, aus der Sicht des Ermittlers, Kommissar Bob Sparkes, sowie der Presse und ebenfalls aus der Wahrnehmung des wahrscheinlichen Täters und dessen Ehefrau. Als Leser ist man gut informiert, erlebt die ziemlich erschreckende Ehe der Jean Taylor, die Vorgangsweise der Journalisten und der Ermittler mit und ist neugierig, was wirklich mit Bella passiert ist. Man rätselt und fiebert dem Ende entgegen.

Die Spannung ist großartig von der Autorin aufgebaut. Eine wirklich gute Story!

 

(LT Sep. 2016)

Liebe Bücher-Freunde!

Feinen Dank für all Ihre Rückmeldungen zu meinen Bücher-Tipps. Ich freue mich, wenn Sie meinen Empfehlungen folgen, sind doch solche Tipps immer sehr persönlich, ein „objektiv“ gibt es hier nämlich keinesfalls – auch nicht für Journalisten.

Immer wieder fragen mich die Leser nach meinem ultimativen Lieblingsbuch! Ich habe lange nachgedacht und es war mir nicht möglich, mich auf ein einziges Werk zu reduzieren, zu lange dauert schon meine „Lesekarriere“ an. Aber ich habe mir überlegt, welche Bücher mich auf einer einsamen Insel trösten würden und stelle Ihnen gerne eine Auswahl von Büchern vor, die mich besonders beeindruckt haben. Das erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und lässt Platz für weitere Artikel dieser Art!

 Ihre Lilly Tampier

 

My favourite Books I

16 Jahre jung war die Französin Anne-Sophie Brasme, als sie ihren Debütroman Dich schlafen sehen  schrieb und damit die Bestsellerlisten – und mich - eroberte. Brasme hat eine sprachliche Stärke, vor der man gerne den Hut zieht: Chapeau!                                                                                                                                             Ihre Protagonistin Charlène ist bis zur Pubertät ein scheinbar normales Mädchen. Charlènes Fahrt in den Irrsinn beginnt langsam, die Beklemmung des Lesers ob des einsamen Kindes wächst von Seite zu Seite. Dann wird Sarah ihre beste Freundin. Sie hat Selbstbewusstsein, Charme und Charisma. Neben ihr und durch sie fühlt sich Charlène nicht mehr wie ein Nichts. Bis Sarah ihre Macht über die Freundin auf sadistische Weise auszunützen beginnt. Charlène tut alles für Sarahs Gunst. Der letzte Ausweg ist Mord.

In Donna Tartt's Meisterwerk Die geheime Geschichte geraten die Protagonisten durch übersteigerte Dekadenz und Suche nach Selbsterfahrung ins Verderben. Schon auf der ersten Seite weiß man, dass man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen wird bis zum bitteren Ende! Brillant.

Richard Papen stammt aus einfachen Verhältnissen. Als er durch ein Stipendium das elitäre College in Vermont besuchen kann, ist er fasziniert von einer Gruppe junger Studenten, alles dekadente Sonderlinge, die neben dem Studium von Homer dem täglichen Alkohol huldigen. Doch bald spürt er unterdrückte, tödliche Spannungen und wird von einem dunklen Geheimnis in einen mörderischen Sog gezogen. Die Kontrolle der Situation gerät komplett aus den Fugen.

 

Der Thriller Ein ganz einfacher Plan von Scott Smith spielt im Winter in Ohio. Zu Silvester treffen sich Hank und sein Bruder Jacob um gemeinsam das Grab der Eltern zu besuchen. Auf dem Weg dorthin finden sie im tief verschneiten Wald ein abgestürztes Flugzeug. Der Pilot ist tot, neben ihm steht eine Tasche mit genau 4.4 Millionen Dollar. Hank schmiedet einen einfachen Plan: Sie werden das Geld erst einmal verstecken und nicht anrühren. Sollte die Polizei danach fahnden, wird er es verbrennen. Sollte es aber niemand vermissen, werden sie in genau einem Jahr damit abhauen und ein neues Leben beginnen.

Dass dieser Plan natürlich nicht aufgeht und in Betrug, Misstrauen und Habgier endet, ist so fantastisch, rasant und unterhaltsam geschrieben, dass man  dieses Buch in einem Rutsch ausliest! Das Geld hat nämlich alle fest im Griff, es zieht Verbrechen um Verbrechen nach sich. Die Handlungen der Protagonisten werden immer irrationaler, alle sind in unheilvolle Probleme verstrickt und ein Leben ohne das Geld scheint nicht mehr denkbar.

 

Schrill und saukomisch ist die turbulente Slapstick-Screwball-Komödie Himmelblau von Joe Keenan. Ich habe mich gar nicht eingekriegt vor lauter Lachen und Freudentränen ob der unglaublich aberwitzigen Geschichte um eine sogenannte Traumhochzeit vergossen. Genial!

Der stockschwule New Yorker Gilbert will sich die Hände mit ordentlicher Arbeit nicht schmutzig machen, hat er doch einen cleveren Plan. Erstens will er der lieben Verwandtschaft Heterosexualität vorgauckeln und zweitens sollen ihm die großzügigen Hochzeitsgeschenke das eigene Leben noch angenehmer gestalten. Der simple Plan vom grandiosen Geschenke-Abräumen und der Traum von der großen Knete gerät natürlich völlig aus dem Ruder und Gilbert, sein Freund Philip und die sogenannte Verlobte Moira drohen unter die Räder zu kommen, mischt sich doch unter die illustre Gästeschar auch die Mafia.

 

Minette Walters schuf mit der hässlichen, fetten Olive Martin in Die Bildhauerin eine furchteinflößende Mörderin, die wegen einer grausamen Tat für 25 Jahre im Zuchthaus sitzt. Sie hat – ohne Anwalt und ohne sich zu verteidigen - zugegeben, ihre Mutter und ihre Schwester Alison „Amber“ mit einem Nudelholz erschlagen und dann zerstückelt zu haben. Unter ihren Mitgefangenen ist Olive wegen ihrer Aggressionen gefürchtet, sie ist immer auf Krawall gebürstet, ihre Beschäftigung mit Knetpuppen, in die sie Nadeln sticht, hat ihr die Bezeichnung „Die Bildhauerin“ eingetragen.

Die Journalistin Rosalind Leigh soll Jahre nach dem Mord ein Buch über Olive schreiben. Sie findet Olive, die die Zusammenarbeit torpediert, zunächst widerwärtig, schnell stößt sie aber auf eine Reihe von Ungereimtheiten bei diesem sensationellen Fall, auf eine verborgene Wahrheit hinter der vermeintlichen Wahrheit. Was hat es mit Ambers Sohn auf sich und der großen Erbschaft, die Olive nicht antreten kann? Rosalinds Recherchen sind ein sehr spannender Ausflug in die Abgründe der menschlichen Psyche. Schauerlich gut!

 

 

(LT Aug. 2016)

 

 

Jetzt erinnere dich doch endlich!

Wendy Walker schreibt mit „Dark Memories – Nichts ist je vergessen“ (Juni 2016, Scherz) einen beeindruckenden Psychothriller über Jenny Kramer aus Fairview in Connecticut, die als 16jährige brutal attackiert und schwer traumatisiert wird.

Ihre Eltern Charlotte und Tom wollen ihr die Verarbeitung erleichtern und lassen bei Jenny mithilfe eines Medikaments die Erinnerung an den Vorfall auslöschen. Charlotte spielt auf Normalität, Tom sucht besessen nach dem Täter. Und Jenny hat keine Bilder mehr im Kopf. Das Nicht-Erinnern-Können wird für sie zu einem Albtraum. Denn ihr Körper weiß noch immer, was ihm angetan wurde, kann es aber nicht verknüpfen. Gemeinsam mit dem Psychiater Alan Forrester will sie Licht in das Dunkel jener Nacht bringen. Die Gefahr besteht in der Manipulation der Erinnerung, wem kann Jenny vertrauen?

Du musst dich erinnern, Jenny! Schon des Lesers wegen …

 

(LT Juli 2016)

 

Der Zauber von Venedig

 

Hermann Hesses Schilderungen von Venedig im Buch „Lagunenzauber“ (Mai 2016, Insel Taschenbuch, herausgegeben von Volker Michels) zählen zum Schönsten, womit je dieser Stadt gehuldigt wurde. Wer mit Hesse das Labyrinth ihrer Inseln, Gassen, Kanäle und Brücken durchstreift, wird vieles mit neuem Blick entdecken, auch wenn er schon glaubt, alles zu kennen!

 

Dank Tagebuchaufzeichnungen, kurzen Skizzen und Gedichten vermag Hesse, den Zauber der Lagune auf eine Weise zu vermitteln, dass der Leser ihn unmittelbar erlebt. Seine Schilderungen des Alltags der Bewohner auf den Inseln Venedigs sind sehr lebensnah.

Das Kernstück des Buches sind die Auszüge aus den Reisetagebüchern von 1901 und 1903, ergänzt durch zahlreiche Fotos, von denen ein Großteil aus der Zeit von Hesses Reisen stammt. Alt, aber sehr gut und Venedig verändert sich nicht und doch!

 

Eine ideale Einstimmung für die nächste Venedig-Reise! Oder zum Stillen der Sehnsucht nach der Serenissima …

 

 

(LT Juli 2016)

John Irving’s Wundertüte ist wieder geöffnet!

 

Als bekennende Irving-Liebhaberin, bin ich mir aber auch bewusst, dass dieser unvergleichliche Schriftsteller polarisiert, dass er vielen Lesern mit seinem Plauderton, der dazu neigt, auf hundert und tausend Dinge einzugehen, den Nerv zieht! All jenen, die an John Irving deswegen gescheitert sind, sei sein Buch „Witwe für ein Jahr“ aus dem Jahr 1998 empfohlen, wahrscheinlich sind sie dann auch „angefixt“!

 

Nun will ich mich aber dem neuen Werk des Meisters widmen: „Straße der Wunder“ (März 2016, Diogenes) ist ein Roman über Liebe und Verlust, schräg, absurd und anspruchsvoll wie immer, gar nicht schwer lesbar, mit bitterbösen Seitenhieben auf die Religion und Jesus’ Bodentruppe, die Kirche!

Das Buch handelt von Juan Diego, einem mexikanischstämmigen Amerikaner aus Iowa, der seine Kindheit in Oaxaca verbrachte. Er und seine Schwester Lupe sind Müllkippenkinder. Ihre einzige Überlebenschance ist der Glaube an die eigenen Wunderkräfte. Denn Juan Diego kann fliegen und Geschichten erfinden, Lupe brabbelt unverständliches Zeug, gilt als behindert, weil nur ihr Bruder sie versteht, aber sie kann die Zukunft voraussagen, insbesondere die von Juan Diego. Um ihn zu retten, riskiert sie alles.

 

Der schrullige Hauptprotagonist berührt tief innen mit seiner Liebe zum Schreiben und zu Büchern, vielleicht ist Juan Diego autobiographisch oder auch nur der Phantasie Irving’s entsprungen, wer weiß das schon?
Genießen Sie John Irving’s meisterhafte surreale Kunst des Fabulierens, nehmen Sie sich die Zeit dafür, es lohnt sich allemal!!

 

Wo Irving drauf steht, ist Irving drin!

 

 

(LT April 2016)

 

Die Geschichte von Miklós und Lili

 

Das Buch „Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos (Oktober 2015, Hoffmann und Campe) ist erschreckend aktuell. Es ist die wahre Geschichte des Ungars Miklós Gárdos, Vater des Autors. Miklós hat das KZ Bergen-Belsen überlebt, den Aufenthalt bei den Russen, konnte 1945 bis nach Schweden fliehen und bekommt dort von seinem Arzt gesagt, dass ihn eine Krankheit in spätestens 6 Monaten das Leben kosten wird. Jetzt ist er zwar dem Tod von der Schippe gesprungen – und nun dies. Miklós besteht nur aus Haut und Knochen und hat keine Zähne mehr, aber er ist ein Kämpfer!

 

117 junge Frauen aus Miklós' Heimatstadt haben wie er die Vernichtungslager der Nazis überlebt und es nach Schweden in Erholungsheime geschafft. Jeder einzelnen von ihnen schreibt er einen Brief. Eine dieser Frauen wird er heiraten, das hat er sich fest vorgenommen. Lili Reich, die keine Jüdin mehr sein will, beschließt, ihm zu antworten. Im Dezember 1945 treffen sich Miklós und Lili zum ersten Mal. Und lieben sich vom ersten Augenblick. Miklós darf jetzt einfach nicht sterben. Sie müssen einen Weg finden, wie sie heiraten können. Denn was sind sie in Schweden? Patienten? Flüchtlinge? Exilanten? Besucher, die sich vorübergehend im Land aufhalten?

 

Die Erzählung ist eine ernste, wunderschöne, tragische Liebesgeschichte. Und zeigt einmal mehr, dass kein Mensch, ob auf der Flucht oder einfach nur zuhause, illegal ist und Glück und Respekt verdient!

 

 

(LT März 2016)

Das Duell

 

Andreas Pflüger schreibt mit „Endgültig“ (März 2016, Suhrkamp) einen ungewöhnlichen Thriller über eine blinde Polizistin. Jenny Aaron war nicht immer blind, sie war Mitglied einer international operierenden Elitetruppe der Polizei – hochintelligent, kampferprobt, effektiv. Wenn sie kämpfte, war es zum Fürchten. Nun ist sie seit einem misslungenen Einsatz in Barcelona, den sie mit ihrem Kollegen und Lover Niko durchführte, mit ihren geschärften Sinnen Verhörspezialistin und Fallanalytikerin beim BKA. Sie spürt das Verborgene und versteht es, zwischen den Worten zu tasten.

 

Fünf Jahre nach Barcelona erhält Aaron einen Anruf: Die früheren Berliner Kollegen bitten sie um ihre Mithilfe. Reinhold Boenisch, ein Frauenmörder, gegen den sie als junge Polizistin ermittelte, hat im Gefängnis eine Psychologin getötet. Sie entschließt sich, den Fall anzunehmen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Doch Boenisch ist nur eine Schachfigur in einem Komplott. Aaron wird erkennen, dass ihr bisheriges Leben eine einzige Vorbereitung auf die folgenden brutalen sechsunddreißig Stunden war. Sie gerät in einen Fall, der ihre Vergangenheit aufwühlt. Ihre ehemaligen Kollegen, die füreinander und für sie zu sterben bereit sind, reißt sie damit in den Tod. Zunächst begreift sie nicht, warum sie vom Verbrecher Holm und seinem primitiven Bruder Sascha gejagt wird und warum man sie um jeden Preis umbringen will. Die Zusammenhänge erkennen sie und ihr väterlicher Beschützer Pavlik erst sehr spät.

Andreas Pflüger beschreibt konsequent die Geschichte aus der Perspektive einer Blinden. Er zieht dabei für seine Leser die Spannungsschraube ganz schön fest an!

  

(LT März 2016)

 

Hilflos ausgeliefert

Die Fantasien des Autors Arno Strobel möchte man eigentlich nicht haben … Aber er schafft einfach so superspannende Thriller, dass man zum Nägelbeisser werden könnte! Nach der Lektüre von „Die Flut“ (Jänner 2016, Fischer Taschenbuch) wird man sich einen Insel-Urlaub zweimal überlegen!

Julia und Michael werden von seinem Kollegen Andreas eingeladen, zwei Wochen auf der beschaulichen Nordseeinsel Amrum zu verbringen. Die beiden Männer wollen Andreas‘ Ferienhaus renovieren. Seine Frau Martina ist eine furchtbare, dauernörgelnde Zicke und verbreitet ständig schlechte Stimmung, während Andreas ungeniert mit Julia flirtet.

Dann ereignen sich auf der Insel schreckliche Morde: Ein grausamer, aber durchaus cleverer Täter, ein echter Freak, ist am Werk. Er entführt Paare und vergräbt nachts bei Ebbe die Frau bis zum Hals im Sand. Den Mann bindet er an einen Pfahl in der Nähe fest, so dass er dabei zusehen muss, wenn seine Frau bei Flut langsam ertrinkt.  Es gibt im kühlen und windigen November nur wenige Touristen auf der Insel und die vier Urlauber werden schnell zum Ziel von Polizeibefragungen.

Die Ermittlungen rund um den ganzen Insel-Albtraum werden vom unsympathischen Polizisten Harmsen geleitet, der  rücksichtslos auftritt und für den ganz rasch Michael zum Hauptverdächtigen wird.

Strobel läßt die relativ ruhig erzählte Geschichte eiskalt eskalieren und der Schluss des Psychothrillers ist ziemlich stark!
 

(LT Feb. 2016)

 

 

Benutzt 

 

Man kann die Ödnis förmlich spüren, die im fiktiven Grundendorf im Marchfeld herrscht. Kein Wunder, dass Lisa vor ein paar Jahren nach dem Tod ihrer Mutter einfach nach Wien gegangen ist um dieser Perspektivenlosigkeit, dem schweigenden Vater und der kleinen Schwester sowie ihrem Verlobten zu entfliehen. Noch dazu, wo in einer eisigen Winternacht zwei Jugendliche spurlos verschwunden waren und die örtliche Polizei keinerlei Anhaltspunkte über ihren Verbleib fand und mit der Zeit der Fall in Vergessenheit geriet. Drei Jahre später werden nach einem Faschingsfest wieder zwei junge Menschen vermisst. Roman Klementovic erzählt mit „Immerstill“ (Februar 2016, Gmeiner) eine unglaubliche Geschichte – weitab vom Mainstream - mit vielen Lügen und Täuschungen.

 

Lisa muss in ihren ungeliebten, trostlosen Heimatort zurück, denn eine von den vermissten Frauen ist ihre Schwester Maria. Sie ist im Ort nicht wirklich willkommen, ihr Vater verhält sich noch merkwürdiger als früher und sie stößt bei ihren Recherchen auf Widerstand der doch sehr seltsamen Dorfbewohner und auf große Ungereimtheiten. Außerdem muss sie sich ihrer schmerzhaften Vergangenheit stellen – begegnet sie doch unweigerlich ihrem Ex-Freund Patrick, einem Polizisten.

Die Medien wittern eine Tragödie und in dem kleinen Dorf wächst spürbar die Nervosität. Als eine entstellte Leiche gefunden wird, bricht endgültig die Panik aus. Am Ende der Geschichte steht Lisa vor einem Scherbenhaufen, der ihr Leben ist. Die erschreckende Gewissheit ist schockierend.

 

(LT Feb. 2016)

 

 

Die Geschichte eines Zerfalls

Nach der Lektüre des überaus spannenden und brillant geschriebenen Thrillers „Tu es, tu es nicht“ von S.J. Watson (Juli 2015, Scherz) wird man es sich überlegen, über das Internet Bekanntschaften zu schließen oder einen Seitensprung zu begehen!

Watson zeigt anhand seiner Protagonistin Julia, daß wir alle ganz leicht zu manipulieren sind. Julia liebt ihren Mann Hugh, der sie nach dem Tod ihres Jugend-Lovers vor dem Drogen- und Alkohol-Sumpf gerettet hat, ist ihrem Adoptivsohn Connor eine gute Mutter und hat einen tollen Job. Aber in ihrem zweiten Leben ist sie besessen von einem Fremden, würde sofort ihre Familie verlassen und verliert jegliche Kontrolle über sich und ihr Dasein.
Julia, eine trockene Alkoholikerin, führt eigentlich ein gutes Leben mit Mann und Sohn in London bis zu dem Augenblick als ihre jüngere Schwester Kate in Paris ermordet wird. Der Kontakt zu ihr war zwar zuletzt durch einige Zerwürfnisse getrübt (Connor ist Kates Sohn, sie wollte sich wieder um ihn kümmern), Kates Tod wirft sie aber total aus der Bahn. Sie begibt sich mit der besten Freundin ihrer Schwester auf eine gefährliche, megaspannende Suche im Internet nach dem Mörder, die den Leser praktisch zwingt, den Thriller in einem durchzulesen. Über eine Dating-Platform beginnt sie eine Affäre mit einem Unbekannten und gerät in einen schrecklichen Sog von Sex, Gewalt und Obsessionen.

Beängstigend und nervenaufreibend!

(LT Feb. 2016)

 

 

Getäuscht

 

Nimmt man Renée Knight’s Buch „Deadline“ (Juli 2015, Goldmann) zur Hand, könnte man glauben, einen weiteren blutigen Krimi zu lesen. Weit gefehlt, dieser sogenannte psychologische Spannungsroman mit all seinen unglaublichen Wendungen gehört zu den unbedingten Empfehlungen, die wir aussprechen wollen. Also lassen Sie sich nicht vom Titel und Cover täuschen!

 

Die schockierende Handlung rund um zwei Ehepaare mit je einem Sohn entwickelt einen solchen Sog, dass man gar nicht aufhören kann zu lesen. Der Autorin gelingt es einfach hervorragend, die Leser für die Geschichte der Catherine zu erwärmen, auch wenn einem das Verhalten der Protagonistin nicht immer schlüssig erscheint. Ihr Leben birgt ein dunkles Geheimnis, das die Beziehung zu ihrem Sohn Nick belastet. Mit einem Schlag und dem Auftreten von Stephen Brigstocke und seinem von ihm und seiner verstorbenen Frau Nancy verfassten für Catherine bedrohlichen Roman – sozusagen ein Buch im Buch - scheint alles, was sie sich mit ihrem Mann Robert aufgebaut hat, in Scherben zu liegen. Eine zwanzigjährige Idylle zerbirst.

 

Knight erzählt die düstere Geschichte um Mutter-Sohn-Dramen zweier Familien auf mehreren Zeitebenen jeweils aus der Sicht von Stephen und von Catherine einfach großartig!

 

(LT Feb. 2016)